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Hat sich in Bosnisch, Kroatisch und Serbisch prüfen lassen: die angehende Erzieherin Natascha Kröh.

Offenbach

Projekt in Offenbach soll Mehrsprachigkeit von Migranten fördern

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Schüler und Auszubildende können in Offenbach kostenlose Sprachtests mit Zertifizierung ablegen. Bulgarisch-Lehrkräfte sind in der Stadt derzeit aber nicht verfügbar.

Natascha Kröh, Ana Jobic und Esma Bauli rücken etwas zusammen und lachen laut, als sie am Mittwochmorgen im Foyer der Offenbacher Theodor-Heuss-Schule mit dem Handy ein gemeinsames Selfie machen. Die Stimmung ist gut: Kurz zuvor hat Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP) den drei Auszubildenden ein Zertifikat übergeben, in dem bescheinigt wird, dass sie ihre Muttersprachen in Wort und Schrift beherrschen. In diesem Fall: Bosnisch, Kroatisch und Serbisch – und Türkisch.

Dass es eine solche Zertifizierung gibt, sei eine Offenbacher Spezialität, erzählt Birgit Gehl von der Volkshochschule (VHS). Die Bildungseinrichtung kooperiert mit Stadt und Land, um die Sprachtests im Rahmen des Hessencampus-Projekts kostenlos vornehmen zu können. Seit 2007 ist die Zahl der angebotenen Sprachen (neun) und der teilnehmenden Schulen (sechs) mit Aufs und Abs gewachsen. 103 Zertifikate wurden am Mittwoch vergeben – mehr als zu Beginn des Projekts, aber etwas weniger als in den vergangenen Jahren.

„Viele der Offenbacher Schülerinnen und Schüler tragen einen Schatz in sich“, sagt Gehl. Doch dieser Schatz werde noch zu selten gehoben – also gezeigt, gewertschätzt und im Berufsleben angewandt. Gehl meint vor allem die Sprachkenntnisse jenseits von Englisch, die viele Menschen mit Migrationsgeschichte quasi von Haus aus mitbringen, weil sie zweisprachig oder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch aufgewachsen sind. Das Zertifikat könne den Bewerbungsunterlagen beigelegt werden und helfen, das eigene Bewusstsein für die Bedeutung der Muttersprache zu schärfen.

Hessencampus

Die Bildungsmöglichkeitenvon Menschen verschiedenen Alters sollen durch das Projekt „Hessencampus“ erweitert werden. Es wird vom Land, von Landkreisen und Städten getragen.

An 18 Standortengibt es Hessencampusse. Vor Ort kooperieren unter anderem berufliche Schulen, Volkshochschulen und Schulen für Erwachsene.

Jeder Hessencampushat sein eigenes, auf den Bildungsbedarf einer Region oder Stadt abgestimmtes Profil.

In Offenbachliegt der Fokus auf Bildungsberatung, auf dem Nachholen von Grundkenntnissen sowie auf der Sprachstandserhebung.

Mehr Informationenauf der Seite www.hessencampus-offenbach.de

Gehl hofft, dass manche nach dem Test die Chance ergreifen und ihre Sprachkompetenzen weiter schärfen, da es gerade im Schriftlichen bei den Muttersprachen oft noch Defizite gebe. Teilnehmen können an den Tests Schülerinnen und Schüler sowie Auszubildende. Gehl erzählt, dass es sehr vom Engagement der Schulen und Lehrkräfte abhänge, inwieweit sich das Angebot herumspricht. Fatmagül Karacaoglu zum Beispiel wurde von ihrem Lehrer an der Käthe-Kollwitz-Schule über das Angebot informiert. „Das Zertifikat ist gut für den Lebenslauf“, hofft sie.

Die meisten Prüfungen wurden in diesem Jahr in Türkisch sowie in Bosnisch-Kroatisch-Serbisch absolviert (je 26). Gefolgt von Arabisch (17), Italienisch und Rumänisch (je 10), Griechisch (8) und Russisch (6). In welchen Sprachen Prüfungen angeboten werden, werde stets aufs Neue beraten, erklärt Gehl. So habe man wegen des starken Zuzugs aus Südosteuropa zum Beispiel vor drei Jahren Rumänisch mit aufgenommen. Kein Wunder: Mit 5501 Menschen leben in der Stadt mittlerweile fast so viele Menschen mit rumänischem Pass wie mit türkischem (6013).

Doch manche Sprachen können nicht getestet werden. Für Bulgarisch zum Beispiel – es gibt fast 5000 Bulgarinnen und Bulgaren in Offenbach – habe die VHS derzeit keine passende Lehrkraft, die einen Test abnehmen könnte, bedauert Gehl.

Manche der Sprachen seien in Betrieben der Region durchaus gefragt, sagt Jana Maria Kühnl von der IHK Offenbach. „Es kommt aber auf den Beruf an“, ergänzt sie. So sei die Nachfrage nach Sprachkenntnissen jenseits von Deutsch und Englisch etwa im Großhandel ausgeprägt, da dort viel mit Zulieferbetrieben gearbeitet werde – zum Beispiel mit Textilfirmen aus der Türkei.

Auch sei es von Vorteil, wenn zum Beispiel Monteurinnen und Monteure, die um die Welt reisen, vor Ort direkt in der jeweiligen Sprache kommunizieren können. Und in einer Stadt wie Offenbach seien die Sprachkenntnisse zudem teilweise auch im Einzelhandel interessant: So könnten dort Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen, besser beraten werden. Zwei Drittel der Menschen in Offenbach haben eine Migrationsgeschichte.

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