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Prozess um „NSU 2.0“: Gefühl der absoluten Ohnmacht

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Von: Hanning Voigts

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Mahnwache der Linken-Partei beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Frankfurt. Foto: Peter Jülich
Mahnwache der Linken-Partei beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Frankfurt. © Peter Jülich

Im Verfahren um die Drohschreiben vom sogenannten NSU 2.0 sagen erneut Betroffene aus. Die Nebenklage ist davon überzeugt, dass zumindest ein hessischer Polizist mit der Drohserie zu tun hat.

An böse Zuschriften und Drohungen, sagt Anja Reschke, sei sie gewöhnt. Aber als sie im Sommer 2019 E-Mails mit Morddrohungen erhalten habe, in denen ihre private Anschrift und die Namen ihrer Kinder gestanden hätten, habe das aber eine andere Qualität gehabt. „So nah und so bedrohlich war das nie“, schildert die Journalistin. Plötzlich habe sie sich ernsthaft gefragt, ob sie gefährdet sei. „Das macht natürlich Angst.“

Reschke, seit mehr als 20 Jahren Moderatorin des ARD-Politmagazins „Panorama“, ist an diesem Mittwoch als Zeugin im Prozess um die Drohschreiben des sogenannten NSU 2.0 am Frankfurter Landgericht geladen. Mehrfach hat die 49-Jährige E-Mails von dem Absender erhalten, von dem seit Sommer 2018 Politiker:innen, Anwält:innen und andere Personen des öffentlichen Lebens bedroht worden waren. Und es wird deutlich, wie stark diese Drohungen selbst eine erfahrene Journalistin aus der Fassung brachten.

Die erste E-Mail sei „ein totaler Schock“ gewesen, erinnert sich Reschke. Das Drohschreiben, in dem es hieß, ihre Kinder würden als „Vergeltung“ für ihre Arbeit „mit barbarischer sadistischer Härte abgeschlachtet“, sei für sie damals wie aus dem Nichts gekommen. Als dann herauskam, dass private Daten der vom „NSU 2.0“ Bedrohten teils aus Polizeicomputern stammten, habe das ihr Vertrauen in die Polizei stark erschüttert, sagt die Journalistin. „Das war ein absolutes Gefühl der Ohnmacht.“

Reschke berichtet, dass sie bereits ab Herbst 2015 nach einem Kommentar in den „Tagesthemen“ massiv bedroht worden war. Seinerzeit habe auch ein Unbekannter bei der Polizei angerufen und in breitem Berliner Dialekt behauptet, sie ermordet zu haben. Als Reschke berichtet, dass die Polizei ihr diesen Anruf damals vorgespielt habe, wird die Vorsitzende Richterin Corinna Distler hellhörig: Der Angeklagte Alexander M., der hinter den Drohungen des „NSU 2.0“ stecken soll, spricht ebenfalls mit Berliner Zungenschlag.

Die Drohungen um 2015 hätten ihr und ihrer Familie massiv zugesetzt, berichtet Reschke. Sie werde aber weiter für ihre Überzeugungen eintreten: „Ich habe überhaupt keinen Bock, mich zum Opfer zu machen, und ich habe überhaupt keinen Bock, mich einschüchtern zu lassen.“

Von Einschüchterungen berichtet auch Hengameh Yaghoobifarah. Die 30 Jahre alte nichtbinäre Person, die Kolumnen und Romane schreibt, war ebenfalls vom „NSU 2.0“ beleidigt und bedroht worden. Im Sommer 2018 habe ein Unbekannter in der Apotheke des Vaters und in der Redaktion der „taz“ angerufen, um die Adresse herauszufinden, schildert Yaghoobifarah. Private Daten auch des Vaters seien dann in den Drohmails vom „NSU 2.0“ aufgetaucht. „Ich habe Panik gehabt“, sagt Yaghoobifarah. Kurz nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sei es als denkbar erschienen, dass aus Hetze im Netz Mord werden könne.

„Die letzten vier Jahre sind damit verschwendet worden, in Angst zu leben“, berichtet Yaghhoobifarah. Fehlendes Vertrauen in die Polizei, Panikattacken, Schlafstörungen, Verfolgungswahn und Schwierigkeiten mit dem Vertrauen in Menschen seien die Folge der Drohungen. Auch die Arbeit habe stark unter gelitten, die eigene Wohnung habe für Tausende Euro gesichert werden müssen. Die Eltern seien vor Sorge „in den letzten vier Jahren um 30 Jahre gealtert“.

Etwas weniger beeinträchtigt gibt sich Lukas Mühlbauer. Dem 19-jährigen Studenten war 2021, damals als Schülersprecher der Walter-Lübcke-Schule in Wolfhagen, vom „NSU 2.0“ Gewalt angedroht worden. Seine Eltern und er hätten Angst gehabt, sagt Mühlbauer. Wochenlang habe er schlecht geschlafen und sich nur langsam wieder gefangen. Als die Richterin die Drohmail, in der er erwähnt wird, verliest, sagt der junge Mann, ihm stellten sich selbst jetzt die Nackenhaare auf. „Ich zittere auch ein bisschen.“

Die Nebenklagevertreterin Antonia von der Behrens bringt am Ende des Prozesstages noch einen umfangreichen Beweisantrag ein. Die Anwältin ist aufgrund zahlreicher Indizien überzeugt, dass zumindest das erste Drohfax des „NSU 2.0“ an die Anwältin Seda Basay-Yildiz nicht von Alexander M., sondern von einem Polizeibeamten vom 1. Frankfurter Revier stammt. Das Gericht müsse das restlos aufklären, fordert von der Behrens. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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