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Justitia.

Hanauer Landgericht

Tränen für den Mörder

Bizarre Bilder im Hanauer Landgericht: Soeben hat die Schwurkammer Viktor F. zu „lebenslang“ verurteilt – da klammern sich vor der Anklagebank Täter und engste Angehörige des Opfers weinend aneinander.

Von Jörg Andersson

Der kräftige, 40-jährige Mann hat seine 36-jährige Frau aus Eifersucht mit 15 Messerstichen „brutal hingerichtet“, führt Richter Peter Graßmück aus, dazu ihren Freund lebensgefährlich verletzt. Doch die Mutter und der Bruder der Getöteten, die aus Rumänien zum Prozess angereist sind, leiden mit dem schluchzenden Mörder, streicheln dessen Gesicht und Arme, ehe er in Handschellen abgeführt wird.

Mehrfach habe ihn die Frau angefleht, ihrem Schwiegersohn eine schwere Strafe zu ersparen, es sei schon genug Unglück passiert, erzählt Pflichtverteidiger Volker Augst, der auf 15 Jahre Haft plädiert hatte. Das „auffällig innige Verhältnis“ könne sich keiner genau erklären, sagt Graßmück. Für den Prozess habe es auch keine Bedeutung gehabt.

Mörder und Opfer stammen aus einem kleinen rumänischen Dorf, das sie 1996 und 1998 als Spätaussiedler verlassen. Beide landen in Gelnhausen. Viktor F. arbeitet bei einem Automobilzulieferer Schicht, seine Frau Anna bedient später in einem Restaurant im Stadtteil Meerholz. 2009 ist die kinderlose Ehe nach zehn Jahren am Ende. Sein „übermäßiger Alkoholkonsum“ habe zur Trennung geführt, schlussfolgert das Gericht aus Zeugenaussagen.

F. hofft noch kurze Zeit auf die Rückkehr seiner Frau, die zu einer Freundin in der Nähe zieht, bringt Blumen vorbei. Dann wird ihm bewusst, dass sie sich einem Arbeitskollegen zugewandt hat. Eifersucht ergreift von ihm Besitz. „Wenn ich sie nicht haben kann, soll sie keiner haben“, droht der „herrschsüchtige“ Viktor. Seine Frau hat Angst, rechnet aber nicht mit dem Schlimmsten.

Sechs Wochen nach ihrem Auszug, am 25. März, eskaliert die Situation. Bereits mittags droht Viktor F. telefonisch damit, „sie umzubringen“. Während der vier Verhandlungstage rätseln Gutachter darüber, ob mit „sie“ nur die Frau oder zugleich der neue Lebensgefährte gemeint war.

Um 17.30 Uhr fährt Viktor F. zur Hinterhofwohnung im Ortskern, lädt Müllsäcke mit Kleidung seiner Frau ab und hat bereits ein 22 Zentimeter langes Messer im Auto – angeblich um Tütenschnüre zu kürzen. Obgleich niemand da ist, habe sich sein Gedankenspiel da wohl schon vertieft, führt Graßmück in der Urteilsbegründung aus.

Um 18.40 Uhr – der Angeklagte hat nach etlichen Gläsern Bier 1,85 Promille Alkohol im Blut – steht er, mit dem Messer in der Hand, wieder vor der Tür, die nun offen ist: In der Küche sitzt seine Frau auf dem Schoß ihres neuen Freundes, der den ersten Stich in Richtung Hals noch mit der Hand abwehren kann. Beim zweiten Stich in den Bauch büßt er eine Niere ein. Nur das schnelle Eingreifen der Sanitäter rettet ihn vor dem Tod, sagen die Ärzte. Trotzdem sieht das Gericht keinen vollendeten Mordversuch, erkennt auf gefährliche Körperverletzung in enthemmtem Zustand. „Sie haben den aus dem Weg geräumt, der die Tat verhindern konnte“, sagt Graßmück.

Die Frau wird in wenigen Minuten „förmlich niedergemetzelt“, formuliert die Staatsanwältin. Der finale Stich durchtrennt die Halsschlagader. Während des Prozesses werden zwei Filme eingespielt. Die Videoaufnahme eines gegenüberliegenden Geschäftes zeigt F., wie er ruhig auf seine Festnahme wartet. Er und Nachbarn haben die Polizei informiert. Polizei und Gerichtsmedizin filmten in der Küche. „Es sah aus wie in einem Schlachthaus“, kommentiert Graßmück. Als die Bilder gezeigt werden, wendet sich der voll geständige Viktor F. weinend ab.

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