Trinkwasser in Hessen

Von der Quelle bis ins Glas

Trinkwasser ist ein Luxusgut. Im Sommer brauchen wir besonders viel davon. Wo aber kommt es her? Wie gut ist seine Qualität? Haben wir auch künftig noch genug davon? Fragen, auf die wir hier Antworten geben.

Von Volker Trunk

Hahn aufdrehen genügt, und schon fließt Wasser in hoher Qualität – aber nicht immer. Im Februar 2010 zum Beispiel mussten die 1100 Einwohner von Gelnhaar ihr Wasser wenig komfortabel am Feuerwehrhaus abholen und es mühsam in Milchkannen und Plastikkanistern nach Hause tragen. Keime und Bakterien waren nach einem Hochwasser in den Brunnen des Ortenberger Stadtteils gelangt.

Ein paar Monate zuvor hatten sich Bakterien im Gießener Leitungsnetz festgesetzt, bei einer routinemäßigen Kontrolle war das Malheur bemerkt worden. Und im Januar dieses Jahres herrschte in Wächtersbach Keim-Alarm. Die Wasserwerker spülten die Leitungen mit Chlor gut durch und nach ein paar Tagen, in denen die Bewohner das Wasser abkochten, war der Spuk vorüber.

Dem Wasser aus dem Hahn trauen viele nicht so recht. Dabei sind es nicht nur Keime, vor denen die Menschen Angst haben. Meldungen über Belastungen des Wassers mit Nitrat, Blei und Uran schrecken sie regelmäßig auf. Und auch im hessischen Grundwasser, aus dem das Bundesland zu fast 95 Prozent sein Trinkwasser holt, stoßen die Spurensucher des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie (HLUG) immer wieder auf Stoffe, die dort nichts verloren haben – auf Desethylatrazin etwa, ein Abbauprodukt des Herbizids Atrazin. Bei jeder zwölften Probe entdeckten die Experten im Grundwasser Rückstände aus Arzneimitteln, die Fundorte liegen ausschließlich im Rhein-Main-Gebiet sowie in Südhessen.

Kaum einer macht sich bewusst, welchen Weg das Wasser bis in die Leitungen nimmt. Sauberes Trinkwasser fällt nicht vom Himmel. Damit sich Rohwasser in biologisch und hygienisch einwandfreies Trinkwasser verwandelt, wird es in den Wasserwerken aufwendigen Reinigungsprozeduren unterzogen. „Ziel ist und bleibt jedoch eine naturnahe Aufbereitung mit möglichst wenig Technik“, betont Gesa Krüger vom hessischen Umweltministerium.

Allein bei dem größten hessischen Lieferanten Hessenwasser, der das Trinkwasser von mehr als zwei Millionen Menschen in Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden sowie Umgebung bereitstellt, laufen pro Jahr mehr als 200.000 Analysen im Zentrallabor in Darmstadt auf.

Die Trinkwasserverordnung ist die gesetzliche Basis für sauberes Wasser – und sie lässt keinen Spielraum. „Es gibt kein gutes oder schlechtes Trinkwasser“, sagt Krüger, „sondern nur solches, das die Voraussetzungen der Trinkwasserverordnung erfüllt oder punktuell nicht erfüllt.“ Seit Ende 2010 gibt es auch Belastungsgrenzen mit Legionellen, Uran und Mikroorganismen. „Trinkwasser wird als Lebensmittel behandelt und erfüllt die hohen Standards“, sagt Klaus Wichert, Leiter des Frankfurter Umweltamts. Und Harald Rückert von der HLUG sagt: „Eine strenge Überwachung sorgt dafür, dass das von den Wasserwerken ins öffentliche Netz eingespeiste Wasser von gleichbleibend hoher Qualität ist.“ Noch immer gelange unter anderem im Ried und im Rheingau aufgrund intensiver Landwirtschaft und Weinbau zu viel Nitrat ins Grundwasser, sagt Rückert. „Doch insgesamt ist der Zustand des hessischen Grundwassers gut.“

Hessen verbrauchen weniger Trinkwasser

121,3 Liter Trinkwasser verbraucht jeder Hesse heute im Schnitt am Tag – gut 23 Liter weniger als noch 1987. Während Frankfurt wegen der vielen Einpendler die landesweite Statistik mit 142,5 Litern anführt, leben die sparsamsten Hessen mit 107,9 Litern im Werra-Meißner-Kreis. Nur etwa fünf Liter am Tag wird für Kochen und Trinken abgezapft, 60 Liter für Körperpflege und Wäschewaschen und 33 Liter für die Toilettenspülung. An heißen Sommertagen steigt der Verbrauch an – doch einen Engpass müssen die Hessen nicht fürchten. Das war einmal anders: Vor 20 Jahren wurde im Hessischen Ried nach trockenen Sommern der Wassernotstand ausgerufen. Von dort kommt ein Viertel des hessischen Trinkwassers.

Frankfurt grub dem Umland das Wasser ab. Doch die Stadt reagierte mit einem beispiellosen Programm: „Zwischen 1990 und 2001 haben wir den Verbrauch von Trinkwasser um 28 Prozent verringert“, erinnert sich Klaus Wichert. Dabei geriet eine Debatte wieder in den Blick, die in Hessen früher erbittert geführt wurde: der Streit um die Verteilung von Wasser. Die Stadt Frankfurt etwa kann ihren Durst nur zu sehr geringem Teil aus eigenen Quellen stillen. Das meiste bezieht sie aus dem Ried und dem Vogelsberg – dort befinden sich sensible Ökosysteme.

Die Konfliktlinien sind bekannt: Jüngst warnte der BUND angesichts des sinkenden Wasserspiegels vor einer Umweltkatastrophe im Ried, weil die Baumwurzeln das Wasser nicht mehr erreichten. Und die „Schutzgemeinschaft Vogelsberg“ fordert angesichts sinkender Grundwasserstände neue Wasserspar- und Schutzprogramme von Frankfurt.

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