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Der radikale Islamist Pierre Vogel ist eine Gallionsfigur der Salafisten im Rhein-Main-Gebiet.

Salafismus

Rhein-Main ist "Hotspot" des militanten Islamismus

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Das Rhein-Main-Gebiet biete "ideale Rahmenbedingungen" für Extremisten, sagt das Landeskriminalamt. "Das alles macht uns große Sorgen."

Das Rhein-Main-Gebiet hat sich nach Erkenntnissen des Hessischen Landeskriminalamts zu einem „Hotspot“ des militanten Islamismus in Deutschland entwickelt. Mit dem Anschluss zu mehreren Verkehrsknotenpunkten, dem internationalen Flughafen und der Anonymität eines Ballungsgebietes biete die Region „ideale Rahmenbedingungen“ für Extremisten, die neue Anhänger rekrutieren oder im Verborgenen leben wollen, sagte Sabine Thurau, die Präsidentin des Hessischen Landeskriminalamtes, in Frankfurt.

Viele sogenannte Gefährder hätten sich aus der Mitte der Gesellschaft heraus radikalisiert und seien äußerst gewaltbereit, berichtete Thurau. Bei ihnen handele es sich zumeist um irrational handelnde Einzelgänger, die mit großer Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorgingen. Damit könnten sie Links- und Rechtsextreme zu weiteren Gewalttaten provozieren. „Das alles macht uns große Sorgen“, sagte Thurau. Wie viele Gefährder in der Region leben, wollte die LKA-Frau nicht sagen.

Ziel von Polizei und Staatsanwaltschaften müsse daher sein, die Hochrisiko-Personen so früh wie möglich zu identifizieren, zu beobachten und sie aufgrund ihrer oft kriminellen Machenschaften in Untersuchungshaft zu nehmen oder gegebenenfalls auszuweisen. „Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Anschlagsvermeidung“, betonte die Kriminalbeamtin und Juristin.

Pierre Vogel bereitet Salafisten den Boden

Die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Meltem Kulacatan bestätigte die Einschätzung von Thurau. Das Rhein-Main-Gebiet sei wegen seiner Internationalität, des Flughafens und einer mehr als 40 Jahre gewachsenen muslimischen Szene besonders attraktiv für radikale Islamisten. 

Die Region gelte seit den Auftritten des islamistischen Predigers Pierre Vogel, den Koran-Verteilungsaktionen in der Frankfurter Innenstadt und den Aktivitäten des inzwischen verbotenen Vereins „Dawa FFM“ als Zentrum des Salafismus. Hier biete sich Radikalen die Möglichkeit, anonym zu leben und zu vernetzen.

Forschungen hätten ergeben, dass sich die Akteure salafistisch-orientierter Netzwerke und Gruppen Jugendlichen über die Beziehungsebene annähern, berichtete Kulacatan. Erstgespräche handelten vielfach vom Alltag sowie den Problemen in der Schule, in der Familie und mit Freunden. Die Gruppen knüpften auch an deren Diskriminierungserfahrungen an und verstärkten sie, indem sie das Stereotyp der Muslime als Opfer bedienten. Die Religion spiele bei den Gesprächen kaum eine Rolle, „in der Regel sind die Jugendlichen religiöse Analphabeten“.

Religiös gebildete Jugendliche seien den Einflüsterungen der Extremen weniger ausgeliefert, ergänzte die Politikwissenschaftlerin. „Sie sind widerstandskräftiger.“ Wichtig mit Blick auf die Präventionsarbeit sei es, dass die Gesellschaft ihre Offenheit nicht aufgebe. Zugleich müssten Vorbilder und Multiplikatoren gestärkt werden, denn Eltern und Imame ließen die um Identität ringenden muslimischen Jugendlichen oft mit ihren Problemen alleine.

Nach Angaben des Landeskriminalamtes ist von rund 1650 Salafisten in Hessen auszugehen. In Deutschland gibt es rund 10.000 Anhänger der streng islamischen Bewegung. Allerdings gelten nicht alle von ihnen als gewaltbereit.

Mit Material von dpa und epd.

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