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Vom harten Hund zum besonnenen Krisenmanager: Volker Bouffier.

Porträt

Porträt: Der andere Bouffier

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Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier hat sich gewandelt, aus dem harten Hund ist ein erfahrener Krisenmanager geworden. Seit der Corona-Krise ist er beliebt wie nie. Ein Porträt.

Hinter Volker Bouffier steht der Slogan auf der Wand. “#Hessenbleibtbesonnen“*, lautet er. Modern, im Duktus der sozialen Netzwerke. Und versöhnlich in der Botschaft. Ganz Landesvater.

Neben Bouffier steht Tarek Al-Wazir. Weiter weg, irgendwo nebendran Kai Klose. Und Peter Beuth. Der Wirtschaftsminister, der Gesundheitsminister und der Innenminister sind nur Beiprogramm, sie müssen sich gegenseitig den Platz am Mikro überlassen, wenn mal eine Journalistenfrage offenbleibt. Aber das kommt kaum vor, denn einer beantwortet fast alle Fragen zur Corona-Pandemie und zu den Öffnungsschritten: Ministerpräsident Bouffier. Er zeigt, dass er jeden Schritt ganz persönlich verantwortet. Und er hat seinen Ministerkollegen etwas voraus: Bouffier war bei allen Schalten mit der Bundeskanzlerin dabei.

Manche hatten Volker Bouffier politisch schon auf dem Abstellgleis gesehen. Geschwächt durch eine Krebserkrankung, hatte er seinem Stellvertreter Tarek Al-Wazir im vergangenen Jahr viel Raum gelassen. Für einige Wochen mussten die Sitzungen des Kabinetts und der Koalitionsrunde ohne ihn auskommen.

Al-Wazir war derjenige, der mit dem Landesticket und dem Schülerticket die sichtbarsten, konkretesten Projekte der schwarz-grünen Koalition zu verantworten hatte. Zugleich konnten sich die Grünen profilieren, als ihr Megathema Klimawandel dank Greta Thunberg und zweier Dürresommer ganz groß wahrgenommen wurde. Im Kampf gegen Hass und Hetze von rechts galten sie ohnehin als besonders glaubwürdig. Das waren die wichtigsten Themen vor Corona.

Jetzt ist alles anders. Christdemokrat Bouffier hat das Heft des Handelns in die Hand genommen. Nicht mit forschen Auftritten wie die Kollegen Markus Söder in Bayern oder Armin Laschet in Nordrhein-Westfalen. Sondern nüchtern und mit ruhiger Hand.

Das kommt offenkundig an bei den Bürgerinnen und Bürgern. Krisen gelten als Stunde der Exekutive, der Blick richtet sich auf die Regierenden. Doch in Hessen profitieren nur Volker Bouffier und seine CDU.

Die hessischen Christdemokraten kommen in der jüngsten Momentaufnahme des Instituts Infratest dimap für den Hessischen Rundfunk auf 36 Prozent, so viel wie seit 2016 nicht mehr. Der grüne Koalitionspartner, der in der Februar-Umfrage ganz dicht dran war an Bouffiers Partei, fällt auf 20 Prozent zurück. Und Bouffiers persönliche Beliebtheit klettert auf ein Allzeithoch, nahe bei den Werten von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Woran liegt das? Bouffier hat nie den Finger gehoben und geprahlt, dass er der Erste sei. Auch wenn Hessen in manchen Bereichen schneller war als andere, indem es etwa noch die Abiturprüfungen schreiben ließ und die ersten Schüler eine Woche vor den meisten anderen Ländern in die Klassen zurückholte.

Bouffier hat Wichtigtuerei nicht nötig. Er will und muss nichts mehr werden. Man nimmt ihm daher eher ab als anderen, dass er Vor- und Nachteile der Öffnungsschritte sachlich abwägt und nicht auf persönliche oder parteipolitische Vorteile schielt.

Da nimmt ihm die Mehrheit nicht einmal seinen peinlichsten Fauxpas übel, als Bouffier während der Pandemie dicht gedrängt mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und anderen Politikern in einen Fahrstuhl stieg – ausgerechnet in einer Klinik.

Nebenbei schwingt sich der gelernte Rechtsanwalt und Notar zum Verteidiger der Grundrechte auf. „Wir sind kein Überwachungsstaat“, brummt er mit seiner tiefen Stimme, „zunächst trägt jeder Verantwortung für sich selbst.“

Ist das noch der harte Hund, den man mehr als ein Jahrzehnt lang als Innenminister erlebt hat? Nein, Bouffier hat sich gewandelt, schon vor der aktuellen Krise. Seit er die erste schwarz-grüne Regierung in Hessen ins Leben gerufen hat, dominiert bei ihm der väterliche Ton – gerade gegenüber den Grünen, dem einstigen Erzfeind. Sein Satz aus den Koalitionsverhandlungen ist Legende: Man solle bedenken, dass der jeweils andere auch recht haben könnte. Eine Selbstverständlichkeit an sich, aber in der politischen Debatte, zumal der hessischen, etwas Unerhörtes.

