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Eva Ruppert in ihrem Haus in Bad Homburg.
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Eva Ruppert in ihrem Haus in Bad Homburg.

Bad Homburg

Post von Honecker

  • Torsten Weigelt
    VonTorsten Weigelt
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Eva Ruppert hat den ehemaligen DDR-Staatschef unterstützt, als der in Berlin im Gefängnis saß. Den Briefwechsel mit ihm hat sie nun veröffentlicht.

Die Boulevardpresse hat sie zu „Honis geheimer West-Romanze“ erklärt, gar zu „Honeckers letztem Groupie“. Eva Ruppert sitzt zwischen Bücherstapeln und selbst gemalten Bildern in ihrem Reihenhaus in Bad Homburg und winkt ab. „Am Anfang habe ich mich geärgert“, gibt sie zu, „aber inzwischen lache ich darüber.“

Auslöser für die Schlagzeilen in „Bild“ und Co ist das Buch „Liebe Eva“ mit Briefen Erich Honeckers, die der langjährige Staatsratsvorsitzende der DDR zwischen 1991 und 1994 an Ruppert geschrieben hat, die meisten aus der Untersuchungshaft im Berliner Gefängnis Moabit.

Darin rechnet er mit Gorbatschow ab („Dass er an den Kommunismus nie geglaubt habe – das kann man, ja das muss man ihm abnehmen. Nur gesagt hat er das damals nie“) und berichtet von Besuchen des heutigen nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega oder der chilenischen KP-Chefin Gladys Marín.

Hin und wieder lobt er seine eigene Politik: 30 000 Wohnungen seien in der DDR während seiner Amtszeit pro Jahr gebaut worden, „gegen 3000 jetzt“. Zweifel oder Selbstkritik kommen nicht auf. „Im Grunde haben wir, habe ich ja immer dafür gekämpft, dass es den anderen besser gehen wird.“ Öfter kommt Honecker auf seinen Gesundheitszustand zu sprechen, der sich wegen einer Krebserkrankung verschlechtert. Er schreibt aber auch über Musik und Literatur, bedankt sich bei Ruppert für die „geistige Nahrung“, die sie ihm in die Zelle schickt (Musik von Vivaldi oder die „Briefe aus dem Gefängnis“ von Rosa Luxemburg). Er selbst empfiehlt ihr US-amerikanische Bestseller wie „Fegefeuer der Eitelkeiten“ von Tom Wolfe und „Die Firma“ von John Grisham.

Mit zunehmender Dauer wird die Korrespondenz vertraulicher und persönlicher: Von der „kleinen Compañera“ ist dann die Rede. Manche Briefe beendet Honecker mit „Lass dich umarmen“. „Die Zuneigung füreinander schwingt in jeder Zeile mit“, findet Verleger Frank Schumann.

Allerdings finden sich ähnliche Formulierungen auch in den Briefen von Margot Honecker an Eva Ruppert, die ebenfalls in dem Band veröffentlicht sind. Die Frauen haben noch bis kurz vor dem Tod von Margot Honecker, die am 6. Mai 2016 starb, korrespondiert. Direkt begegnet seien sie sich aber nicht, sagt Eva Ruppert. Ihre Flugangst habe sie davon abgehalten, nach Chile zu fliegen, wo Margot Honecker bis zu ihrem Tod gelebt hat.

Erich Honecker hat Ruppert „fünf, sechs Mal“ im Gefängnis besucht. Dabei habe er sie stark beeindruckt, gibt sie zu. Er habe nie über seine Lage geklagt, sondern „große Menschlichkeit gezeigt“. Allerdings seien die Besuche jeweils nur sehr kurz gewesen und immer habe ein Wärter dabeigesessen und mitgeschrieben. Deshalb sei es ihr lieber gewesen, sich per Brief mit Erich Honecker auszutauschen. Leider seien ihre eigenen Schreiben nicht mehr erhalten; deshalb enthält das Buch auch nur zwei Briefe Rupperts, von denen sie noch Vorlagen aufbewahrt hatte.

Eva Ruppert hatte seinerzeit ein Solidaritätskomitee für Erich Honecker mitbegründet. Für sie war es ein Skandal, dass der krebskranke Honecker nach Deutschland ausgeliefert wurde und sich dort für die tödlichen Schüsse auf DDR-Flüchtlinge verantworten sollte. Schließlich sei er Regierungschef eines eigenständigen Staates gewesen.

Ein Staat, dem Eva Ruppert auch heute noch Positives abgewinnen kann. Im Gegensatz zum kapitalistischen Westen seien für jeden Menschen Arbeit und Wohnung garantiert gewesen und es habe keine Obdachlosigkeit gegeben. Hinweise auf die Staatssicherheit kontert sie mit dem Treiben von BND und Verfassungsschutz, und Kritik an der fehlenden Meinungs- und Pressefreiheit hält sie die Berufsverbote der 70er Jahre entgegen. Dass Menschen erschossen wurden, die das Land verlassen wollten, findet sie zwar auch „traurig und schlimm“, aber die deutsch-deutsche Grenze sei während des Kalten Krieges eben die Trennlinie zwischen zwei Machtblöcken gewesen.

Nie Mitglied in einer Partei

Politisiert wurde Eva Ruppert in den 70er Jahren auf evangelischen Kirchentagen. Dort sei sie mit der Friedensbewegung in Berührung gekommen, habe sich gegen die Nachrüstung engagiert. In einer Partei sei sie aber nie Mitglied gewesen, betont Ruppert. Trotz ihrer politischen Haltung habe sie als Lehrerin im konservativen Bad Homburg nie größere Probleme bekommen, erzählt sie. Dabei packte sie während ihrer Zeit an der Humboldtschule heiße Eisen an. So ließ sie ihre Schüler die Schicksale jüdischer Schüler in der Nazi-Zeit recherchieren, zeigte eine Anti-Apartheid-Ausstellung oder organisierte eine Demonstration gegen den Irak-Krieg. „Das war aber außerhalb des Unterrichts“, betont Eva Ruppert.

Obwohl sie seit 51 Jahren in der Kurstadt lebt, ist die gebürtige Saarländerin hier nie wirklich heimisch geworden. Ein Wegzug sei wegen ihres Mannes, den sie 1961 geheiratet hatte, und der drei Kinder nicht infrage gekommen. Manches in Bad Homburg ist ihr aber weiterhin fremd. So kann sie es nicht fassen, dass die Kommunalpolitiker es immer noch nicht geschafft haben, den Hindenburgring umzubenennen. „Der Name muss weg“, fordert Ruppert, die zu dem Thema schon zahlreiche Leserbriefe geschrieben hat. Gerade mit Blick aus ausländische Gäste finde sie es „peinlich“, dass die Stadt weiterhin einen Politiker ehrt, der Adolf Hitler den Weg zur Macht geebnet hat.

Dass sich Eva Ruppert nun entschieden hat, ihren Briefwechsel mit Erich Honecker zu veröffentlichen, ist zum einen einem Jahrestag zu verdanken: 25 Jahre ist es nun her, dass Honecker am 29. Juli 1992 von Moskau an die Bundesrepublik ausgeliefert wurde. Außerdem sei sie „auch nicht mehr die Jüngste“, sagt die 84-Jährige. „Und wenn eines Tages meine Kinder das Haus leerr äumen, weiß ich nicht, ob sie dafür ein Gespür haben.“

Eva Ruppert präsentiert ihr Buch am Mittwoch, 13. September, in der Buchhandlung Hugendubel, Louisenstraße 30, in Bad Homburg. Die Lesung beginnt um 18 Uhr.

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