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Eigentlich muss das Handyticket vor dem Betreten der Bahn gelöst werden, einige Fahrgäste erkennen jedoch die Schwächen des Systems.

Handyticket

Angst vor Schwarzfahrern

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Die Fahrkarte für das Mobiltelefon muss vor dem Betreten der Bahn gelöst werden, doch das System bietet Schlupflöcher. Der Fahrgastverband Pro Bahn erwartet Kulanz von Kontrolleuren.

Rund anderthalb Minuten, nachdem die S 8 am 20. April am Flughafen losfährt, will ein Kontrolleur den Fahrschein sehen. „Die Fahrkarte ist erst 109 Sekunden alt und damit nicht gültig“, erklärt er, als er das Handyticket sieht. Gerade als er die Daten aufnehmen will, um das Bußgeld fürs Schwarzfahren einzufordern, erklärt ein hinzugerufener Kollege seine Kulanz und belässt es bei einer Verwarnung.

Im August 2013 schaltete der RMV einen zweiminütigen Countdown in seiner App – „als Hilfestellung für die Fahrkartenprüfer“, sagt Sprecher Sven Hirschler. So sollten jene entlarvt werden, die das Ticket erst kaufen, wenn sie den Prüfdienst sehen.

Die Aussage des genannten Kontrolleurs stimme aber nicht. „Die Gültigkeit der Handytickets beginnt unmittelbar mit Erscheinen des Tickets im Display“, stellt Hirschler klar. In einem der FR vorliegenden Flyer an alle Unternehmen, die im Auftrag des RMV Fahrkarten prüfen, heißt es: „Prüfen Sie, ob der Kaufzeitpunkt und die Starthaltestelle zusammen passen.“ Streng ausgelegt müssten demnach Kontrolleure in U- und Straßenbahnen sowie Bussen bei jeder Haltestelle sekundengenau die Abfahrtszeit notieren.

Unter dem Punkt „So erkennen Sie, ob das Handyticket nach Fahrtantritt gekauft wurde“ steht unkommentiert: „Liegt der Kaufzeitpunkt weniger als 2 Minuten zurück, so zeigt dies eine (…) Uhr in der linken oberen Ecke an.“ Den Zusammenhang der beiden Aussagen könne man falsch verstehen, räumt der RMV ein, es handle sich aber lediglich um eine Information für Kontrolleure.

Hirschler sagt, alle Prüfdienste würden regelmäßig informiert, dass nur bei offensichtlichem Nachlösen – der Zug fährt seit zwei Minuten ohne Halt, das Ticket zählt 30 Sekunden – ein Verstoß vorliege, denn nach wie vor muss das Ticket vor Betreten der Bahn gekauft werden.

Der Fahrgastverband Pro Bahn erwartet Kulanz von Kontrolleuren. „Dass der Prüfdienst alle Abfahrtszeiten im Auge behält, kann in der Praxis nicht funktionieren“, sagt der Frankfurter Sprecher Thorsten Schwemmer. Seiner Ansicht nach dürfte die Regelung sowieso nicht gelten, da der RMV weder beim Kauf („zum sofortigen Fahrtantritt“), noch in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen über die Zeituhr informiert. Der RMV räumt auf Nachfrage ein, dass „der Countdown keine rechtliche Relevanz“ hat.

RMV setzt auf psychologische Wirkung

Ohnehin bietet das Handyticket – wie alle elektronischen Fahrkarten – Schlupflöcher: Ein Fahrgast, der in der Bahn sitzt, kann ein Ticket ab der aktuellen Haltestelle lösen, sobald er den Prüfdienst zusteigen sieht. Er begeht dann zwar eine Straftat, die Kontrolleure könnten aber nur schlecht nachweisen, dass der Passagier bereits in der Bahn saß. Man setze auf eine psychologische Wirkung, sagt Hirschler, der RMV wolle durch die Uhr einen Anreiz schaffen, das Ticket vor dem Zustieg zu lösen.

Schwemmer rät, im Streitfall die Personalien zu hinterlegen und sich dann bei der Beschwerdestelle des RMV und bei der Ombudsstelle für Fahrgastrechte zu melden: „Theoretisch wäre eine Klage möglich.“ Er stellt in diesem Zusammenhang die Frage nach der Ausbildung des Personals: Öfter würden sich Kunden über bahnfremde Prüfdienste beschweren – wegen mangelnder fachlicher Kompetenz und Unfreundlichkeit. „Wir glauben, dass in manchen Fällen übereifrige Kontrolleure am Werk sind.“

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