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Sascha Erdmann, hier mit Verteidiger Marc Helmer, sagt, er wolle aufklären.
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Sascha Erdmann, hier mit Verteidiger Marc Helmer, sagt, er wolle aufklären.

Prozess

Rechtsstreit um Sektenvorwürfe

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Ein Unternehmen verklagt einen ehemaligen Mitarbeiter. Er soll die Firma als Sekte bezeichnet haben.

Mehrfach fragt das Gericht, ob sich die Parteien nicht doch noch gütlich einigen wollen. Doch Rechtsanwalt Marc Helmer lehnt dies genauso ab wie sein Mandant Sascha Erdmann. Er könne und wolle sich keine Äußerungen verbieten lassen, „die der Wahrheit entsprechen“, sagt Erdmann. Er habe Missstände aufdecken wollen. Die Klägerseite wiederum, eine Medienproduktionsfirma, will weiter gegen Aussagen vorgehen, mit denen der Fotograf dem Unternehmen einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden zugefügt habe, weil Auftraggeber deshalb die Zusammenarbeit auf Eis gelegt hätten. Mitarbeiterin Michaela Berndt (Name geändert) spricht von einer strategisch geplanten, „unglaublichen Story“, deren Ziel eine „Schlammschlacht“ in den Medien sei.

Deshalb hat das Unternehmen seinen früheren Fotografen Erdmann auf Unterlassung verklagt. Ende vergangener Woche befasste sich das Landgericht Frankfurt erstmals öffentlich mit der Sache. Im Kern geht es um Äußerungen, die Erdmann in Interviews beziehungsweise auf einer Facebook-Seite gemacht haben soll. Er habe die Firma als Sekte bezeichnet und geschrieben, dass gegen Mitarbeiter strafrechtliche Ermittlungen liefen. Von „Gehirnwäsche“ und „Ausbeutung“ in dem Unternehmen berichtet. Etwa 16 Stunden Arbeit am Tag seien keine Ausnahme gewesen, teilweise sieben Tage die Woche.

Erdmann ist in einer Glaubensgruppe aufgewachsen, die sein Vater gemeinsam mit zwei anderen ehemaligen Pastoren gegründet hatte. Vor gut vier Jahren ist der 31-Jährige ausgestiegen. Ein Teil der Mitglieder der Gruppierung ist für die Firma tätig. Erdmann verließ diese und die mutmaßliche Sekte nahezu gleichzeitig. Danach verklagte er das Unternehmen, das auch öffentliche Aufträge hatte, auf eine Lohnnachzahlung in sechsstelliger Höhe, am Ende einigten sie sich auf 10 000 Euro brutto. Für die Firma zeigt dies, dass der Vorwurf der Ausbeutung nicht zutreffe. Erdmann sagt, er habe dem Vergleich aus privaten Gründen zugestimmt, gehofft, sich mit seinen Eltern auszusöhnen, die weiter in der Gruppe sind.

Das Unternehmen bestreitet einen Zusammenhang mit der Glaubensgruppe; Privates und Geschäftliches werde getrennt. Erdmann und weitere Aussteiger widersprechen und verweisen etwa auf Schreiben, in denen es heißt, alle Preise und Bestellungen sollten in Absprache mit dem „großen Gott“ gemacht werden.

Die FR hatte den Fall 2014 öffentlich gemacht, zahlreiche Medien griffen das Thema auf. Die Zivilkammer unter Vorsitz von Frowin Kurth deutet an, dass der Fall mit „einigen Problemen“ behaftet sei, etwa: Sind Worte wie „Sekte“ oder „Ausbeutung“ nun Tatsachenbehauptungen, die zu beweisen sind, oder Meinungsäußerungen, die in der Regel – wenn sie keine Schmähkritik darstellen – von der Meinungsfreiheit gedeckt sind? Die Abwägung sei nicht einfach. Gleichzeitig gibt die Kammer beiden Seiten kritische Hinweise. Für sogenannte ehrenrührige Behauptungen liege die Beweislast beim Beklagten. Problematisch sei, dass Erdmann Auftraggeber über die Sekten-vorwürfe informiert habe.

Andererseits sei es ebenso problematisch, dass Erdmann die Aussage, es liefen Ermittlungen, unterlassen solle. Denn die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen eine Person, die für die Firma arbeitet. Es geht um den Tod eines Jungen, der in der Glaubensgruppe aufgewachsen ist und in den 1980er Jahren im Schlaf gestorben sein soll. Damals lagen laut Akte „keine Hinweise auf ein Fremdverschulden“ vor, weshalb die Ermittlungen schnell eingestellt wurden und nicht obduziert wurde. Doch der Fall wirft viele Fragen auf, auch weil der Junge ausgegrenzt und geschlagen worden sein soll. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Fall seit zwei Jahren, sie will die Todesumstände minutiös aufarbeiten.

Die Firmen-Mitarbeiterin, die vergangene Woche vor Gericht erschienen ist, ist die Mutter des Jungen. Berndt verteidigt das Unternehmen entschieden. Und wiederholt, dass es sich um eine „Story“ handele. Gegenüber einem Zeugen habe Erdmann schon vor längerer Zeit gesagt, dass er die Firma vernichten wolle. Erdmann weist den Vorwurf zurück und sagt, der Zeuge habe dies auch deshalb behauptet, weil er ein Eigeninteresse gehabt habe.

Die Staatsanwaltschaft hat in Zusammenhang mit dem Tod des Kindes – wie sie auf FR-Anfrage bestätigte – erst kürzlich einen richterlichen Beschluss erwirkt und Durchsuchungen in einem Privathaus und in der Firma durchführen lassen.

Matthias Seipel, Rechtsanwalt der beschuldigten Person, teilt zu den Ermittlungen mit: „Bestünde nicht nur die Behauptung des Herrn Erdmann, sondern darüber hinaus auch objektive Anhaltspunkte für die Vorwürfe“, so hätte die von ihm vertretene Person „auch längst einen Haftbefehl zu gewärtigen, wie dies bei einem vorhandenen dringenden Tatverdacht regelmäßig der Fall ist.“ Die Person wisse, dass sie sich nichts habe zuschulden kommen lassen, und könne deshalb dem Ausgang des Verfahrens beruhigt entgegensehen, so Seipel.

Die Staatsanwaltschaft sagt, dass die Ermittlungen laufen, weitere Auskünfte werden nicht erteilt. Sie führe dieses Ermittlungsverfahren genauso sorgfältig wie jedes andere; sie ermittle Umstände, die be- und entlastend sein könnten.

Was die Unterlassungsklage angeht, war es nur der erste Termin vor Gericht. Dennoch machten die Parteien schon ihre Positionen klar. Konzentriert trugen sie ihre Argumente vor, welche Emotionen dahinterstecken, war kaum zu erahnen. Es gehe der Klägerseite nicht um Schadenersatz, sondern darum, das Unternehmen zu schützen, sagte Anwältin Konstanze Gerdien, Existenzen seien bedroht. Auch wenn ermittelt werde, dürfe Erdmann nicht damit „hausieren gehen“. Dessen Verteidiger Helmer wies darauf hin, dass die Staatsanwaltschaft sicher nicht grundlos ermittle und Erdmann nicht der einzige Aussteiger ist, der von Missständen berichtete.

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