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Die schwarze Rauchfahne aus den Krematoriumsöfen war weithin sichtbar, auch im Sommer 1941.

Interview

„Die Recherche war schwer zu ertragen“

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Hartmut Traub hat die Geschichte seines Onkels Benjamin erforscht. Es macht ihn noch immer fassungslos, was in Hadamar mit ihm geschah.

Hartmut Traub (67) ist Honorarprofessor für Philosophie und Didaktik an der privaten Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter in Nordrhein-Westfalen. Er wurde in Mülheim an der Ruhr geboren. Zu seinen Schwerpunkten gehört die Erforschung der Geschichte der NS-Euthanasie.

Professor Traub, was für ein Mensch war Ihr Onkel Benjamin?
Aus den Recherchen, die ich zum Leben meines Onkels angestellt habe, geht hervor, dass Benjamin ein ruhiges und freundliches Kind war. Wie seine drei Brüder hat auch er als Kind Klavier und Geige spielen gelernt. Er sammelte Briefmarken, spielte Schach und schrieb Gedichte. Er hatte gute Zeugnisse und war bei den Nachbarn wegen seiner Freundlichkeit beliebt. Als Kind eines baptistischen Predigers half er auch in der Gemeindearbeit. Beni war, wie man heute sagen würde, ein netter Junge.

Wie kamen Sie auf die Idee, sein Schicksal zu erforschen?
Es war nicht meine Idee, die Lebensgeschichte von Benjamin zu erforschen. Es war der ‚Verein der Verfolgten des Naziregimes‘ (VVN) und der Geschichtsverein meiner Heimatstadt, die mich bei einer Stolpersteinverlegung für die Opfer der NS-„Euthanasie“ baten, ein Informationsblatt zur Biografie von Benjamin Traub zu erstellen.

Wie lange haben Sie geforscht?
Es hat etwa zwei Jahre gedauert, bis ich alles verfügbare Material aus dem Nachlass meines Vaters, verschiedenen Archiven und anderen Quellen zusammengetragen hatte, um etwas Verlässliches zu Benjamins Leben und Sterben zu schreiben. Aus dem Informationsblatt ist dann ein Buch mit zeitgenössischen Dokumenten und Fotos entstanden.

War es einfach, die Geschichte zu rekonstruieren?
Die Mitarbeiter der Landschaftsverbände, der Archive und der Gedenkstätten, in Hadamar etwa, waren überaus hilfsbereit. Auch eine Familienangehörige, die Benjamin als Kind und Jugendlichen kannte, konnte ich zu seinem Leben befragen. Aber die psychologischen Aspekte der Recherche waren bisweilen schwer zu ertragen. Die Geschichte der Opfer der NS-„Euthanasie“ und Eugenik ist eines der finstersten und abgründigsten Kapitel der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Und damit meine ich nicht nur die Zeit zwischen 1933 und 1945, sondern auch und vor allem die Verdrängung dieses Themas und die Unterdrückung seiner Aufarbeitung durch Politik und Gesellschaft in den Jahrzehnten danach. Dieser Teil der Rekonstruktion hat mich mehr als nur einmal fassungslos gemacht. So etwa die Umstände, die es bis heute verhindert haben, die Opfer der NS-„Euthanasie“ als Opfer des NS-Staats gemäß dem Bundesentschädigungsgesetz anzuerkennen.

Wie kam Ihr Onkel ins Visier der Nationalsozialisten?
Den Nationalsozialisten ging es darum, den ökonomischen Aufwand für besonders Pflegebedürftige möglichst klein zu halten. Diese Menschen wurden als „Ballastexistenzen“ diskriminiert. Das zweite Ziel war eugenisch begründet. Hier wandte sich die Politik im Dienst der sogenannten Volksgesundheit gegen Patienten, deren Krankheiten man für erblich hielt oder dafür erklärte. Dieser Patientenkreis wurde bereits ab 1934 auf der Grundlage des „Gesetzes zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ zunächst sterilisiert und dann ab 1940 im Rahmen der „Aktion T4“ in Tötungsanstalten umgebracht. Zu den im Erbgesundheitsgesetz genannten Krankheitsbildern gehörte auch das an meinem Onkel diagnostizierte Krankheitsbild der Jugendschizophrenie. Diese Diagnose war zum damaligen Zeitpunkt für Tausende von Patienten in den Heil- und Pflegeanstalten ein Todesurteil.

