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Prozess in Frankfurt gegen Ex-Jugendtrainer

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Von: Stefan Behr

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Mit Aktenmappen schirmen die Anwälte den Angeklagten von den Blicken der Kameras ab.
Mit Aktenmappen schirmen die Anwälte den Angeklagten von den Blicken der Kameras ab. © Boris Roessler/dpa

Sven B. war Jugendtrainer beim SV Wehen Wiesbaden. Nun steht er wegen dutzendfacher Vergewaltigung vor dem Frankfurter Landgericht.

Frankfurt - Es herrscht dicke Luft, als der Angeklagte am Freitagmorgen in Handschellen in den Saal des Frankfurter Landgerichts geführt wird. Und das liegt nicht nur daran, dass der Saal für die Masse der Zuschauer, Anwälte und Nebenkläger viel zu klein ist. Das liegt vor allem an den ungeheuerlichen Vorwürfen, die dem Angeklagten gemacht werden und die nicht bloß bei den Betroffenen Wut und Entsetzen generieren.

Dem 35 Jahre alten Sven B. werden knapp 70 Taten zur Last gelegt, hauptsächlich Vergewaltigung, aber auch Missbrauch Schutzbefohlener, sexuelle Nötigung und Körperverletzung. B., Ex-Jugendtrainer des Fußball-Drittligisten SV Wehen Wiesbaden, soll zwischen Anfang 2014 und Dezember vergangenen Jahres zehn Jungen missbraucht haben. Es sind vier Anklagen, die gegen B. vorgetragen werden.

Prozess in Frankfurt: Angeklagte Taten eventuell nur Spitze des Eisbergs

Eines seiner Opfer, ein damals 15- beziehungsweise 16-Jähriger, soll von B. 50-mal vergewaltigt worden sein. Allein im Oktober 2021 soll er fünf Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren sowie einen Zehnjährigen in seine Wohnung gelockt und sie dort mit Getränken und Süßigkeiten, die mit Schlafmittel versetzt waren, betäubt haben, ehe er sich an ihnen verging. Etliche Taten soll er mit seiner Handykamera gefilmt haben. Laut Anklage soll er die Jugendlichen sowohl bei sich zu Hause als auch während gemeinsamer Urlaube missbraucht haben. Manchmal soll er Gewalt ausgeübt, einmal einen Jungen mit einer erfundenen Drohkulisse verängstigt haben und seine Rolle als Retter dazu genutzt haben, den Jungen zu missbrauchen.

Möglicherweise sind die angeklagten Taten nur die Spitze des Eisbergs. Der Fall hatte zunehmend schlimmere Formen angenommen. Die erste Anklage wurde im Mai dieses Jahres erhoben, weitere folgten im Juni, Juli und August.

Bereits wenige Tage nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen B., der seit Dezember vergangenen Jahres in Untersuchungshaft sitzt, hatten Unbekannte beim Unternehmen seines Schwiegervaters in Hattersheim die Scheiben eingeworfen und das Firmenfahrzeug in Brand gesteckt. Die Wut der Opfer und ihrer Angehörigen hat sich seitdem nicht abgekühlt. Sein Mandant sei „an Anfeindungen kaum zu übertreffen“, sagte einer seiner drei Verteidiger zu Prozessbeginn. Der SV Wehen Wiesbaden hatte B. nach Bekanntwerden der Vorwürfe freigestellt und später fristlos entlassen.

Prozess in Frankfurt: Angeklagter bleibt ein Rätsel

Der Angeklagte selbst bleibt ein Rätsel. B. ist ein unscheinbarer, für einen Fußballtrainer etwas korpulenter Mann mit Brille, dessen Gesicht vor Prozessbeginn von seinen Verteidigern mit Aktenordnern vor den Pressefotografen verdeckt wird. Sein Innenleben verdeckt B. selbst. Am ersten Verhandlungstag will er sich zur Anklage nicht äußern - das hatte er auch zuvor nicht getan. Laut seiner Verteidiger stehe B. möglicherweise dem Gericht für „Verständnisgespräche“ zur Verfügung, allerdings weiß niemand so recht, was das eigentlich sein oder gar bringen soll.

Wie zu erwarten wird die Öffentlichkeit nach Verlesung der abstrakten Anklage – also der allgemeinen Tatvorwürfe ohne Details – ausgeschlossen. Dieser Ausschluss dürfte auch für die kommenden Verhandlungstage gelten, an denen die Opfer wegen des Schweigens des Angeklagten zwangsläufig als Zeugen aussagen müssen. Bislang hat die Jugendstrafkammer des Landgerichts insgesamt zwölf Verhandlungstage bis Ende November angesetzt. Den Angeklagten erwartet im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren. Angesichts der Schwere der Vorwürfe ist auch eine anschließende Sicherungsverwahrung durchaus möglich. (Stefan Behr)

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