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Präsidentin des Landessportbundes: „Bei mir ist entweder Vollgas oder gar nix“

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Von: Timur Tinç

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Juliane Kuhlmann im Garten des Landessportbunds Hessen in der Otto-Fleck-Schneise, wo sie vor kurzem ihr Büro bezogen hat. rolf oeser
Juliane Kuhlmann im Garten des Landessportbunds Hessen in der Otto-Fleck-Schneise, wo sie vor kurzem ihr Büro bezogen hat. rolf oeser © ROLF OESER

Die neue Präsidentin des Landessportbund Hessen, Juliane Kuhlmann, spricht im Interview über ärgerliche Frauenklischees, die Herausforderungen für die Sportvereine durch Corona und den Ukraine-Krieg.

Frau Kuhlmann, welcher Sport war Ihre erste Liebe?

Das war Taekwondo. Begonnen hatte ich mit dem Kinderturnen, aber beim Taekwondo hat es sofort Klick gemacht.

Was hat Sie daran fasziniert?

Taekwondo ist eine koreanische Selbstverteidigungssportart, bei der man eine große Körperbeherrschung, Selbstdisziplin und Konzentration braucht und man mit viel Verantwortung für die Mittrainierenden, die man durchaus unabsichtlich auch verletzen kann, umsichtig handeln muss. Genauso wichtig wie der tolle Sport war das Umfeld in meinem Verein, dem Chung-Gun Hammersbach. Das war meine zweite Familie.

Welche Eigenschaften des Taek-wondo haben Sie verinnerlicht und helfen Ihnen in Ihrem Alltag?

Durchsetzungsvermögen, Selbstdisziplin, eine sehr gute Beobachtungsgabe und auch unter Druck die Ruhe zu bewahren. Diese Eigenschaften waren für mich während meiner gesamten ehrenamtlichen Laufbahn immer mehr als hilfreich. Man rennt schließlich mit seinen Ideen nicht überall offene Türen ein. Manchmal muss man schon beharrlich sein, aber darf dabei niemals unverschämt werden – es bedarf einer guten Durchsetzungsstrategie.

Sie sind vor kurzem mit überwältigender Mehrheit als erste Frau an die Spitze des Landessportbunds Hessen gewählt worden. Macht Sie das stolz?

Ich habe mich sehr gefreut, dass so viele Delegierte sich hinter mich gestellt und gesagt haben: Wir glauben, dass die Juliane das gut machen kann. Das hat mich mit Stolz erfüllt. Aber nicht unbedingt deshalb, weil ich das als erste Frau geschafft habe. Eigentlich wundere ich mich sogar, dass das immer wieder zum Thema gemacht wird. Ich würde mir wünschen, dass dieser Umstand gar nicht erwähnenswert ist. Denn mein Ziel ist, dass Frauen in Führungspositionen keine Besonderheit mehr sind.

Trotzdem wird es von Männern aufgebracht. Im Vorfeld hatte Ihr Gegenkandidat Heinz Zielinski, der kurz vor der Wahl seine Kandidatur zurückzog, die Frage in den Raum geworfen, wie Sie das Amt als Mutter von zwei Kindern ausfüllen wollen. Was machen solche Aussagen mit Ihnen?

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass so etwas an mir abprallt, denn es ärgert mich, weil dadurch immer wieder alte Klischees bedient werden, von denen ich eigentlich dachte, sie seien überwunden. Eine solche Argumentationsweise ist hochgradig unfair, denn sie diskreditiert alle Frauen mit kleineren Kindern und schließt sie pauschal von Führungspositionen aus. Und in Bezug auf meine Person: Ich bin ja keine Neueinsteigerin, die nun von den Aufgaben dieses Amtes überrascht wird. Ich habe mehr als 30 Jahre lang ehrenamtliches Engagement erbracht, 19 Jahre davon als Vizepräsidentin des Landessportbunds Hessen. In diese Zeit sind viele persönliche Meilensteine gefallen: Abschluss meines Studiums, erste verantwortungsvolle berufliche Stationen, die Wahl zur Sportjugendvorsitzenden, Hochzeit und Familiengründung – und trotz all dieser aufregenden Veränderungen habe ich zuverlässig und hochmotiviert mein ehrenamtliches Engagement vorangetrieben. Ich habe bewiesen, dass ich gut organisieren, manchmal auch delegieren kann.

Wie wandeln Sie diesen Ärger in Energie um?

Im Endeffekt motivieren mich solche Attacken. Als Reaktion darauf habe ich mich hingesetzt und mein Programm für einen starken, zuverlässigen und zukunftsfähigen Landessportbund Hessen ausgearbeitet. Die Menschen sollen sehen, wofür ich stehe. Ich möchte mit Inhalten überzeugen. Das Thema „erste Frau an der Spitze“ kam darin gar nicht vor, weil es für mich unerheblich ist. Es geht darum, was wir gemeinsam bewegen wollen und können und nicht, welches Geschlecht ich habe. Wenn die Folge aus meiner Wahl zur Präsidentin aber ist, dass andere Frauen sich auch eine Führungsrolle zutrauen, freue ich mich darüber sehr.

Auch Ihr achtköpfiges Team ist jünger und mit vier Frauen deutlich weiblicher als zuvor. Wie wird sich das auf Ihre Arbeit auswirken?

Ich denke schon, dass wir uns etwas anders aufstellen werden. Ein neues Team mit neuen Menschen hat jedes Recht, seine Zusammenarbeit neu zu gestalten. Ich habe einen Tag nach der Wahl zum Beispiel eine Chatgruppe in einem Messengerdienst für das Präsidium aufgemacht. Kurze Informationen teile ich persönlich lieber darüber, als eine E-Mail aufzusetzen. Wir werden sicherlich auch unsere Sitzungskultur verändern und dabei auch die eine oder andere Onlinesitzung einstreuen, um persönliche Ressourcen und Fahrzeit einzusparen.

Was macht Ihnen Freude am ehrenamtlichen Engagement und der Verbandsarbeit?

Am meisten Freude macht mir, dass man aus einer passiven in eine aktive Rolle kommt und für viele Menschen etwas bewegen und anstoßen kann. Als Präsidentin habe ich Kontakt zu zahlreichen Entscheidungsträgern, kann Vorschläge unterbreiten, Dinge einfordern und viel bewirken. Das ist ein gutes Gefühl, und das treibt mich an.

Gibt es etwas, was Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Zusammen mit dem Sportjugendvorstand haben wir mit allen Mitteln gegen G8 gekämpft. Diese Schulzeitverkürzung bedeutete für die Kinder, dass sie täglich sehr lange in der Schule hätten sein müssen – mit allen negativen Auswirkungen für sie und auch für unsere Vereine. Als das zurückgenommen wurde, war das ein ganz großer Erfolg für uns. Oder das Freiwillige Soziale Jahr im Sport. Wir mussten regelmäßig vorstellig werden, um die Finanzierung sicherzustellen. Mittlerweile gibt es für den hessischen Sport mehr als 200 Stellen.

Die vergangenen zwei Jahre waren geprägt von Corona, mit den Lockerungen gab es eine kleine Aufbruchsstimmung. Jetzt macht die steigende Inflation aufgrund des russischen Angriffskriegs in der Ukraine den Menschen zu schaffen. Welche Rolle nimmt der Landessportbund Hessen da ein?

Die Antwort ist ganz leicht: Wir stehen an der Seite der Vereine und kämpfen für unseren Sport in Hessen. Die Vereine haben während Corona eine unglaublich wichtige und zugleich schwierige Arbeit übernommen, nämlich trotz aller Auflagen Sport zu ermöglichen. Wir alle hätten uns deshalb sehr gewünscht, nun endlich zur Normalität zurückzukehren. Mit dem Ukraine-Krieg haben wir stattdessen die nächste Mammutaufgabe vor uns.

Was bedeutet das für den Sport?

