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Trotz des schicken Rathaus-Centers: In Dietzenbach gibt es Handlungsbedarf.
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Trotz des schicken Rathaus-Centers: In Dietzenbach gibt es Handlungsbedarf.

Dietzenbach

Kreis Offenbach: Bevölkerungszuwachs bringt Stadt Dietzenbach in Notlage

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Laut neuem Sozialstrukturatlas steht die Stadt Dietzenbach vor enormen Herausforderungen. Sie wird überproportional wachsen – und die Armut wächst dabei mit.

Der Tagesordnungspunkt der Dietzenbacher Parlamentssitzung am Freitagabend liest sich erst einmal harmlos: Kenntnisnahme des Sozialstrukturatlas 2020 des Kreises Offenbach. Die aktuellen Zahlen, die sich dahinter verbergen, sind aber brisant, und die Prognosedaten noch viel mehr: Dietzenbach ist unter den 13 kreisangehörigen Kommunen in vielen Belangen Schlusslicht – und wird es ohne fremde Hilfe auch bleiben.

Beispiele aus dem Sozialstrukturatlas

Heusenstamm ist im Kreis Offenbach die Stadt mit den meisten Senioren und Seniorinnen. Jeder vierte Bewohner (24,4 Prozent) ist dort 65 Jahre und älter. Dietzenbach hat nur 18,4 Prozent ältere Menschen.

Die Kaufkraft ist in Dreieich am größten. Durchschnittlich hat jeder Dreieicher pro Jahr 30 959 Euro verfügbares Einkommen. Zum Vergleich: Die Kaufkraft der Deutschen belief sich 2020 auf 23 766 Euro. In Dietzenbach liegt die Kaufkraft nur bei 22 757 Euro.

Die meisten Alleinerziehenden leben in Neu-Isenburg. 23,3 Prozent aller gut 6500 Minderjährigen werden dort von nur einem Elternteil erzogen. Platz zwei nimmt Seligenstadt ein (22,7 Prozent).

Im prosperierenden Neu-Isenburg sind mehr Menschen arbeitslos als im Kreisdurchschnitt. 4,1 Prozent aller 20-bis 65-Jährigen haben dort keine Arbeit; das ist die zweithöchste Quote nach Dietzenbach (5,2 Prozent). Im Kreisdurchschnitt sind 3,5 Prozent ohne Beschäftigung. ann

Der Sozialstrukturatlas, der nach 2000 und 2008 zum dritten Mal erstellt wurde, bezieht sich auf Zahlen aus dem Jahr 2019. Das 33-seitige Werk spricht von einer „sozialstrukturellen Sondersituation“ von Dietzenbach. Demnach hat die Stadt kreisweit mit Abstand den höchsten Anteil an kinderreichen Familien, die meisten Bewohner:innen mit Migrationshintergrund, die meisten Arbeitslosen und Hartz-IV-Bezieher:innen, den höchsten Bedarf an Prävention und finanzieller Unterstützung – sowie den größten Handlungsbedarf.

13,1 Prozent der Einwohner lebten 2019 von Grundsicherung; im Kreisdurchschnitt waren es nur 7,2 Prozent.Mehr als 20 Prozent der Kinder sind in Dietzenbach auf Sozialleistungen angewiesen. Armut könne nicht durch einzelne Maßnahmen beseitigt werden, sagt Sozialdezernent Dieter Lang (SPD). Die Stadt müsse Unterstützung durch Beratung und Bildung sowie Zugang zu Kulturangeboten und Integration vorhalten, und müsse dafür Fördermittel an Land ziehen. Bildungsangebote von freien Trägern wie Vhs, AWO, Caritas und Diakonie seien darüber hinaus sehr wichtig. Fast die Hälfte der Jugendarbeit sei schon vom Land und der EU gefördert.

Dietzenbach sind bis zum Jahr 2035 um 8,8 Prozent mehr Einwohner prognostiziert. Für den Kreis ist in diesem Zeitraum lediglich ein zweiprozentiger Bevölkerungszuwachs vorhergesagt. Es werden also noch mehr kinderreiche Familien in die Stadt ziehen. Aktuell haben 61 Prozent der Dietzenbacher Familien drei und mehr Kinder. Weit dahinter folgt Langen auf Platz zwei mit 39,1 Prozent. Laut Sozialstrukturatlas haben sie „ein deutlich erhöhtes Risiko sozialen Hilfebedarfes“.

Bürgermeister Jürgen Rogg (parteilos) sieht einen enormen Druck auf den Wohnungsmarkt voraus, denn auch Frankfurter:innen ziehen nach Dietzenbach. Beim aktuellen Wohnbauprojekt am Hessentagspark komme weit über die Hälfte der Anfragen „von Familien, die sich Frankfurt nicht mehr leisten können“. Dietzenbach habe keine Wohnbaugebiete mehr, die man ausweisen könnte, und der Regionalverband werde der Stadt im neuen Flächennutzungsplan keine großen Wohngebiete zugestehen, weil es in anderen Städten wie Rodgau viel Wohnbaufläche zu entwickeln gibt. Außerdem habe Dietzenbach schon heute „eine Wohndichte wie Offenbach“, sagt Lang. „Eine weitere Wohnverdichtung verkraftet Dietzenbach nicht“, ist sich Rogg sicher. Für 40 000 Einwohner:innen passe die Infrastruktur nicht. „Die Menschen werden in andere Städte gehen müssen.“

Bevölkerungsentwicklung

Dietzenbach sei schon in den 1970er und 80er Jahren Siedlungsschwerpunkt in Rhein-Main gewesen, sagt Lang, und habe in diesen Jahrzehnten einen großen Beitrag für die ganze Region geleistet. 1969 zählte man noch rund 12 000 Einwohner:innen, 1973 entschied das Land, die Stadt auf 760 Hektar Fläche zu entwickeln. Dass nun immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung fallen, verschärft die Lage zusätzlich. 300 Sozialwohnungen gibt es derzeit noch; 33 davon hält die Stadt vor, der Rest ist im Eigentum verschiedener Wohnungsbaugesellschaften, mit denen dringend über Belegungsrechte verhandelt werden muss.

Einige Baulücken gibt es noch: Entsprechend dem Wohnbaupotenzialkataster können bis 2030 im Stadtgebiet 745 Wohneinheiten realisiert werden. Lang: „Wir müssen diese nachhaltig nutzen, unbegründeten und spekulativen Wohnungsleerstand verhindern und konsequent gegen illegale Untervermietungen und Mietwucher vorgehen.“

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