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Rechte Schläger erneut vor Gericht

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Die nordhessischen Neonazis um Kevin S. müssen sich für einen weiteren Überfall vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Ihre braune Gesinnung ist ungebrochen. Von J. F. Tornau und C. Meyer

Von Joachim F. Tornau und Carsten Meyer

Ein festes Rückgrat scheint nicht zu den rechtsextremen Stärken zu gehören. Wann immer jedenfalls sich Angehörige der berüchtigten Neonazi-Kameradschaft "Freie Kräfte Schwalm-Eder" (FKSE) bislang vor Gericht verantworten mussten, beteuerten sie ihren Abschied von der braunen Szene - auch wenn das nachweislich gelogen war.

Selbst der bekannte rechtsextreme Aktivist Kevin S. hatte von einem Ausstieg fabuliert, als er wegen des brutalen Neonazi-Überfalls auf ein linkes Zeltlager am Neuenhainer See vor dem Kasseler Landgericht stand und im Januar zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt wurde.

Am kommenden Mittwoch, 2. September, muss der 20-Jährige nun erneut auf der Anklagebank Platz nehmen: Vor dem Amtsgericht in Schwalmstadt geht es um seine Beteiligung an einer weiteren gezielten Attacke auf Nazi-Gegner - ebenfalls im Sommer 2008, aber rund einen Monat vor dem Angriff auf das Camp der Linksjugend "Solid".

Und diesmal sollte es Kevin S. schwer fallen, mit seiner angeblichen Läuterung zu punkten. Denn noch nach seiner Verurteilung hatte er sich in einer lokalen Internet-Community eine Profilseite zugelegt, auf der führende FKSEler umgehend unter der Rubrik "Freunde" auftauchten. Und auch aus seinen braunen Überzeugungen machte der 20-Jährige dabei keinen Hehl: Er bekannte sich zu Neonazi-Bands ebenso wie zu den rassistischen "Turner-Tagebüchern" von William L. Pierce. Ein Ausstieg sieht anders aus.

Der 20-Jährige steht in Schwalmstadt zusammen mit fünf mutmaßlichen Mittätern vor Gericht. Der Nachweis, dass auch sie ihrer Gesinnung treu geblieben sind, fällt zumindest bei einigen nicht schwer: Ihre Selbstdarstellungen im Internet lassen daran keinen Zweifel.

Stefan R. etwa - mit 24 Jahren der älteste Angeklagte - präsentiert in seiner Bildergalerie übelste antisemitische Hetze, die den Juden kurzerhand die Schuld an Kriegen, Krisen und internationalem Terror zuschiebt.

Und Marc O. (20) zitiert den völkischen Dichter und Hitler-Verehrer Erich Limpach und beschreibt sich als "ideologisch gefestigt, latent gewaltbereit" - eine wörtliche Übernahme aus der Frankfurter Rundschau, die damit die Charakterisierung der "Freien Kräfte Schwalm-Eder" durch den Rechtsextremismus-Experten Benno Hafeneger zusammengefasst hatte.

Wie richtig der Marburger Erziehungswissenschaftler mit dieser Einschätzung gelegen hat, belegen die beiden Neonazis gleich selbst: Wie Kevin S. hatten sie bereits mit der Justiz zu tun, weil sie ihrem rechtsextremen Gedankengut mit Gewalt zur Durchsetzung verhelfen wollten.

Und mit Markus D. ist ein vierter Angeklagter sogar schon mehrfach einschlägig aufgefallen: Unter anderem hatte sich der 22-Jährige beim Angriff am Neuenhainer See an den Autos der linken Camper ausgetobt. Bei einer späteren Hausdurchsuchung fand die Polizei nicht nur Schlagstöcke und verbotene Butterfly-Messer, sondern auch Gewaltvideos in seinem Computer.

Die Wände seiner Wohnung hatte er mit Transparenten dekoriert, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig ließen: "Soldaten der Wehrmacht - Sie waren die Helden", stand darauf zu lesen. Oder auch: "South Rise Again" - auf der Fahne der amerikanischen Südstaaten, mit dem Bild eines stilisierten Ku-Klux-Klan-Reiters.

Ob sich Kevin S. und seine Schwalm-Eder-Freunde trotz alledem trauen, vor Gericht die Aussteiger zu mimen, wird spannend. Und erst recht, ob ihnen das dann noch irgendjemand glauben möchte.

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