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Bei der Inszenierung kam auch die Hundestaffel der Polizei zum Einsatz.
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Bei der Inszenierung kam auch die Hundestaffel der Polizei zum Einsatz.

Tatortbegehung

„Main-River-Ranch“ in Maintal: Polizeichor brüllt auf Kommando

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Hunde bellen und Polizisten schreien um Hilfe. Es ist Ortstermin des Landgerichts Frankfurt im Mordfall auf einem Reiterhof in Maintal-Dörnigheim.

Maintal - Es ist kurz nach 10 Uhr, als am Mittwoch verzweifelte Schreie durch die Kleingärten am Mainufer in Maintal-Dörnigheim gellen: „Hilfe! Hilfe! Papa! Hilfe!“ Gott sei Dank: Die Polizei ist schon vor Ort. Ebenso wie ein paar Richter. Und Strafverteidiger. Und Pressevertreter. Und Zuschauer. Und um ehrlich zu sein, ist es die Polizei selbst, welche die Ruhe des Naherholungsgebietes zuschanden brüllt. Weil’s der Wahrheitsfindung dient.

Es ist mal wieder Ortstermin auf der ehemaligen Main River Ranch, dem verwilderten Garten, in dem der heute 59 Jahre alte Klaus-Dieter und sein 29 Jahre alter Sohn Pierre B. im Juni 2014 ihre Vermieter, das Ehepaar Harry und Sieglinde K. (beide 57), umgebracht hatten. Vorausgegangen waren Mietstreitigkeiten mit dem als cholerisch beleumdeten Ehepaar. Zweimal waren Vater und Sohn bereits vom Landgericht Hanau freigesprochen worden, das eine Notwehrsituation nicht ausschließen wollte. Zweimal hatte der Bundesgerichtshof die Urteile aufgehoben und nun für einen dritten Versuch ans Landgericht Frankfurt überweisen. Das will heute hören, welche Schreie damals bis wohin zu hören gewesen sein könnten.

Landgericht Frankfurt: Polizisten brüllen, Hunde bellen – Fall in Maintal nachgestellt

Während sich die Zuhörer an einen abgelegenen Ort des Geländes zwischen Brombeergestrüpp, einer immer noch existierenden Sperrmülldeponie und einem verwitterten Ziegenstall verziehen, übernimmt ein Polizist den Part von Pierre B., der vor der ehemaligen Wohnhütte von den Vermietern attackiert wird. Was er brüllt, steht im Drehbuch, das allen Beteiligten zuvor ausgehändigt worden war. „Dreimal ,Hilfe!‘ Kurze Pause. Dreimal ,Papa! Hilfe!‘“ Man hört ihn gut.

Danach steht freies Brüllen auf dem Programm. „Aaaaah! Oooooh! Uuuuuh!“, brüllt ein Polizist, und ein Zittern rauscht durch das Publikum. Nun die Dame. „Aaaiiih“, brüllt eine Polizistin mit Walkürenorgan, und nun zittern selbst die Brombeeren. „Und jetzt der erste Maintaler Polizeichor: Polizist und Polizistin“, gibt der Vorsitzende Richter Volker Kaiser-Klan die Regieanweisung, und plötzlich ist Bayreuth gestern. Aber da geht noch mehr. „Und jetzt mit Hunden!“ Zu dem Gebrüll der Polizei gesellt sich das Gebell der Polizeihundestaffel, und spätestens jetzt ist die Hölle los. Es folgt das Hundesolo. „Nur die Hunde bellen!“, befiehlt der Kaiser-Klan. Die Hunde bellen. Die Polizisten brüllen. „Fehlversuch! Abbruch!“, ruft Kaiser-Klan und wirkt plötzlich ein wenig wie Werner Herzog bei den „Fitzcarraldo“-Dreharbeiten. „Wir fangen noch mal an. Nur die Hunde bellen!“ Die Hunde bellen. Nur die Hunde. Geht doch.

„Main-River-Ranch“ in Maintal: Open-Air-Gerichtsverhandlung des Landgerichts Frankfurt

Wäre man jetzt in einer Shakespeare-Vorstellung, man würde applaudieren und „Gut gebellt, Hund!“ rufen. Oder „Gut gebrüllt, Bulle!“ auf einer Antifa-Demo. Ist man aber weder noch. Kaiser-Klan hat allen Besuchern schon zu Beginn eingebläut, dass man sich in einer Open-Air-Gerichtsverhandlung befinde und sich auch dementsprechend zu benehmen habe: mucksmäuschenstill! Für alle, die nicht hören wollen, hängt am Gartentor auch noch ein öffentlicher Aushang des Landgerichts, der das Areal zum Schrebergericht erklärt.

Nun wird mit Text weitergebrüllt. „Schmutziger Penner! Dreckiger Nigger!“, schreit die Polizistin in der Rolle der Sieglinde K. Sie muss das brüllen, so steht es im Drehbuch. Und zum Glück sind auch noch keine People of Color anwesend. Doch das ändert sich gerade rapide, denn die Sonne nähert sich ihrem mittäglichen Zenit, und die wenigsten haben daran gedacht, zum Gerichtstermin Sonnenhüte oder –creme mitzunehmen. Ein Schattenplätzchen ist kaum zu finden.

Der Prozess wird fortgesetzt. Das nächste Mal wieder in klimatisierten Innenräumen. (Stefan Behr)

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