Es bedeutet zum einen, dass wieder unsere Solidarität gefragt ist. Denn erneut wurden viele Sporthallen für die Unterbringung von Geflüchteten gesperrt, und trotzdem haben unsere Vereine die Geflüchteten mit offenen Armen empfangen und vielfach in die Vereinsfamilien aufgenommen. Mittlerweile sind viele Hallen wieder freigegeben worden, nun bereiten uns die massiv steigenden Energiepreise große Sorgen. Der Hessische Schwimmverband befürchtet nicht ganz unbegründet, dass Hallenbäder im Winter wegen der Energiekrise flächendeckend geschlossen werden könnten. Das wäre eine Katastrophe für alle Schwimmsportlerinnen und -sportler. Sie können nicht einfach nach draußen ausweichen oder virtuell zu Hause trainieren. Das ist wie ein Sportverbot – mit allen negativen Folgen, die wir bereits während Corona gesehen haben. Hier gilt es jetzt, viele Gespräche zu führen.

Zur Person

Juliane Kuhlmann ist seit dem 25. Juni Präsidentin des Landessportbunds Hessen (Lsbh). Mit 96,7 Prozent der Stimmen wurde die 44-Jährige in Wiesbaden als Nachfolgerin von Rolf Müller gewählt. Die Diplom-Agrarökonomin war zuvor 19 Jahre lang Vorsitzende der Sportjugend Hessen und damit als Vizepräsidentin im Präsidium des Lsbh den Bereich Kinder und Jugendliche verantwortlich.

Die gebürtige Hammersbacherin hat viele Jahre lang erfolgreich auf

nationaler und internationaler Ebene

Taekwondo im Vollkontakt betrieben.

Mittlerweile wohnt Kuhlmann mit ihrem Mann und zwei Söhnen, sechs und acht Jahre alt, in Bad Nauheim. tim

Der Landessportbund hat kürzlich ein Programm zur Umrüstung der Heizungsanlagen – weg von Gas und Öl – aufgelegt. Können Sie überhaupt so viel Geld dafür ausgeben, wie es Anträge gibt?

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Anträge bereits eingegangen sind. Aber ich bin mir sehr sicher, dass das gesamte Geld abgerufen wird, weil der Bedarf sehr groß ist. Wobei die langen Lieferzeiten zum Beispiel für Dämmmaterialien oder Wärmepumpen ein weiteres Problem sind. Das sind Zeiten, die wir alle noch nicht erlebt haben. Trotzdem ist es wichtig, dass die Vereine frühzeitig schauen, was ihre Sportstätten an Energie verbrauchen und wo es Sparpotenziale gibt. Ich empfehle dringend, die Öko-Check-Beratung des Landessportbunds Hessen zu nutzen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in den Sportvereinen? Gerade während Corona haben die Vereine sehr kreativ auf die Lockdowns reagiert.

Digitalisierung kann ein Instrument sein, um ehrenamtliche Arbeit zu vereinfachen und die Beteiligung zu erhöhen. Aber um die Chancen der Digitalisierung nutzen zu können, brauchen wir eine gesamtverbandliche Digitalisierungsstrategie, die bis an die Basis reicht.

Viele Ehrenamtliche sind den Vereinen durch die Pandemie verlorengegangen. Wie kann man die Menschen dafür wieder begeistern?

Ehrenamtliche haben schon vor der Pandemie gefehlt. Das ist ein Bereich, wie viele andere, den Corona noch einmal verschlimmert hat. Es ist notwendig, dass wir uns öffnen und zu den altbewährten guten Möglichkeiten, Menschen zu motivieren, neue und kreative Schritte gehen.

Wie?

Indem man zum Beispiel neue Formen des Engagements ausprobiert. In Vereinen, Verbänden und Sportkreisen ist man in der Regel für zwei, drei oder fünf Jahre gewählt und hat entsprechende Verpflichtungen und Aufgaben. Für viele junge Menschen ist das nicht mehr so attraktiv. Sie sind viel unterwegs und müssen flexibel sein. Da können offenere Beteiligungsmöglichkeiten eine ganz gute Lösung sein, bei denen man ohne Amt und Wahl projektorientiert arbeitet. Gerade junge Menschen motiviert das.

Insbesondere für Kinder und Jugendliche war die Corona-Zeit besonders schlimm und waren die Folgen verheerend. Was brauchen sie jetzt vor allem?

