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Trauer um einen gesunden Baum, der Platz machen musste für eine Asphaltpiste.

Protest

Heimatlos im Dannenröder Forst: Lage wird immer prekärer - „Was hier passiert ist eine Schande“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Die Baumdörfer im Dannenröder Forst sind für viele zum neuen zu Hause geworden. Den harten Polizeieinsatz empfinden sie als persönlichen Affront. Eine riskante Gemengelage.

  • Aktivist:innen protestieren im Dannenröder Forst gegen Rodungen aufgrund des A49-Weiterbaus.
  • Seit mehr als einem Jahr besetzen die Protestierenden den Wald, der für viele schon ein Zuhause geworden ist.
  • Die Lage im Danni spitzt sich zu: Bei der Räumung kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen.

Dannenröder Forst – Am Info-Point ist viel los. Ein Ladekabel fürs Handy ist gefragt. Ein Besucher möchte Nachschub für das Lesezelt loswerden – darunter die Frankfurter Rundschau vom Vortag. Eine andere Unterstützerin hat selbst gebackenen veganen Kuchen vorbeigebracht, außerdem Tabak und Süßigkeiten und sie möchte künftig Fahrdienste übernehmen. „Was hier passiert ist eine Schande“, sagt die 57-Jährige zur FR. „Schlimm“ sei der Polizeieinsatz. „Unverhältnismäßig.“ Es gebe genug Missstände, bei denen die Ordnungshüter besser eingesetzt wären. „Ich sage nur Leipzig.“ Womit die jüngst aus dem Ruder gelaufene Querdenker-Demo gemeint ist.

Im Dannenröder Wald bewachen Hundertschaften in voller Montur die Rodungsarbeiten. Holen mit Hubwagen Menschen von Bäumen. Kreissägen dröhnen durch den Forst, der Harvester nietet die nächste Buche um. Ein intakter Wald wird für ein Stück Autobahn zerstört. „Das ist widerwärtig“, sagt der Mann, der den Lesevorrat aufgestockt hat.

Konflikt im Dannenröder Wald: Baumhäuser von Polizei umzingelt

„Im Sommer hatten wir eine wunderschöne Zeit hier“, sagt Daniele. „Jetzt müssen wir kämpfen.“ Bis zu 17 Menschen hätten in dem großen Baumhaus übernachtet, das jetzt von Beamt:innen aus Nordrhein-Westfalen, Hessen und des Bundes umzingelt ist. „Ich bin schockiert über dieses Großaufgebot.“ Hier gehe es um mehr, als den Bau einer umstrittenen Autobahn durchzusetzen*. „Das hat politische Gründe.“ Nicht-gewollte Strukturen sollten zerstört werden, sagt Daniele. „Klimaprotest wird kriminalisiert.“

Chronologie

Die Autobahn 49 soll einmal Kassel und Gießen miteinander verbinden. Das Projekt ist mehr als 40 Jahre alt.

1977 beginnt das Planfeststellungsverfahren für den ersten Abschnitt der A49 zwischen Borken und Kirchhain. 1994 wird der Abschnitt Borken–Neuental fertig. 2010 startet der Bau des Teilstücks Neuental–Schwalmstadt.

2014 weist das Bundesverwaltungsgericht die Klage gegen den 2012 ergangenen Planfeststellungsbeschluss für den Lückenschluss zur A5 ab.

2016 wird dessen Bau im Bundesverkehrswegeplan bestätigt. Dafür sollen 85 Hektar Wald entlang der geplanten Trasse gefällt werden.

2019 richten sich die ersten Umwelt- und Klimaschützer in Baumhäusern ein. Sie wollen die Bäume im Dannenröder Wald und im Herrenwald schützen.

Im Juni 2020 lehnt das Bundesverwaltungsgericht die Klage des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) ab. Die Richter bestätigen allerdings, dass der Planfeststellungsbeschluss die europäische Wasserrahmenrichtlinie missachtet. Der BUND Hessen fordert von der Landesregierung ein Moratorium.

Das vom Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir geführte Ministerium verweist darauf, dass die Entscheidung zum Fertigbau höchstrichterlich bestätigt worden sei und das Land im Auftrag des Bundes handle. jur

Einen Einblick in die Innenwelt des Danni bietet Rio. Er hält Stallwache auf einer Plattform, auf der vergangene Nacht vier Leute übernachteten. „Ursprünglich kam ich her wegen Klimagerechtigkeit und Verkehrswende“, sagt der junge Mann. „Dann habe ich mich in diesen wunderschönen und ökologisch wertvollen Wald verliebt.“ Inzwischen, sagt er, ist der Forst mit den alten Buchen, Eichen und Kiefern sein Zuhause. Hier könne er leben, wie er möchte.

