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Die hessische Umweltministerin Priska Hinz (Grüne).

Interview

„Onlinehandel ist ein evidentes Klimaproblem“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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  • Pitt v. Bebenburg
    Pitt v. Bebenburg
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Hessens Umweltministerin Hinz spricht im FR-Interview über gute und schlechte Verhaltensänderungen in der Corona-Krise. Und wen das Land künftig unterstützen will.

Das beachtliche Corona-Sondervermögen der Landesregierung setzt den Schwerpunkt auf nachhaltiges Wirtschaften. Nicht bei jedem Posten erschließt sich auf den ersten Blick der Zusammenhang mit der Pandemie.

Frau Ministerin, Corona dominiert alles. Droht der Klimaschutz unter die Rädern zu kommen?

Die Pandemie hält uns aktuell noch sehr in Atem. Aber die Bürgerinnen und Bürger sind sich der Klimakrise bewusst. Das zeigen alle Befragungen.

Man kann es auch umgekehrt formulieren: keine Flugzeuge mehr am Himmel, freie Autobahnen. Das Klima profitiert von Corona.

Zeitweilig sind die Treibhausgase heruntergegangen. Jetzt müssen wir die Rückkehr in den Alltag nutzen, um den Klimaschutz mehr umzusetzen. Viele sind aufs Fahrrad umgestiegen. Die wollen wir durch zusätzliche Fahrradwege unterstützen. Wir können die Corona-Krise nutzen, um Verhaltensänderungen zu unterstützen.

Wollen Sie auch das Verhalten beim Fliegen verändern?

Hessen unterstützt ja die Entwicklung synthetischen Kerosins. Flugreisen werden mit Sicherheit wieder zunehmen. Aber es hat sich gezeigt, dass Dienstreisen oft durch Video-Konferenzen ersetzt werden können. Das ist auch günstiger. Darin liegt eine Chance, die mit Digitalisierung genutzt werden kann. Deshalb treiben wir auch den Ausbau der Infrastruktur voran.

Die Landesregierung hat in ihrem Corona-Sondervermögen den Schwerpunkt auf nachhaltiges Wirtschaften gesetzt. 150 Millionen Euro sind eine stolze Summe. Was haben Sie damit vor?

Den Kommunen brechen die Gewerbesteuereinnahmen dramatisch weg. Damit es bei Klimaprojekten keinen Stillstand gibt, wollen wir die Zuschüsse für die Klimaschutzmaßnahmen der Kommunen erhöhen. Damit können sie in Energieeffizienz investieren, ihren Fuhrpark umgestalten, Kläranlagen energieeffizient errichten.

Das Geld ist zweckgebunden für Klimaschutz?

Ja, genau. Außerdem werden wir die CO2-freie-Landesverwaltung weiter vorantreiben. Als Erstes wollen wir sämtliche Forstgebäude energetisch sanieren, dann die Hochschulen. Wo möglich soll Photovoltaik aufs Dach. Wir werden mit dem Sondervermögen den Öffentlichen Nahverkehr stärken, indem wir die finanziellen Einbußen abfangen und zusätzliche Strecken ausbauen.

Zur Person

Priska Hinz (61) ist seit Januar 2014 Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in der schwarz-grünen hessischen Landesregierung. Die Grünen-Politikerin war von 1998 bis 1999 Ministerin im damals rot-grünen Kabinett, saß von 2005 bis zu ihrer Ernennung als Ministerin als Abgeordnete im Deutschen Bundestag. jur

Als die Geschäfte wegen des Lockdowns geschlossen waren, haben viele Bürgerinnen und Bürger online eingekauft. Dadurch sind unglaublich viele Lastwagen durch das Land kutschiert und haben Treibhausgase emittiert. Für die Läden in den Innenstädten ist das ein Problem. Wir wollen die Händler vor Ort darin unterstützen ein Online-Angebot aufzubauen, bei dem die Ware in einem gewissen Radius mit dem Lastenrad ausgeliefert wird. In Wiesbaden gibt es das schon. Das ist klimafreundlich.

Der blühende Amazon-Handel ist ein Klimaproblem?

Ja, ein ganz evidentes Klimaproblem.

Die Reaktivierung stillgelegter Schienenstrecken oder Förderprogramme für attraktive Innenstädte gibt es schon länger. Was ist jetzt das Neue?

Wir verbinden die attraktiven Innenstädte mit der Digitalisierung. Das ist was Neues. So wie das Sonderprogramm für kleine Gastronomie und Hotelbetriebe. Sie erhalten Unterstützung für eine Digitalisierungsstrategie, damit sie online auch zu finden sind.

Ist die Corona-Krise für Sie eine Chance, mehr schwarz-grüne Politik durchzusetzen?

Mehr Klimapolitik. Und die sollte uns alle interessieren. Es ist eine Überlebensfrage. Wir müssen schaffen, klimaneutral zu werden.

Hessen Forst ist ein großer Posten im Sondervermögen. Was hat die Behörde mit Corona zu tun?

Wegen der Dürre gibt es viele gefällte Buchen und Fichten. Wegen Corona ist der gesamte Holzmarkt eingebrochen. Das Holz konnte nicht mal mehr nach China verkauft werden, weil das Land wegen Corona dichtgemacht hat. Wir müssen helfen, dass die Waldbesitzer trotzdem wieder aufforsten können. Ein Teil geht über Naturverjüngung. Bäume müssen aber auch gepflanzt und gepflegt werden. Wir haben auch entschieden mit Hilfe des Sondervermögens die Beiträge herabzusetzen, die die Privaten und Kommunen an Hessen Forst für die Pflege ihres Waldes zahlen müssen. Damit sie auch noch finanzielle Luft haben zum Anpflanzen.

Und was hat energetische Sanierung von Gebäuden mit Corona zu tun?

Wir wollen, dass die Handwerksbetriebe auch künftig Arbeit haben. Wenn die Kommunen kein Geld haben, sparen sie zum Beispiel an energetischer Sanierung. Wenn wir schon Konjunkturspritzen geben, dann da, wo es für das Klima was bringt. Wir brauchen die Betriebe und müssen sie so unterstützen, dass sie ihre Geschäftsfelder auf Klimaschutz ausrichten.

Interview: Pitt von Bebenburg und Jutta Rippegather

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