Spiel, Spaß und Bewegung – und das am besten zusammen mit ihren Freundinnen und Freunden im Verein. Deswegen ist es wichtig, dass die Vereine die Kinder mit ihren tollen Angeboten „abholen“. Wir sehen derzeit bei den Mitgliederzahlen der Kinder und Jugendlichen eine schöne Aufholbewegung. Trotzdem gibt es Kinder aus bildungsferneren und sozial schwachen Familien, die es jetzt noch schwerer haben, zu uns zu kommen. Auch, weil wegen der aktuellen Situation noch weniger Geld bei den Familien verfügbar ist. Hier braucht es große Anstrengungen, diese Kinder zu erreichen.

Brauchen Sie mehr Geld?

Alles, was wir an Geld dafür bereitstellen, wird auch ausgegeben. Der Bedarf ist groß.

Welche Themen liegen Ihnen als Präsidentin besonders am Herzen?

Da gibt es einige, zum Beispiel den Schulsport. Die Situation des Sportunterrichts an den Schulen ist – sagen wir mal – ausbaufähig, und ab 2025 gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. Die Vereine bangen um ihre Mitglieder, weil die Kinder länger in der Schule sind. Deshalb wünschen wir uns bei den Schulen eine größere Kooperationsbereitschaft mit Vereinen. Diese Kooperationen sollten aber auch gut mit Geld ausgestattet sein, und die Vereine müssen in die Lage versetzt werden, ein solches Angebot anbieten zu können – Stichwort: Verfügbarkeit von Übungsleiter:innen. Es gibt also viel zu tun. Aber mir liegen noch mehr Themen am Herzen, zum Beispiel der Nachwuchsleistungssport, den wir noch besser aufstellen wollen, Digitalisierung, die soziale Verantwortung des Sports und allen voran: die Unterstützung und Förderung unserer Vereine.

Gibt es eigentlich einen Sport, mit dem Sie gar nichts anfangen können?

Langstreckenlauf (lacht) . Ich habe mal in der Schule beim Orientierungslauf mitgemacht. Das hat mich total begeistert, weil ich Karten lesen und den Umgang mit einem Kompass gelernt habe. Das Orientieren war super, aber das Laufen ... Ich renne einfach nicht so gerne.

Stehen Sie selbst noch auf dem Tatami und machen Taekwondo?

Nein, ich habe leider keinen für mich passenden Verein mehr gefunden. Was nicht heißen soll, dass ich mich nicht irgendwann doch mal wieder auf die Suche begebe. Es ist schon ein sehr ausgleichender Sport und nützlich: Ich musste mich schon zweimal selbst verteidigen. Beide Male ging es gut für mich und schlecht für den Angreifer aus (lacht) .

Wann haben Sie das letzte Mal aus sportlichen Gründen im Vollkontakt gekämpft?

Mein letzter Wettkampf war 1998 bei einer deutschen Juniorenmeisterschaft. Ich habe während meines Studiums in Gießen zunächst im Freien mit meinem Partner trainiert. Aber das war natürlich nicht zielführend. Ich habe mich dann lieber auf mein Studium der Agrarwissenschaften konzentriert, und ich musste in dem Ingenieursstudiengang auch ordentlich lernen: Mathe, Chemie, Physik und Co. haben meine volle Aufmerksamkeit erfordert. Wenn man als Leistungssportlerin von 100 auf 0 abbremst, ist das nicht so gut für Kopf und Körper. Manchmal habe ich im Studentenwohnheim den Stift hingeworfen und bin vom siebten Stock, in dem mein Zimmer war, die Treppen nach unten und wieder nach oben gerannt (schmunzelt) . 1998 bin ich zur Sportjugend gekommen und habe das, was ich im Leistungssport zeitmäßig runtergeschraubt hatte, im Ehrenamt hochgefahren. Halbgas kann ich gar nicht. Ich gebe entweder Vollgas oder lasse es sein (lacht).

Ihr Vorgänger Rolf Müller führte den Verband 25 Jahre lang. Können Sie sich vorstellen, dieses Amt ebenfalls so lange auszufüllen?

Ich würde es jetzt nicht ausschließen, aber ich fände es vermessen, das so zu behaupten. Ich will erst einmal die nächsten drei Jahre gut machen, und dann plane ich natürlich weiter. Denn in drei Jahren bin ich bestimmt mit dem, was ich vorhabe, noch nicht fertig. Ich bin nicht angetreten, um gleich wieder abzutreten.

Interview: Timur Tinç

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