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Große bunte Bilder mit Kopf: Yasmin Alinaghi, Landesgeschäftsführerin, in ihrem Büro in Frankfurt.

Porträt der Woche

Porträt Yasmin Alinaghi: eine quirlige Einmischung

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Yasmin Alinaghi, Landesgeschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Hessen, wirbt für ein soziales Europa –auch am Sonntag bei der Demonstration gegen Nationalismus.

Wenn Yasmin Alinaghi am nächsten Sonntag gegen 12 Uhr auf die Bühne am Opernplatz tritt, bringt sie eine Botschaft mit: „Ich bin für Europa, aber es muss sich etwas ändern.“ Der Kontinent brauche „Stabilitätskriterien für soziale Sicherheit“, sagt die Landesgeschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Hessen – in Anlehnung an die „Stabilitätskriterien“, die bisher nur der Haushaltspolitik Fesseln anlegen.

Der Paritätische hat von Berlin aus ein breites Bündnis auf die Beine gestellt, um eine Woche vor der Europawahl „gegen den Rechtsruck – für soziale Gerechtigkeit und ökologischen Wandel, Menschenrechte und Demokratie“ auf die Straße zu gehen. In Hessen gehören Attac, DaMigra, Pro Asyl, DGB und die Naturfreundejugend mit dem Paritätischen zum Trägerkreis.

Von Bukarest bis Utrecht, von Malmö bis Wien soll es Demonstrationen geben. Und natürlich in der Europastadt Frankfurt. Yasmin Alinaghi wird die erste Rednerin sein, doch es folgen viele weitere aus dem Bündnis . Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) will ein Grußwort auf dem Opernplatz halten.

Der Kampf gegen den Rechtsruck und für soziale Absicherung prägt die Arbeit von Yasmin Alinaghi, seit sie Ende 2017 die Geschäftsführung des Paritätischen in Hessen von Günter Woltering übernahm. Europa ist ohnehin ihr Thema – nicht nur, weil die quirlige 53-Jährige einst in Frankreich, Italien und Irland studiert und gearbeitet hat. Sondern auch, weil sie das politische Brüssel kennt. In den 90er Jahren war sie dort als Mitarbeiterin des nordhessischen SPD-Europaabgeordneten Karl-Heinz Mihr tätig.

Seinerzeit hatte die Europäische Union nicht einmal halb so viele Mitgliedsstaaten wie heute und weit weniger Einfluss auf das Leben der Menschen. Inzwischen ist die EU so groß wie nie. Zugleich steht sie von vielen Seiten unter Druck. „Diese tolle Idee gerät in Gefahr“, sagt Alinaghi. Sie wünscht sich innerhalb der EU einen „Wettlauf nach oben“, in Fragen von Demokratie und Menschenrechten ebenso wie im Sozialen. „Wir brauchen Mindeststandards für Renten, für Löhne, für die Grundsicherung, für den Zugang zum Arbeitsmarkt, in der Infrastruktur“, zählt sie auf.

In Hessen bringt die Zivilgesellschaft in den Tagen vor der Europawahl vom 26. Mai vieles in Bewegung. Bündnisse werden geschlossen, Aktivitäten organisiert, und immer sind Alinaghi und ihr Wohlfahrtsverband mit von der Partie, oft an führender Stelle.

Die Demonstrationen gegen den Mietenwahnsinn wurden vom Paritätischen angestoßen. Beim Hessischen Sozialforum, das sich einen Tag vor der Europa-Demonstration auf dem Paulsplatz präsentiert, zeigt der Verband Flagge. Auch als in der vorigen Woche ein Appell zahlreicher hessischer Persönlichkeiten „für ein solidarisches Zusammenleben“, gegen Hass und Hetze veröffentlicht wurde, fehlte Alinaghis Unterschrift nicht.

Als die Politologin vor anderthalb Jahren die Geschäftsführung des Paritätischen übernahm, sagte sie im FR-Interview unmissverständlich: „Ich will, dass wir uns politisch einmischen.“ Diese Ankündigung hat sie wahrgemacht.

Dabei besteht ihr Hauptberuf darin, von der Landeszentrale in der Nähe des Grüneburgwegs aus einen Verband mit 823 Mitgliedsorganisationen in ganz Hessen zu vertreten, von Kitas bis zu Pro Familia, von Selbsthilfegruppen bis zu Trägervereinen von Bildung und Qualifizierung, von der Jugendarbeit bis zur Altenhilfe, von Migrationsberatern bis zu Vereinen für psychisch kranke Menschen.

Rechtliche Unterstützung, aber auch fachliche Beratung gehören zu den Leistungen des Verbandes. Beispielsweise wenn die sozialen Einrichtungen mit Hassmails und anderen Anfeindungen traktiert werden. Ein Shitstorm traf etwa Ende vorigen Jahres den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), als der sich weigerte, Mitarbeiter der AfD-Bundestagsfraktion in Erster Hilfe zu schulen. Der Paritätische habe über die sozialen Netzwerke seinen Einfluss deutlich gemacht und den Negativkommentaren im Netz positive Kommentare entgegengesetzt, berichtet Alinaghi.

Neben ihrem beruflichen Engagement findet die Geschäftsführerin Zeit, Bücher zu schreiben. Nach zwei Kinderbüchern ist gerade ihr zweiter Roman erschienen. „Scherbenglück“ heißt er und handelt von einer Frau, die aus ihrer Heimat in der Frankfurter Nordweststadt in die Welt zieht, um ihren Traum zu verwirklichen.

Alinaghi hat an diesem Buch oft im ICE geschrieben, beim Pendeln zwischen ihrem Arbeitsplatz in Frankfurt und ihrem Wohnort in der Nähe von Limburg. Dort behielt die Geschäftsführerin ihr Zuhause, als sie beruflich von Köln am Rhein an den Main wechselte.

Der Roman beruht auf einer wahren Geschichte. Zufällig war Alinaghi der Frau begegnet und zögerte erst, als diese meinte: „Ich habe so viel erlebt, da könnte man ein ganzes Buch drüber schreiben.“ Doch dann fand Alinaghi die Lebensgeschichte so ergreifend, dass sie zur Tat schritt. „Meine Spezialität sind Geschichten aus dem Leben“, sagt Alinaghi. Sie meint damit ihre schriftstellerische Ader. Doch auch in ihrem sozialen und politischen Engagement geht es eigentlich um das Gleiche: um Geschichten aus dem Leben, die kein schlimmes Ende nehmen sollen.

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