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Eng ging es zu beim Zieleinlauf der Elite an der Alten Oper.

Radrennen

John Degenkolb und der Radklassiker Eschborn-Frankfurt

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Der Radklassiker Eschborn-Frankfurt beweist: John Degenkolb und die Klatschwurst sind noch lange nicht am Ende.

Manchmal wartet man ja gerne. Wie üblich bei solchen Veranstaltungen ist am Nachmittag in der Innenstadt kein Durchkommen mehr. Und die Ordner entlang der abgesperrten Straßen antworten auf die Frage, ob es denn irgendwie möglich sei, auf die andere Straßenseite zu gelangen, mit der sibyllinischen Nonchalance von Kafkas Gesetzes-Wächter: Es sei möglich. Aber nicht jetzt.

Also steht man ein wenig in der Gegend herum und ärgert sich nicht. Das Wetter ist prima. Und das Radrennen am 1. Mai ist mit dem Marathon noch das sympathischste unter den vielen sportlichen Großereignissen, die die Mainstadt alljährlich heimsuchen. In Ermangelung eines echten Henninger-Turms hat es zwar keinen wohlklingenden Namen mehr, aber wenigstens ist mittlerweile das bescheuerte Wort „Finanzplatz“ aus dem Titel verschwunden. Ebenfalls verschwunden scheinen die entsetzlichen aufblasbaren Klatschwürste, die in den vergangenen Jahren den Zieleinlauf zur Ohrenfolter gemacht hatten. Man kann also in Ruhe warten. Und in der Gewissheit, dass man irgendwann schon seinen Weg zur Alten Oper finden wird, wo wie üblich der Zieleinlauf ist und auch ansonsten die Musik spielt.

Der Platz vor der Alten Oper entfaltet, wenn man erst mal hingekommen ist, echten Jahrmarktscharakter. Eine Sensation jagt die nächste. Am Stand von Hessen Lotto hat man sich etwas neues zur Gäste-Erniedrigung ausgedacht: Eine Tischtennisplatte mit integrierter Elfer-Wand. „Mit sechs Richtigen zum Finale“, lockt Lotto, aber sechs Richtige samt Zusatzzahl auf dem Tippzettel sind weit wahrscheinlicher als sechsmal am Stück hier einlochen zu können.

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Schlimmer noch wird es am Stand des Sportamts, wo man auf einer Sensormatte samt Bildschirm Skisprung oder Slalomlauf simulieren kann. „Dein Gewicht hat sich aber ganz schön verändert“, informiert einen der Bildschirm, als man sich gerade vom Backen stürzen will. Und angesichts der Tatsache, dass zuvor ein Kleinkind auf der Matte gestanden hatte, muss man wohl froh sein, dass der Computer, der Arsch, das Wort „schön“ nicht in Anführungszeichen gesetzt hat. Ein paar Meter weiter gibt es an einem anderen Stand Pröbchen eines koffeinhaltigen Haarwaschmittels und die Möglichkeit, sich gratis den Bart trimmen zu lassen. So vielseitig ist der Radsport!

„Große Stars werden nur durch große Kämpfe geformt“, informiert ein großes Plakat der Veranstalter. Da scheint was dran zu sein. Vor einem Stand mit hochpreisigen Radler-Leibchen steht ein Mann mit Baseballkappe und Boxernase. „Ist das nicht Sven Ottke?“, fragt eine Frau ihre Stehnachbarin. „Ich bin ja kein Box-Fan, aber jetzt, wo Sie’s sagen ...“, antwortet die. Dann sprechen die beiden den Mann an. Sven Ottke, in den Neunzigern und Nullerjahren Weltmeister der IBF und der WBA (mehr als 20 Titelverteidigungen) ist so überrascht, dass er kurz die Deckung vernachlässigt, zwei schnell und gezielt geschossene Selfies kassiert und leicht benommen in Richtung eines Standes enttaumelt, der giftmüllfarbene Radlersocken für zehn Euro das Paar verkauft. „Das ist jetzt mal ’ne schöne Erinnerung“, sagt die Frau, die bis eben noch kein Box-Fan war. Um Ottke aber muss man sich nicht sorgen. Der boxt sich durch und wird seinen Weg schon finden.

Und selbst wenn nicht: Die Organisatoren haben überall Informationsschilder aufgestellt, die genau erklären, wo man was beim Radrennen findet. Die Karten sind einfach zu lesen, vor allem für Engländer. Wenn man etwa mal schnell duschen will, geht man einfach vom Giant Screen in Richtung Stage und biegt in Höhe vom Radio Dismantle rechts ab, schon steht der Körperhygiene nichts mehr im Wege. Warum die Shower auf der Karte aber „Dusche“ genant wird, bleibt Signmaker’s Secret.

Auch die Tradition sinnfreier Giveaways wird in diesem Jahr hochgehalten. Wie üblich gibt es für lau die Trinkflaschen in Hantelform, deren Sinn die Wissenschaft bis heute vergebens zu ergründen sucht. Aufgrund ihrer seltsamen Form passen sie in keine Haltevorrichtung, auch eine akzeptable Innenreinigung ist völlig unmöglich. Die diesjährigen Hantelflaschen sind zudem quietschgelb und tragen die Aufschrift der Raubritterkommune Eschborn. Dennoch erfreuen sich die unschönen Staubfänger rasender Beliebtheit, die vermutlich ihrer Kostenlosigkeit geschuldet ist.

Rasender Beliebtheit bei den Zuschauern erfreut sich übrigens auch Lokalmatador John Degenkolb, der zwar knapp hinter Pascal Ackermann seinen Weg ins Ziel findet, dessen zweiter Platz aber dennoch frenetisch beklatscht wird. Auch Degenkolb sieht sich als Gewinner: „Es ist wie ein Heimspiel für die Eintracht“, sagt der bekennende SGE-Fan Degenkolb und kündigt an, schon am heutigen Donnerstag den Weg ins Stadion finden zu wollen.

Die großen Verlierer aber sind am Ende doch noch das Trommelfell und das seelische Gleichgewicht. Ein Autobauer, der zur Strafe nicht namentlich genant werden soll, hat kurz vor Zieleinlauf doch noch einen Weg gefunden, aufblasbare Klatschwürste unter die Zuschauer zu bringen. Und wenn die Klatschwürste nun mal da sind, dann werden sie von den Leuten auch benutzt. Das muss man wohl gelassen hinnehmen: Wenn man selbst irgendwie seinen Weg zur Alten Oper gefunden hat, dann muss man das auch der Klatschwurst gönnen können.

Aber mal abgesehen davon und dem Neid auf Sven Ottke, der es irgendwie geschafft hat, sein Kampfgewicht zu halten und sich nicht von Computern verhöhnen lassen muss: schöne Veranstaltung, zufriedene Besucher, erstklassiges Wetter. Und Degenkolb auf dem Podium. Alles andere ist doch Wurst. Nächste Jahr gerne wieder.

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