Interview

„Praktisch und locker“

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Ineke Spapé hat erforscht, was sich Radler wünschen. Ein bisschen Komfort muss man ihnen schon bieten, sagt die Holländerin.

Die niederländische Fahrradprofessorin und Beraterin Ineke Spapé hat mit ihrem Wohnmobil schon mehrfach auf dem Campingplatz in Offenbach gestanden. Ein guter Ort, um von da aus radelnd einen Eindruck vom Radverkehr zwischen Hanau und Frankfurt zu gewinnen. Es gibt dort Potenzial, sagt sie. Wenn Deutschlands Städte sagen, dass sie Radverkehr fördern, müssen sie ihnen mehr Platz einräumen.

Frau Spapé, was unterscheidet einen Radschnellweg vom normalen Radweg?
Ich kann gemütlich neben anderen Radlern schnell oder auch erholend durchs Grüne fahren und den Kopf leermachen. Ich muss nicht ständig aufpassen, anhalten oder mich umgucken, ob ich Vorfahrt habe.

Wer braucht einen Radschnellweg?
Jeder, der gerne einmal komfortabel radelt. Und wer möchte das nicht? Das kann der Pendler sein, der Schüler oder der Tourist. Auch zum Shoppen kann ich ihn nutzen. Es ist einfach ein selbstverständliches Angebot für Radfahrer.

Auch für E-Mobilität?
Ja, da besteht ein Zusammenhang. Eine Distanz von 20 oder 25 Kilometern ist normalerweise zu weit für ein Fahrrad. Nicht aber für ein E-Bike oder Pedelec.

Muss ein Radschnellweg eine bestimmte Länge haben?
Es gibt kein bestimmtes Maß. Das Ziel ist, ein zusammenhängendes Netz zu knüpfen, wie bei der Autobahn oder dem Bundesstraßennetz. Das bietet die Möglichkeit, von Ort zu Ort zu fahren, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass es vielleicht gefährlich ist, nicht beleuchtet oder man keine Vorfahrt hat.

Ist die Breite von vier Metern zwingend?
Eigentlich ist das nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass man nebeneinander fahren kann, und wenn es irgendwo mal nicht möglich ist, sind auch drei Meter akzeptabel oder sogar ein Stückchen gemischt mit dem Autoverkehr. Nur nicht auf der ganzen Strecke. Im Durchschnitt sollte es genügend Platz geben, wie bei einer Autobahn. Man sollte Radfahrern mindestens auch ein bisschen Komfort bieten.

Auch Rastplätze und Tankstellen für E-Mobile?
Tankstellen wollen die Leute nach unseren Erkenntnissen nicht. Das Aufladen von E-Bikes erledigen sie zu Hause oder am Arbeitsplatz. Gerade Erholungsradfahrer brauchen aber die Möglichkeit, mal einen Kaffee zu trinken. Eine pendler- und schülerorientierte Radschnellverbindung sollte angenehm, abwechslungsreich und zügig sein. Es muss was zu sehen oder zu gehen geben – Kleingärten, eine Einkaufsstraße oder schöne alte Wohnbereiche.

Dann doch nicht wie eine Autobahn, wo man nur durch will, sondern der Spaßfaktor ist auch wichtig?
Ja, das ist der große Unterschied zwischen Autofahren und Fahrradfahren. Radfahrer sind sich sehr bewusst über ihre Umgebung und genießen ihre Freiheit.

Wie soll das funktionieren? Ich will ja nicht an jeder Ecke an der Ampel stehen?
Eine Radschnellstraße heißt, dass eine Stadt sich dafür entscheidet, dass das Fahrrad genug Platz kriegt und Vorfahrt hat; auch wenn es Raum für den Autoverkehr kostet. Ampeln werden durch einen Kreisel ersetzt, in dem der Radverkehr Vorfahrt hat. Oder die Autos werden umgeleitet. Oder es gibt wenigstens eine grüne Welle für Radler. Es ist sehr wichtig, dass alles aus dem Schrank genommen wird, damit es schnell, zügig und komfortabel, aber auch angenehm vorwärts geht.

Dazu gehört auch Beleuchtung. Ist das nicht sehr aufwendig, und was ist mit dem Naturschutz?
In der Regel sollten die Routen gut beleuchtet sein. Aber wenn das, etwa im Wald, zu Konflikten führt, ist es besser, ein kleines Stückchen ohne Beleuchtung zu haben oder mit dynamischer oder zeitlich beschränkter. Lieber eine Radverbindung, die nicht hundertprozentig ist, als überhaupt keine wegen Einschränkungen oder Regeln.

Die Niederländer sind Vorreiter. Was können wir Deutschen von ihnen lernen?
2006 haben wir mit den Radschnellwegeprojekten angefangen. Anfangs sind sie nur gelungen, weil sie Autoprojekte waren. Das Ministerium hatte zu einer stauempfindlichen Verbindung eine Alternative gesucht. Da hat unser Radfahrerbund Fietsersbond eine sehr gute und damit schlaue Verbindung für Radverkehr vorgeschlagen. Jetzt planen auch die Dezenenten in mittelgroßen und kleineren Städten diese schnellen Radverbindungen, fast als Ikone oder Statussymbol. Wir haben in den Niederlanden auch kein Regelwerk, wir haben einfach angefangen, sie zu machen. Praktisch und locker also.

War der Stau dann weg?
Nein, so einfach ist das nicht. Aber es sind vier bis sechs Prozent vom Auto umgestiegen, und der Anteil nimmt noch zu wegen E-Bikes. Im Kreis Rotterdam zum Beispiel brauchen wir nur 4000 Autos weniger, dann gibt es keine Staus mehr. Die Niederländer sind praktisch: Wenn es praktisch und schnell ist, mit dem Rad zu fahren, dann machen die es auch. Radfahren ist Freiheit.

Interview: Jutta Rippegather

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