Dannenröder Forst für Aktivist:innen ein Zuhause: Ein Leben abseits der „Überflussgesellschaft“

„Es gibt Freiräume ohne gesellschaftliche Zwänge von außen“, erzählt er. Zu essen gibt es gerettete oder geschenkte Lebensmittel, Klamotten werden gespendet. „Wir leben ja in einer Überflussgesellschaft.“ Jeder und jede werde so angenommen, wie er oder sie ist. Alle Bewohner:innen seines Dorfes, das „Morgen“ heißt, seien Schüler und Lehrer. „Wir lernen voneinander.“ Organisatorisches werde am Abend besprochen. Zum Schluss gebe es eine „Emo-Runde“ in der jeder sagen könne, wie es ihm gehe. „Das ist zurzeit sehr wichtig.“

Die Lage im Danni wird immer prekärer. Seit Montag vergangener Woche rücken die Baugeräte peu à peu voran. Schon vor einigen Tagen haben Stoßtrupps der Polizei Infrastruktur am Boden zerstört – etwa den Pizzaofen im Dorf „Oben“. Vier der neun Baumhausdörfer existieren schon nicht mehr. „Danni bleibt“, schallt es durch den Wald. „In zwei Wochen sind sie durch mit unserem Dorf“, sagt Rio. Doch kampflos, deutet er an, werde er sein ideales Zuhause nicht räumen. Und aufgeben erst recht nicht. Seine Nachbarn haben es auf ihr Holzhaus geschrieben: „Wir sind das Unkraut, das immer wiederkommt.“

Lage im Dannenröder Forst spitzt sich zu: Aktivist:innen protestieren - Kritik an Tarek Al-Wazir

Die jungen Aktivist:innen in den Baumhäusern und den beiden Zeltplätzen vor dem Wald haben unterschiedliche Schwerpunkte. Manche sind hochpolitisch unterwegs. Andere suchen vor allem Platz in einer Gesellschaft, die mit nicht-normierten Geschlechter-Identitäten nicht zurecht kommt. Die meisten sind der Auffassung, dass die Herrschenden auf den Klimawandel nicht angemessen reagieren. Adressaten ihres Protests sind neben dem Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) dessen hessischer Amtskollege Tarek Al-Wazir (Grüne). „Scheuer + Al-Wazir = Bolsonaro“ steht auf einem Transparent an der Essensausgabe der Küfa – Abkürzung für Küche für alle. Der brasilianische Präsident, Jair Bolsonaro, steht für den Ausverkauf des Regenwalds.

Auf Al-Wazir ist auch Gerhard Keller nicht gut zu sprechen. Der Mitbegründer der hessischen Grünen hatte jüngst bei der Landesmitgliederversammlung in einem Antrag einen sofortigen Baustopp oder das Koalitionsende gefordert. Er fand keine Mehrheit dafür. Tarek Al-Wazir, sagt der 60-Jährige, habe durchaus Möglichkeiten, die Zerstörung des Jahrhunderte alten intakten Waldes zu stoppen. Er könne gegen die Planfeststellung protestieren, daraufhin würde ihn das Bundesverkehrsministerium anweisen. Diese Möglichkeit habe der erste grüne hessische Umweltminister, Joschka Fischer, in Atomfragen mehrfach genutzt. „Fischer hat 1987 die rot-grüne Koalition wegen der Atompolitik platzen lassen. Bei den darauf folgenden Landtagswahlen legten die Grünen in Hessen 3,5 Prozent zu.“ Von der bedingungslosen Koalitionsdisziplin der Grünen im Landtag profitiere am Ende die Union. „Die CDU will die Grünen schwächen. Das ist parteipolitisches Kalkül.“

Dannenröder Forst: Aktivistin von Holzgestell abgestürzt - „Sie hat eine Wirbelverletzung“

Bei den sonntäglichen Waldspaziergängen ist Keller meist dabei. Die Eröffnungsrede hält in der Regel Barbara Schlemmer vom Aktionsbündnis keine A49, ebenfalls Mitglied der Grünen. Am Mittwoch steht sie am Waldrand und diskutiert mit einem Mann aus Stadtallendorf über den Sinn des Projekts. „Da hängen Arbeitsplätze dran“, sagt dessen Freund und geht stur weiter. Der Mann selbst will es genau wissen. Schlemmer sagt ihm, dass selbst die Verantwortlichen mehr Verkehr in den Ortschaften voraussagen, dass auf den Feldern am Trassenverlauf jede Menge Logistikzentren entstehen werden. Im Gespräch mit der FR weiß sie Aktuelles über den Zustand der 20-Jährigen zu berichten, die am Sonntag von einem Holzgestell abstürzte. „Sie hat eine Wirbelverletzung und ist jetzt außer Lebensgefahr.“ Auch Schlemmer ist empört über den Polizeieinsatz.

„Der ganze politische Protest soll verhindert werden.“ Zu diesem Schluss kommt Christoph Pauly von der Roten Hilfe. Die betreut die sieben Menschen, die seit knapp drei Wochen in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim sitzen, weil sie sich von einer Autobahnbrücke abgeseilt hatten. Sie verweigern ihre Personalien. Die Unterstützer können ihnen kein Geld zukommen lassen, keine Briefe, sagt Pauly. „Das ist völlig unverhältnismäßig.“ Das sieht auch Keller so und warnt davor, dass die Situation sich weiter zuspitzen könnte. Es gebe Parallelen zum Widerstand gegen die Startbahn West in den 1980er Jahren. „Am Ende war er sehr militant.“ (Jutta Rippegather) *fuldaerzeitung.de ist Teil der Ippen-Digital-Zentralredaktion.

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