Schon in der Flüchtlingsdebatte der Jahre 2015/16 hat Bouffier gemäßigt agiert, angetrieben auch durch die humanitäre Haltung des grünen Koalitionspartners. Er erinnerte an den Satz des einstigen SPD-Ministerpräsidenten Georg August Zinn: „Hesse ist, wer Hesse sein will.“ Damit stand er Bundeskanzlerin Angela Merkel deutlich näher als ihren Kritikern. Überhaupt stützt Bouffier die Kanzlerin, wo er kann – ganz anders als Vorgänger Roland Koch, der gegen Merkel stichelte, wo es ging, und sich offensichtlich wie der bessere Kanzler vorkam.

In der Corona-Krise muss Bouffier nicht von den Grünen angetrieben werden. Deren Gesundheitsminister Kai Klose ist noch grün im Amt und schiebt sich nicht in den Vordergrund. Al-Wazir fällt nicht durch eigene Akzente auf. Wenn er in der Pressekonferenz ebenso wie Bouffier für vorsichtige Öffnungen plädiert, um bloß keiner neuen Infektionswelle Vorschub zu leisten, kann er sich nicht abheben. Selbst die gelungene Corona-Soforthilfe, die in Hessen schneller ausgezahlt wurde als in vielen anderen Ländern und zugleich durch weniger Fälle von Missbrauch gebeutelt war, wird weniger den Initiatoren angerechnet, Al-Wazir und dem verstorbenen Ex-Finanzminister Thomas Schäfer (CDU). Der Bonus geht an den Chef, an Bouffier.

Wer denkt jetzt noch an die tiefe, bundesweite Krise der CDU? An den hilflosen Umgang der Partei mit der Fridays-for-Future-Bewegung? An die händeringende Suche nach einem Nachfolger für Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer?

Das alles liegt nur wenige Monate zurück und scheint doch Lichtjahre her zu sein. Noch weiter nach hinten gerückt ist die Erinnerung an Bouffier, den ehemaligen Vielfach-Skandal-Innenminister. Was bleibt, ist ein erfahrener Krisenmanager. Und der wird jetzt gebraucht. Selbst die Weitschweifigkeit seiner Vorträge, für die Bouffier jahrelang berüchtigt war, hält sich inzwischen in Grenzen.

Mag sein, dass Bouffier sogar länger im Amt bleibt, als er selber dachte. Viele hatten erwartet, dass der 68-Jährige seine Ämter an einen Nachfolger übergeben könnte, beginnend mit dem CDU-Landesparteitag, der für den 27. Juni in Willingen geplant war. Doch der Parteitag ist wegen Corona um ein Vierteljahr verschoben worden, und Bouffiers wahrscheinlichster Nachfolger, Finanzminister Schäfer, ist aus dem Leben geschieden.

Der Minister, der so robust und frohgemut wirkte, hatte sich anscheinend von den Sorgen über die Folgen der Corona-Pandemie „erdrückt“ gefühlt, wie Bouffier es damals formulierte. Es war bereits das zweite Mal innerhalb eines Jahres, dass ein langjähriger politischer Freund und Wegbegleiter Bouffiers auf tragische Weise ums Leben kam. Walter Lübcke, der Kasseler Regierungspräsident und CDU-Politiker, war vor einem Jahr erschossen war, offenbar aus einem rechtsextremen Motiv.

Bouffier hat trotzdem immer weitergemacht. Mit energischen Appellen gegen Rechtsextremismus nach Lübckes Tod. Und nun, nach Schäfers Ableben, mit dem deutlichen Zeichen, dass sich die Freiheiten nach den Corona-Einschränkungen wieder herstellen lassen, „sehr besonnen und Stück für Stück“.

Im vergangenen Jahr hatte der Regierungschef selbst Spekulationen befeuert, dass ein Nachfolger mitten in der Legislaturperiode sein Amt übernehmen könnte. Auf eine entsprechende Frage antwortete er: „Das werden wir dann beraten, wenn es soweit ist. Aber dafür spricht viel.“

Doch ein Wechsel mitten in der Wahlperiode würde ein erhebliches Risiko für die schwarz-grüne Koalition bedeuten, die nur über eine Stimme Mehrheit im Parlament verfügt. Und in Berlin sieht die CDU, wie froh sie sein kann, dass Angela Merkel mitten in der Legislaturperiode nur den Parteivorsitz abgegeben hat und nicht das Amt der Kanzlerin.

In der hessischen Union werden die Karten für die Zeit nach Bouffier völlig neu gemischt, und niemand könnte behaupten, der Ministerpräsident wirke amtsmüde. Der neue Bouffier könnte Hessen noch länger erhalten bleiben.

*Hinweis: In einer älteren Version dieses Artikels hieß es, der Hashtag laute „#Hessenbleibtbeisammen“. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen, und haben diesen korrigiert. 

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