Was geschah mit Ihrem Onkel?
Er kam nach Weilmünster. Das war ab Ende 1940 eine sogenannte Zwischenanstalt. Aus verschiedenen Pflegeanstalten des Umkreises wurden Patienten, die für die Ermordung in der Tötungsanstalt Hadamar ausgewählt worden waren, hierher ,verlegt‘.

Wie erging es ihm dort?
In der Anstalt herrschten verheerende Zustände. Viele der Todgeweihten verstarben schon hier, bevor sie nach Hadamar kamen, an Unterernährung, Erschöpfung und Misshandlungen. Es ist das besonders Verabscheuenswürdige der NS-„Euthanasie“, dass Einrichtungen und Personen, die im gesellschaftlichen Ansehen standen, sich um das Heil, die Gesundheit und die Pflege besonders schutzbedürftiger, arg- und hilfloser Menschen zu kümmern, systematisch an deren Vernichtung arbeiteten durch Nahrungsentzug, körperliche und seelische Misshandlung, durch Vergiften und schließlich durch systematische Tötung. Das macht die Auseinandersetzung mit der NS-„Euthanasie“ zur besonderen psychischen Belastung, gerade, wenn es sich bei den Opfern um nähere Familienangehörige handelt. Ich kenne Angehörige, die sich den Besuch einer Gedenkstätte wie Hadamar nicht zumuten.

Historie

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden auf dem Mönchberg in Hadamar erstmals Menschen mit seelischen Erkrankungen behandelt. Zudem gab es dort eine so genannte Korrigendenanstalt, in der straffällig gewordene Menschen zu einem geregelten Leben geführt werden sollten.

In den 1920er-Jahren erhielt die Einrichtung den Namen Landesheil- und Erziehungsanstalt.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude zum Reserve-Lazarett der Wehrmacht.

Ende 1940 wurde Hadamar zu einer Tötungsanstalt umgebaut. Sie wurde Teil der systematischen Erfassung und Ermordung von Patientinnen und Patienten von Heil- und Pflegeanstalten, der Aktion T4, die nach der Verwaltungszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 benannt ist.

Von Januar bis August 1941 wurden mehr als 10 000 Menschen in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet.

Von August 1942 bis Kriegsende im März 1945 wurden noch einmal mindestens 5000 Menschen mit überdosierten Medikamenten umgebracht oder man ließ sie verhungern.

Am 26. März 1945 befreiten us-amerikanische Soldaten die überlebenden Patientinnen und Patienten.

Wissen Sie, wie er seine letzten Stunden verbrachte?
Ja, das weiß ich leider ziemlich genau. Weilmünster und Hadamar haben über die Transporte und die Geschehnisse Buch geführt. Daher weiß ich, trotz der Vertuschungsversuche der damaligen Behörden, das Todesdatum meines Onkels ziemlich genau. Auch die Personen, die in den Anstalten zu dieser Zeit ihren teuflischen Dienst versahen, sind namentlich und auch mit Bild bekannt.

Wie ist Ihr Onkel gestorben?
Benjamin ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Morgen des 13. März 1941 mit 60 anderen Personen von einem Bus der ‚Gemeinnützigen Krankentransport GmbH‘ in Weilmünster abgeholt und dann nach Hadamar gebracht worden. Die Busse fuhren in große Holzgaragen, die durch einen abgeschirmten Schleusengang mit dem Haupthaus verbunden waren. Dort gelangten die Patienten in einen Aufnahmesaal. Ihre Krankenakten wurden auf Vorerkrankungen untersucht, um aus ihnen eine plausible Todesursache für den Totenschein abzuleiten. Träger von Goldzähnen und medizinisch „interessante Fälle“ wurden besonders registriert.

