Zwei Rentiere im Tierpark Sababurg bei Hofgeismar im Reinhardswald.
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Zwei Rentiere im Tierpark Sababurg bei Hofgeismar im Reinhardswald.

Tiere in Hessen

Wie die Rentiere nach Hessen kamen

Im Tierpark Sababurg leben Rentiere. Ein Denkmal erinnert dort an eine Samin, die vor 430 Jahren zusammen mit einem Rudel nach Hessen verschleppt wurde und zusammen mit ihren Tieren starb.

Kaum ein Tier wird so mit Weihnachten in Verbindung gebracht wie das Ren. In Nordhessen hat ihre Haltung eine jahrhundertealte Tradition. Dahinter: eine traurige Geschichte.

Man weiß nicht, wie sie wirklich hieß und wie sie starb. Doch heute sitzt Suvi-Sárá-Ainá-Ann auf einer Bank im nordhessischen Tierpark Sababurg bei Hofgeismar. In der Hand hält die Statue der skandinavischen Ureinwohnerin ein Geweih eines der Tiere, mit denen sie vor 430 Jahren nach Hessen kam: Rentiere. Ein zahmes Rudel lebt bis heute in dem Wildpark nördlich von Kassel und ist eine beliebte Attraktion.

Wenn Uwe Kunze ruft, kommen Biejje, Åajva, Sirkka und die anderen fünf Rentiere. Besonders schnell sind sie, wenn der Rentier-Mann des Tierparks Essen dabei hat. Erst hört man die Glocken an den Hälsen, dann treten sie aus dem Wald und begutachten Besucher mit weit aufgerissenen Knopfaugen. Scheu sind die Rentiere nicht: Jede geöffnete Tasche wird auf Essbares untersucht. Abgesehen haben es die Tiere auf Moose und Flechten, die ihnen Kunze bringt. Für das Rudel ist das eine wichtig Nahrungsquelle in Winter.

Kunze ist kein Angestellter des Tierparks. Er ist ein erfahrener Rentierhalter und Abenteurer, der abwechselnd in Nordschweden und Nordhessen lebt. Der 65-Jährige hat ein Lappland-Lager im Tierpark Sababurg aufgebaut. Mit seiner Frau bietet Kunze dort Einblicke in das Leben der Tiere, Lappland-Nachmittage und Schulungen zum Rentierführer an. Auch für Schlittentouren setzt er die Rentiere ein.

Kunzes Leidenschaft gilt der Kultur der Samen, eines Volks, das über Teile von Finnland, Schweden, Dänemark und Russland verstreut ist. Zu diesem indigenen Volk habe auch die junge Frau gehört, die vor 430 Jahren mit den ersten Rentieren nach Nordhessen kam, erzählt Kunze.

Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel hatte von den Tieren gehört. Für sein Wildgehege am Fuß der Sababurg kaufte er ein Rudel von Herzog Karl von Schweden. Damit die Tiere die Reise überlebten, wurde eine junge Samin als Begleiterin zwangsverpflichtet oder vielleicht sogar entführt. „Das war kein Einzelfall, es gibt etliche Berichte von zwangseingezogenen Sami-Familien“, sagt Kunze. Die Frau musste mit den Rentieren die lange Reise antreten.

Zu Fuß und per Schiff seien sie in Bremen angekommen und dann über die Weser nach Nordhessen gelangt. Die Ankunft der „fremden Rehe“ und der „wilden Lappenfrau“ sei damals eine Sensation gewesen. Doch die ersten Tiere starben schnell und bald war das komplette Rudel tot. Allein, weit von zu Hause entfernt, sei auch die Lage der Samin verzweifelt gewesen. Sie sei ihren Rentieren gefolgt, erzählt man sich. „Das Mädchen hat sich hier oben wahrscheinlich das Leben genommen“, sagt Kunze und blickt in die dichten Wälder an der Sababurg.

Dass es sich um mehr als eine traurige Geschichte handelt, bestätigt Harald Kühlborn, Sprecher des Landkreises Kassel: „Die Ereignisse sind belegt.“ Auch bei den Ureinwohnern Lapplands ist das Schicksal der Samin bekannt. Die Samen glauben, dass die Seele der Verschleppten keine Ruhe finden konnte, weil ihr Name in Vergessenheit geraten war.

Deswegen reisten  Vertreter des Volkes im Jahr 2003 nach Hessen und gaben der Frau bei einer Zeremonie mit dem Kasseler Landrat den Namen „Suvi-Sárá-Ainá-Ann“. Das steht für die vier Staaten, in denen heute Samen leben. Das Ritual sei eine tränenreiche Angelegenheit gewesen, erklärt Kreissprecher Kühlborn. Die Statue der Frau ist bis heute Anlaufpunkt für Mitglieder des Volkes auf Durchreise: „Es kommen immer mal wieder Samen vorbei“, sagt Kunze.

Die Rentiere an der Sababurg sind keine Nachfahren des einstigen Rudels. Erst beim dritten Versuch und mit Hilfe von Kunze ist es gelungen, die Tiere in Nordhessen dauerhaft heimisch zu machen. Heute pflanzen sie sich im Tierpark fort.

Für den heimischen Garten oder als Werbetier auf Weihnachtsmärkten seien Rentiere aber vollkommen ungeeignet, sagt Kunze: „Das Rentier bleibt ein Wildtier.“  (dpa)

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