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Ohnmächtig, hilflos, ausgeliefert: Auf viele Menschen wirkt das traumatisierend.
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Ans Bett gefesselt: Ein Patient in der Psychiatrie berichtet von seiner Tortur. (Symbolbild)

Rhein-Main

Sechs Tage liegend gefesselt: Psychiatrie-Patient berichtet von Tortur

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
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Ein heute 58-Jähriger aus Freigericht erlebt die tagelange Fixierung in einer Psychiatrie als traumatischen Alptraum. Die Maßnahme sei jedoch nötig gewesen.

Sechs Tage lang erlebt Peter Schmidt (Name von der Redaktion geändert) in einer Psychiatrie im Rhein-Main-Gebiet einen Alptraum: Er wird fixiert und erhält ein Medikament, das bei ihm nach eigenen Aussagen Panikattacken auslöste. „Ich bin freiwillig in die Psychiatrie gegangen, da ich in einer seelischen Krise war. Was ich dort erleben musste, war das Schlimmste, was mir im Leben passiert ist und mir noch heute, mehr als drei Jahre später, körperlich und seelisch zu schaffen macht.“ Seine Erlebnisse in der Klinik, deren Namen der FR bekannt ist, hat der heute 58-Jährige aus Freigericht handschriftlich festgehalten und der Frankfurter Rundschau zugesendet.

Schmidt, der nach eigenen Angaben 24 Jahre Psychiatrieerfahrung aufgrund eines länger zurückliegenden Hirninfarkts hat, berichtet, dass er im November 2017 in der Klinik zunächst mit dem Medikament Tavor-Flex behandelt wurde. Dies vertrage er schlecht und es sei ihm daraufhin noch schlechter gegangen. „Ich hatte das Gefühl, als wenn mein Gehirn in Fetzen gerissen würde, worauf ich panische Angst bekam und um Hilfe schrie.“ Die sei auch schnell gekommen und zwar in Form von sechs Männern, die ihn mit Gewalt aufs Bett geworfen und fixiert hätten. Dabei sei sein linkes Knie verletzt worden. „Es krachte laut“, so Schmidt. Noch heute habe er mit dem Meniskus Probleme, sagt er jetzt der FR.

Fixierung: Windeln statt Toilettengang

„Dann verbrachte ich sechs Tage – vom 26.11. bis 1.12. – in dieser Lage, liegend und angebunden“, schreibt Schmidt. Nicht einmal für Toilettengänge sei er befreit worden, sondern man habe ihm eine Urinflasche gegeben. „Meine Notdurft musste ich ins Bett machen, da sich stundenlang keiner um mich kümmerte.“ Daraufhin habe man ihn angeschnauzt und ihm Windeln angezogen. Er habe das Essen verweigert und auch die Medikamenteneinnahme, woraufhin man ihm eine Infusion gelegt habe. Die Tage seien getrübt gewesen, er habe vor sich hingedämmert, Wahnvorstellungen gehabt und geglaubt, man wolle ihn umbringen.

„Ich versuchte sogar Selbstmord zu begehen, indem ich versuchte die Luft anzuhalten“, schildert Schmidt seine Verzweiflung. Am vierten Tag habe er erstmals feste Nahrung bekommen, aber ohne Besteck und nur mit einem Arm frei. „Ich musste wie ein Tier mit dem Kopf aus dem Teller essen“, schreibt Schmidt.

Er habe zu diesem Zeitpunkt sehr starke Schmerzen in Beinen, Rücken und Schultern gehabt. Doch dies habe man ignoriert.

„Konnte mich vor Schmerzen kaum auf den Beinen halten“

Später habe eine Pflegerin ihn gefüttert. Allein sie habe ihm wieder den Mut zum Leben und Vertrauen gegeben. Das Schlimmste sei, wenn man das Vertrauen verliere, sagt Schmidt. Auch sein Bruder, der ihn in der Klinik besucht habe, habe darauf gedrungen, dass die Fixierung beendet werde, sagt Schmidt. Doch man habe ihm aggressives Verhalten unterstellt.