Was geschah dann?
Die Menschen wurden in den Keller in den Duschraum gebracht. Dieser Duschraum, ein etwa 15 Quadratmeter großer gefliester Raum mit einem kleinen doppelflügeligen Fenster, wurde hinter ihnen abgeschlossen. Im Nebenraum öffnete vermutlich der diensthabende Arzt die Gasflasche, und aus den Duschköpfen beziehungsweise den in etwa einem Meter Höhe verlaufenden perforierten Zuleitungen strömte Kohlenmonoxid. Was sich in der Gaskammer ereignete, wurde durch ein Seitenfenster beobachtet. Nach zehn bis fünfzehn Minuten waren die Menschen am Gas erstickt. Die Toten wurden zum Krematoriumsofen gebracht. Anfangs auf Bahren getragen, später über den mit besonders glattem Betonboden versehenen Gang geschleift und im Ofen verbrannt. Etwa 60 Leichname täglich. Gearbeitet wurde, nach Aussagen des damaligen Personals, rund um die Uhr.

Was weiß man über das Personal, das in Hadamar arbeitete?
Im Tötungstrakt von Hadamar arbeiten in der Verwaltung, dem Transportdienst, in der Küche und der Wäscherei etwa 70 bis 100 Personen. Das im engeren Sinne für die Tötung und Einäscherung der Patienten zuständige medizinische und technische Personal rekrutierte sich überwiegend aus dem Bestand der 1940 geschlossenen Vernichtungsanstalt von Grafeneck. Bei diesem Personenkreis kann man davon ausgehen, dass es ideologisch hinter dem Programm der NS-„Euthanasie“ stand. Im Frühjahr 1941, also zum Todesdatum meines Onkels, war Dr. Günter Hennecke einer der für die „Aufnahmeuntersuchung“ und Tötung der Patienten zuständigen Ärzte. Im Keller in der Gaskammer und an den Krematoriumsöfen arbeitete Hubert Gomerski als sogenannter Brenner. Insgesamt darf man das Personal als für sein mörderisches Geschäft besonders geschultes Personal ansehen. Viele von ihnen arbeiteten nach dem Ende von „T4“ im August 1941 in den Vernichtungslagern in Polen.

Die Menschen in der Umgebung müssen doch gewusst haben, was passierte, oder?
Nach der Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-„Euthanasie“ im Deutschen Bundestag, im Januar 2017, zu der ich die Ehre hatte zu sprechen, erhielt ich einen Brief, in dem über einen Arzt in Hadamar berichtet wurde, der Eltern davon abgeraten hatte, ihre Kinder in die Heilanstalt auf dem Mönchsberg einweisen zu lassen. Der Arzt wusste offenbar, was dort vor sich ging.

Und die normale Bevölkerung?
Da die Krematoriumsöfen im Dauerbetrieb waren und die Rauchsäule über der Stadt gut sichtbar war, ist davon auszugehen, dass die Bevölkerung zumindest eine Ahnung über die Vorgänge in der Klinik hatte. Schließlich waren es die in die Öffentlichkeit vorgedrungenen Nachrichten über die Zustände und Abläufe in den Tötungsanstalten, die dazu führten, dass die von Berlin aus zentral gesteuerte Massentötung von Kranken und Behinderten im August 1941 eingestellt wurde. Die „dezentrale“ Tötung von Patienten durch Morphium-Spritzen, Verhungern oder Misshandlung wurde allerdings fortgesetzt, zum Teil sogar über das Kriegsende hinaus.

Sie wurden elf Jahre nach dem Tod Ihres Onkels geboren. Warum bewegt Sie sein Schicksal so?
Die Recherche zum Leben und Sterben meines Onkels hat mir physisch erfahrbar gemacht, dass unser gegenwärtiges Leben im Privaten wie im Gesellschaftlichen unauflösbar mit der Vergangenheit zusammenhängt. Und zwar über die Generationsgrenzen hinaus. Geschichte ist kein Film und wir sind keine Zuschauer. Die Beschäftigung mit dem Schicksal meines Onkels bewegt mich, weil sein Schicksal mich hellhörig gemacht hat, wenn es heute politisch und gesellschaftlich um Fragen des Menschenbildes geht, so etwa in der Debatte um die Organspenden oder die Pränatal-Diagnostik zu Früherkennung von Trisomie 21. Benjamins Schicksal und das seiner hunderttausend Leidensgenossen und -genossinnen hält das Bewusstsein darüber wach, dass Humanismus als Idee nur solange einen Wert hat, solange sich unser tägliches, praktisches Leben und Handeln an ihm kompromisslos orientiert.

Interview: Peter Hanack

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