Islam

Ramadan in Corona-Zeiten? „Wie Advent ohne Weihnachtsmärkte“

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Der Frankfurter Islamwissenschaftler Bekim Agai berichtet im FR-Interview, was Ramadan in Corona-Zeiten für Muslime bedeutet und welche Parallelen es zu anderen Religionen gibt.

Am heutigen Freitag beginnt für Muslime in aller Welt der Ramadan. Der Frankfurter Islamwissenschaftler Bekim Agai berichtet, wie diese Fastenzeit, die normalerweise von festlichem Fastenbrechen an den Abenden begleitet wird, in Corona-Zeiten begangen werden kann.

Herr Agai, wie feiern Sie Ramadan in Corona-Zeiten?

Die Abende im Ramadan sind meistens geprägt von Einladungen im Freundes- und Bekanntenkreis, von Institutionen und Vereinen. Auf einige freut man sich schon das ganze Jahr. Jede Zusammenkunft in großer Gruppe fällt dieses Jahr flach, aber dafür gibt es jede Menge Ideen, alternativ zu feiern. Ich bin mal gespannt, was sich da alles an neuen Möglichkeiten ergibt und wie das wird.

Die Moscheen bleiben geschlossen. Was bedeutet das für die Muslime?

Der Ramadan ist der Monat, in dem die Moscheen den meisten Zulauf haben, auch von denen, die ansonsten eher selten in eine Moschee gehen. Mit dem Schließen der Moscheen wird eine religiös-kulturelle Selbstverständlichkeit von vielen durchbrochen, die ein wichtiger Teil des Ramadan-Gefühls ist. Auch ohne die Moschee kann der Ramadan praktiziert werden. Vielen wird dabei aber etwas fehlen. Es wird sich anders anfühlen.

Wie gehen Moscheegemeinden und Islamverbände denn damit um?

Sie versuchen alternative Angebote zu schaffen, um über die sozialen Medien doch ein wenig das Gemeinschaftsgefühl aufkommen zu lassen. Wenn man nicht physisch nebeneinander isst und betet, dann vielleicht wenigstens virtuell.

Was fehlt den muslimischen Gläubigen in diesem Ramadan am meisten?

Ich denke, dass es das Gemeinschaftsgefühl ist, da ja nicht nur die Moscheen geschlossen sind, sondern auch die zahlreichen Besuche im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis wegfallen. Außerdem wird im Ramadan der Koran in den Moscheen gemeinsam gelesen und besondere Gebete werden verrichtet, viele etablierte religiös-spirituelle und soziale Praktiken müssen dieses Jahr anders stattfinden.

Die Familien rücken notgedrungen enger zusammen. Was bedeutet das für den Umgang im Ramadan?

Vieles vom Ramadan wird im engsten Familienkreis stattfinden und alle stehen vor der schwierigen Frage: Wie gehe ich damit um, dass jede Form von Nähe auch ein Risiko ist? Was macht der oder die Einzelne, wenn die Eltern gerne einladen, um Kinder und Enkel zu sehen. Sagt man aus Liebe und Verantwortung ab oder wider besseren Wissens zu? Eine schwierige Frage.

Den Moscheegemeinden brechen durch die Auswirkungen der Pandemie auch Einnahmen weg. Wie wirkt sich das aus?

Im Ramadan kann die Moschee ihre Wichtigkeit für ganz viele unter Beweis stellen. Es ist zudem eine traditionelle Zeit des Spendensammelns auch für den Rest des Jahres. Diese Ausfälle zu kompensieren wird vielen Gemeinden Kopfzerbrechen bereiten, da sie sich selbst finanzieren. Insofern machen sich die Moscheen sicherlich Gedanken dazu, wie sie diejenigen erreichen können, die sonst im Ramadan in der Moschee waren.

Manche Moscheegemeinden und -verbände bemühen sich, mit Online-Angeboten Ersatz zu schaffen. Ist das eine Chance, neue Formen des Austauschs zu finden?

Ich denke, dass die Moschee wie viele Lebenswelten gerade eine Blitz-Digitalisierung durchmachen. Es gibt viele technische Möglichkeiten, die jetzt erprobt werden und von denen sich einige auch nach dem Ende der Corona-Krise weiterführen lassen.

Zugleich erleben Muslime in aller Welt ähnliche Einschränkungen. Verbindet das auf besondere Weise?

Ja, dies verbindet, weil alle zeitgleich dieselbe Erfahrung durchmachen. Der Ramadan 2020 wird sicherlich noch in 20 Jahren unter Muslimen und Musliminnen verschiedener Länder erinnert werden, aber vor allem verbindet es die Muslime in Deutschland mit ihrem nahen Umfeld. Die Moschee ist eben Bestandteil des Wohnorts und von denselben Entwicklungen betroffen wie ihre Besucher und Besucherinnen, städtische Schulen und Geschäfte.

Auch Christen und Juden haben an Ostern und am Pessach-Fest nicht in Kirchen und Synagogen feiern dürfen. Verbindet auch das?

Natürlich ist die Verbindung mit anderen Religionsgemeinschaften hier offensichtlich. Ich denke, dass sich diese Gemeinsamkeiten momentan aufdrängen und schon jetzt zu gemeinsamen Aktionen geführt haben. Dieses Jahr ist Ramadan für Muslime und Musliminnen wie für Christen eine Adventszeit ohne Weihnachtsschmuck, gemeinsame Weihnachtsessen und Weihnachtsmärkte, gemeinsame Advents- und Weihnachtsgottesdienste.

Das gemeinsame Fastenbrechen war immer eine Möglichkeit, dass muslimische Gemeinschaften sich besonders öffnen für Kontakte nach außen, zur nicht-muslimischen Umgebung. Was bedeutet das für diese Kontakte?

Die Kontakte bleiben ja bestehen, aber der Ramadan war immer eine Gelegenheit, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, Kontakte aufzufrischen, alte und neue Bekannte jenseits des Alltags in guter Stimmung als Gastgeber begrüßen zu dürfen. Diese Kontakte bestehen natürlich weiterhin, aber die Gemeinden und Vereine müssen dann eben über alternative Formen der Zusammenkunft nachdenken oder aber sich andere Gelegenheiten einfallen lassen, das Verpasste nachzuholen.

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