Schönster Frühling und Corona-Lockdown.

FR-Gartenserie

„Rasenpflege reduzieren“

  • schließen

Je magerer der Boden, desto größer die Pflanzenvielfalt - Fachfrau Reichhold-Appel rät, weniger zu düngen und zu mähen.

Schönster Frühling und Corona-Lockdown – das bedeutet jede Menge Zeit für Gartenarbeit. Beate Reichhold-Appel von der Hessischen Gartenakademie erklärt, wie aus einem Rasen ein bunter Lebensraum für Bienen, Hummeln und Käfer wird.

Um Insekten Nahrung zu bieten, werden Blumenwiesen anstatt Rasen empfohlen. Wie bekomme ich das mit meinem Rasen hin?

Wenn Sie die Rasenpflege reduzieren, nicht düngen und nur noch zweimal im Jahr mähen, stellen sich Kräuter ein, die sich selbst aussäen und den Standort abmagern. Je magerer die Fläche wird, umso mehr Pflanzenarten werden wachsen. Die Vielfalt nimmt von Jahr zu Jahr zu. Zuerst kommen Gänseblümchen und Löwenzahn, später gedeihen je nach Standort der Wiesenklee, Wegerich-Arten, Wiesen-Labkraut, Schlüsselblume sowie Magerwiesen-Margerite. Den Löwenzahn sollten Sie ausstechen, bevor aus der Blüte die Pusteblume wird, damit er sich nicht zu stark verbreitet. Er bildet Tausende von Samen, die überall auskeimen können. Allerdings ist für unsere Insekten- und Vogelwelt der Löwenzahn wichtig, den Blütennektar lieben die Insekten und viele Vögel den Samen.

Wann soll gemäht werden?

Am besten Ende Juni, wenn die Samenreife abgeschlossen ist, und im August. Wichtig ist, das Mahdgut zu entfernen, damit der Boden schön ausmagert. Am besten legt man es in eine Ecke, damit es als Unterschlupf für viele Tiere dient. Wenn nur zweimal gemäht wird, haben die Kräuter die Chance, hochzukommen. Und es entsteht ein dynamischer Lebensraum für Pflanzen und Tiere, der sich von Jahr zu Jahr ändert.

Was heißt das?

Beate Reichhold-Appel.

Manche Pflanzengesellschaften setzen sich in einem Jahr durch, andere im nächsten Jahr. Das ist abhängig vom Wetter und davon, welche Samen Vögel und Ameisen hineintragen. Die Artenvielfalt steigt.

Funktioniert das auch bei kleinen Rasenstücken?

Ja, das geht auch auf einem Quadratmeter. Man lässt einfach alles stehen, was sich dort entwickelt. Ich rate dazu, es zunächst auf einem kleinen Teil seines Rasens ausprobieren, vielleicht auf Inseln oder in einer Ecke neben einer Hecke. Dann werden die Wege mit dem Rasenmäher kurz gehalten. Wer kleine Kinder hat, der sollte ein Stück Rasen für die Kleinen reservieren, damit sie nicht barfuß in Bienen treten.

Zur Person

Beate Reichhold-Appel, 59, ist Fachgebietsleiterin der Hessischen Gartenakademie beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen in Geisenheim. Die Agrar-Ingenieurin hat an der Justus-Liebig-Universität in Gießen studiert.

Die Hessische Gartenakademie  ist eine Bildungseinrichtung des Landes Hessen mit den Standorten Kassel und Geisenheim. Ihre Workshops, Seminare und Fortbildungen richten sich an Freizeitgärtner und Mitarbeiter von Kommunen und öffentlichen Einrichtungen.

Das Gartentelefon  bietet unter der Nummer 0561/7299377 unabhängige Beratung zu allen Fragen rund um den Garten. Servicezeiten sind montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr und mittwochs von 14 bis 16 Uhr. 

Die Sommer werden aufgrund des Klimawandels immer heißer. Hält so eine Wiese der Hitze besser stand?

Ja, das tut sie. Wir müssen in der Tat daran denken, dass es bei großer Trockenheit verboten sein könnte, den Rasen zu wässern. Da brauchen wir eine Alternative. Die Gräser und Kräuter, die höher als der übliche Rasen wachsen dürfen, sind widerstandsfähiger. Die einen beschatten die anderen, die Pflanzen wurzeln tiefer. Bei über 42 Grad Celsius, was wir an heißen Sommertagen nun schon erreichen, geht das Gras kaputt. Die Kräuter überleben, aber man muss es aushalten, dass sie dann nicht mehr so schön aussehen. Aber sie haben eine Funktion. Sie bieten immer noch den Insekten Nahrung.

Im vergangenen Sommer haben sich sehr viele Grashüpfer in unserer Blumenwiese getummelt.

Ja, die Wildkräuter bieten Nahrung und Pollen für Wildbienen, Hummeln und viele Insektenarten, Spinnentiere, Ameisen. Wer einige Brennnesseln im Garten stehen lässt, bietet Futter für Larven und Raupen. Schwebfliegen und viele Käferarten ernähren sich von Blütenpollen der Schafgarbe.

In der Corona-Krise haben die Menschen Zeit. Was können sie tun, um schneller zu einer Kräuterwiese zu kommen?

Wer nicht so lange warten möchte, der kann Wildstauden einpflanzen. Zum Beispiel Färberkamille, Berg-Flockenblume oder Glockenblume und viele andere. Das sind Pflanzen, die die Trockenheit aushalten. Aber um anzuwachsen, müssen sie gut gewässert werden.

Und die werden auch gemäht?

Ja, im ersten Jahr sollte auf den ersten Schnitt verzichtet werden. Einige der Stauden sind im August/September schon verblüht und werden durch den Rückschnitt zu einer zweiten Blüte angeregt, zum Beispiel der Wiesen-Salbei, die Wiesen-Schafgarbe und die Wiesen-Margerite.

Glauben Sie, dass sich das Insektensterben so aufhalten lässt?

Ich hoffe, dass mit der Natur zu gärtnern, ein kleines Stück dazu beiträgt, die Artenvielfalt zu fördern und stabil zu halten. Das ist der Sinn meiner beruflichen Tätigkeit.

Interview: Madeleine Reckmann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare