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Der glatte Oberfläche des „Giant Log“ von Arik Levy verführt manchen Besucher zum direkten Kontakt – das bleibt nicht ohne Folgen.

Rhein-Main

Skulpturenschau „Blickachsen“ in Rhein-Main ein Erfolg

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Die „Blickachsen“ boomen. Schon jetzt sind mehr Führungen gebucht als bei der vorherigen Auflage. Und die Skulpturenschau in Rhein-Main ist noch lange nicht zu Ende.

Gestern war sie noch ganz sauber“, sagt Bernd Metz, als er mit seiner Gruppe die riesige Stele aus Edelstahl von Arik Levy erreicht hat. Doch 24 Stunden haben ausgereicht, um die ansonsten blitzblank polierte Spiegelskulptur an ihrer Basis mit reichlich Hand- und Fingerabdrücken zu versehen. Die „Blickachsen“ reizen ihre Besucher eben nicht nur zum interesselosen Betrachten der insgesamt 60 Werke, sondern auch zum Anfassen und Mitmachen. Dabei hat sich Levys 13 Meter hoher „Giant Log“ zu einem der zentralen Ziele entwickelt. Die meisten Besucher begnügten sich allerdings zum Glück damit, ihr Handy für ein Selfie zu zücken. „Dann wird noch geschaut, ob das Make-up stimmt“, sagt Kunsthistoriker Metz und lacht.

Dabei bietet der 13 Meter hohe Monolith genug Stoff zum Interpretieren und Assoziieren. Etwa zu Fragen von Wahrnehmung und Perspektive, Bezügen zu Büchern und Filmen wie „Alice im Wunderland“ und „2001“ oder auch profanen Alltagserfahrungen. „Ich muss immer an die EZB denken“, sagt eine Frau.

Fast 50 Menschen haben sich der von Bernd Metz geleiteten öffentlichen Führung durch den Kurpark angeschlossen. Dass selbst während der Ferien so viele Kunstinteressierte kommen, habe er gar nicht erwartet, sagt Metz.

Die „Blickachsen“ boomen. Es seien schon jetzt mehr private Führungen gebucht worden als während der gesamten 11. Auflage der Skulpturenschau vor zwei Jahren, teilt Sprecherin Sunita Scheffel mit. Und auch damals hatte ihr Bruder, Kurator Christian Scheffel, mit 6000 Teilnehmern schon einen neuen Rekord vermelden können.

Die „Blickachsen“ präsentieren alle zwei Jahre zeitgenössische Kunst an verschiedenen Orten im Rhein-Main-Gebiet. Zentrum ist traditionell Bad Homburg. Weitere Standorte sind in diesem Jahr der Campus Westend der Frankfurter Universität, Bad Vilbel, Eschborn , das Kloster Eberbach, und das Schlosshotel Kronberg.

Insgesamt rechnet Scheffel bis zum Ende der Schau am 6. Oktober mit mehreren Hunderttausend Besuchern. Eine genauere Angabe ist naturgemäß nicht möglich. Schließlich sind die sechs „Blickachsen“-Standorte in der Rhein-Main-Region frei und ohne Eintritt zugänglich. Wobei sich das Interesse an den Führungen laut Sunita Scheffel ganz klar auf Kur- und Schlosspark in Bad Homburg konzentriert. Hier haben die „Blickachsen“ 1997 ihren Anfang genommen, um sich schon bald zur international angesehenen Skulpturenbiennale zu entwickeln. Und hier befinden sich weiterhin die meisten Kunstwerke.

Zum Beispiel die „Wish Trees“ von Yoko Ono, die im Schlosspark ohne Zweifel die größte Anziehungskraft ausüben. Die US-amerikanische Künstlerin hat einige Apfelbäume ausgewählt, in die nun Besucher kleine Zettel mit ihren Wünschen hängen können. Fast 10 000 Besucher haben davon schon Gebrauch gemacht. Mit einer erheblichen Bandbreite. Das Spektrum reicht von Idealismus pur a la „Friede, Liebe und Gesundheit für Mensch und Tier“ bis hin zum blanken Kommerz: „Ein I-Phone plus in Rosé-Gold“. Die Wunschzettel werden nach Abschluss der „Blickachsen“ an Ono geschickt, die sie in ihrem „Imagine Peace Tower“ auf Island sammelt. Von dort aus wird sie zudem zwischen dem 9. Oktober und 8. Dezember wieder eine Lichtsäule 4000 Meter in den Himmel aufsteigen lassen, mit der sie an Geburts- und Todestag ihres Mannes John Lennon erinnert.

Weitere bekannte Namen bei den diesjährigen „Blickachsen“ sind A.R. Penck, Per Kirkeby oder Hanneke Beaumont. Darüber hinaus kooperiert Kurator Scheffel wie gewohnt mit einer internationalen Partnerinstitution, diesmal dem schwedischen Skulpturenpark Wanås Konst.

Dadurch sind besonders viele Arbeiten aus skandinavischen Ländern zu sehen. Etwa von Charlotte Gyllenhammer, die mit zwei Arbeiten an prominenter Stelle auf dem Schmuckplatz an der Kaiser-Friedrich-Promenade vertreten ist. Mit ihrer Bronzeskulptur „Night, Descend“, einer Frauenfigur, die in die Erde einzutauchen scheint und einem trutzigen Turm verbreitet sie eine märchenhaft-surreale Atmosphäre. Rätseln darf man, was beim Blick durch das schießschartenartige Turmfenster zu sehen ist. Ein Zepter, ein Apfel, ein Heißluftballon? Auch die Teilnehmer bei der Führung von Bernd Metz waren sich da nicht ganz einig.

Ihren Namen verdanken die „Blickachsen“ den Sichtverbindungen, die Kurpark-Gestalter Peter Joseph Lenné schon im 19. Jahrhundert angelegt hat. Besonders markant hat das Künstler-Duo Winter/Hoerbelt eine dieser Achsen aufgegriffen. Eine aus gelben Wasserkästen zusammengesetzten Röhre lässt den Betrachter vom einen Ende aus die Fontäne des Schwanenteichs in den Blick nehmen und auf der anderen das Kurhaus. Auch davor erhebt sich normalerweise eine Fontäne. Im Moment müssen die Besucher darauf allerdings verzichten: Wegen der trockenen Witterung hat die Stadt entschieden, ihre öffentlichen Brunnen vorübergehend abzuschalten.

Führungen

In Bad Homburg werden regelmäßige öffentliche Führungen angeboten. Die Rundgänge durch den Kurpark beginnen donnerstags um 18.30 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen um 11 Uhr am Schmuckplatz. Im Schlosspark beginnen die Führungen sonntags um 15 Uhr am Eingang Löwengasse/Dorotheenstraße. Die Teilnahme kostet jeweils 8 Euro. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Für alle sechs Standorte können zudem Gruppenführungen gebucht werden. Infos und Anmeldung per Telefon 06172 / 681 194 6 oder E-Mail: fuehrungen@blickachsen.de.

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