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Back in the days: RAG vor knapp 20 Jahren. Galla (2. v. l.) kann die Jubiläumstour leider nicht mehr miterleben.

Ruhrpott AG in Wiesbaden

Rapper unter Tage

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Die Ruhrpott AG geht 20 Jahre nach ihrem Debüt-Album wieder auf Tour. Auftakt ist in Wiesbaden.

Ende der 90er, als die deutsche Rap-Szene vor allem von den Protagonisten bestimmter Städte und Ballungszentren wie Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, Heidelberg, München oder dem Ruhrgebiet geprägt war, platzte plötzlich 1998 eine Bombe in diese Welt: Die Bands Raid und Filo Joes hatten sich zur Ruhrpott AG zusammengetan und mit „Unter Tage“ eine Platte veröffentlicht, die bis heute als einer der Meilensteine gilt. Nun gehen sie damit auf Jubiläumstour.

RAG setzte Maßstäbe. Tiefgehende Inhalte wie bei „Requiem“, die Hymne an die verstorbenen Eltern vom Mitglied Galla, Battletracks wie „Unter Tage“ mit Unterstützung von Creutzfeld & Jakob oder lyrische Geniestreiche wie „Kreuzwortfeuer“, bei dem fast vier Minuten lang Gegensätze und Widersprüche metaphorisch aneinandergereiht werden. „Ich geb‘ dem Lexikon das Wissen, nehm‘ dem Nichts das Sein…“

RAG hoben deutschen Rap auf ein neues Level, wozu auch ihr zweites Werk „Pottential“ beitrug. Doch danach gingen die Musiker auseinander und eigene Wege. 

DJ Mr. Wiz, der heute lieber Beat Sampraz genannt wird, blieb weiterhin als DJ, Produzent und Tontechniker tätig. Aphroe, mittlerweile in Köln, und Pahel, einst Gitarrist bei den Kassierern und seit 13 Jahren in Washington wohnhaft, machten als Solokünstler weiter. Galla zog um nach Berlin, eröffnete einen Hip-Hop-Szene-Laden, nahm ein Soloalbum auf, verzettelte sich dann im Nachtleben der Hauptstadt, ging mittellos zurück in seine Heimatstadt Bochum – und starb dort 2011 überraschend an einem Hirninfarkt. 

Ein „irreparabler Verlust“, wie es Aphroe ausdrückt. Galla, der so lyrisch, poetisch und melancholisch wie kaum ein zweiter Rapper war, so voller Bildsprache und Tiefgang, hinterließ mit „Requiem“ plötzlich ein Lied, das sich nicht nur auf seine Eltern, sondern nun auch auf ihn ummünzen ließ. „Ein Anfang, ein Ende, zwei Zyklen, ein Eid. Alpha und Omega -was ist schon für die Ewigkeit?!“

Die Antwort gaben RAG und rund 1000 Zuschauer im Februar beim hinter den Kulissen schon länger geplanten Comeback-Konzert in Dortmund. Sie hielten das Andenken an Galla hoch. Aphroe erinnert sich: „Hilflos steht man dann auch zu dritt bereits in den Proben da zusammen und wird zu gleichen Teilen von Gefühlen übermannt, die dich von der einen auf die andere Sekunde erwischen, wenn wir ‚Requiem‘ mitperformen.“ Doch beim Konzert kam dann „nochmal der Faktor Empfänger dazu, und von der Seite kommt bekanntlich auch noch eine Menge Emotion wieder zurück“.

So wird es dann wohl auch am 6. Dezember im Kontext in Wiesbaden sein, beim Auftakt zur Tour. Die hatte sich ergeben, nachdem der „Lieblingsplatte“-Gig in Düsseldorf, den RAG als „richtig amtliche prestigeträchtige Show für uns in NRW“ angedacht hatten, innerhalb von 60 Tagen ausverkauft war. Nun bildet er den Abschluss der Konzertreihe, die die Musiker auch noch nach Stuttgart, Berlin, Hamburg und Leipzig führt.

Bei allen Auftritten wird „Unter Tage“ im Fokus stehen, aber „wir wären nicht wir, wenn es da nicht noch Unerwartetes zu entdecken gäbe“, schraubt Aphroe die Erwartungen hoch.

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