„Als ich am sechsten Tag losgebunden wurde, konnte ich mich vor Schmerzen kaum auf den Beinen halten.“ Danach sei er noch zwei Wochen in seinem Zimmer eingeschlossen gewesen und habe nur alle zwei Stunden kurz zum Rauchen hinaus gedurft. Während seines siebenwöchigen Aufenthalts habe es keine Behandlung für sein Knie gegeben, lediglich Schmerz- und Entwässerungstabletten und den Tipp bei der Entlassung, er solle zum Orthopäden gehen.

Seine Erlebnisse haben den ehemaligen Verlagsangestellten nicht losgelassen. Er wandte sich deshalb an die unabhängige Beschwerdestelle des Landkreises, in dem die Klinik liegt, wo der Fall erörtert wurde. „Der Therapeut hat sich bei mir entschuldigt“, sagt Schmidt.

Klinik: Richter genehmigte Sicherungsmaßnahmen

Konfrontiert mit dem schriftlichen Bericht von Schmidt, erklärt die Klinik der FR, „eine schwere psychische Erkrankung und deren Behandlung ist eine außerordentliche Belastung“. Man habe größtes Verständnis dafür, dass Herrn Schmidt dies stark bewege. Dies sei auch aus einer Nachbesprechung des Aufenthaltes und der Maßnahmen mit einer Vertreterin der unabhängigen Beschwerdestelle bekannt. Dafür habe Herr Schmidt mit einem nahen Angehörigen Akteneinsicht genommen. „Die Maßnahmen und Rahmenbedingungen wurden ausführlich erläutert und es erfolgte ein Abgleich der Erinnerungen mit den dokumentierten Maßnahmen“, schreibt die Klinik. In diesem Gespräch habe man „gemeinsam etwas Klarheit im Hinblick auf den Ablauf und die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen schaffen“ können.

Die Sicherungsmaßnahmen sind laut Klinik „aufgrund der Schwere seiner psychischen Erkrankung erforderlich“ gewesen. Grundsätzlich würden diese Maßnahmen ergriffen, wenn eine erhebliche Gefahr für das Leben oder die Gesundheit des Patienten oder anderer Personen besteht, teilte die Klinik weiter mit. „Sind alle anderen deeskalierenden Maßnahmen ausgeschöpft, sind wir zum Schutz der Personen zu diesem Schritt gesetzlich verpflichtet.“ Selbstverständlich werde dies dem Amtsgericht mitgeteilt, ein Richter prüfe die Situation vor Ort und erteile dann eine Genehmigung für die Sicherungsmaßnahme, „wenn er der uneingeschränkten Notwendigkeit dieser zustimmt“. So auch im vorliegenden Fall.

Klinik: Halten Sicherungsmaßnahmen „so kurz wie nur möglich“

Man wisse um die Belastung, die die Sicherungsmaßnahmen vor allem für Patienten, aber auch für Angehörige und auch für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bedeute. „Daher stellt dies für uns eine absolute Ultima Ratio dar“, die man entsprechend den therapeutischen Prinzipien und dem Anspruch der Klinik folgend „so kurz wie nur möglich“ halte, so die Klinik.

Aufgrund der Anfrage der FR, bietet die Klinik Schmidt einen erneuten Austausch an, „um mit ihm und bei Bedarf auch mit unabhängigen Dritten die Notwendigkeit und die Auswirkungen der Maßnahmen nochmals zu besprechen und um ihn im weiteren Verlauf seiner Erkrankung zu unterstützen“.

Dass er ein Stück weit sich selbst in diese Lage brachte, weil er trotz seiner Diagnose Paranoide Schizophrenie seine Medikamente nicht eingenommen hatte, räumt Schmidt im Gespräch mit der FR ein. Dennoch hege er starke Zweifel an unserem Rechtsstaat. Sein Fazit: „Psychisch Kranke haben eben keine Lobby.“

Im Interview mit der FR fordert der Angehörigenvertreter Manfred Desch eine Psychiatrie, die auf Kommunikation setzt, und eine Politik für den Menschen: Reform der Psychiatrie: „Wir haben einen riesengroßen Aufholbedarf“

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