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Ein Bagger räumt die letzten Relikte des Protest-Camps.

Treburer Wald

Polizisten räumen Protest-Camp am Flughafen

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Hunderte Polizisten räumen das Protest-Camp gegen die neue Flughafen-Ausfahrt.

Der nächste Trupp rückt an: Sieben Polizisten marschieren Dienstagfrüh um 9.20 Uhr in voller Montur durch den herbstlichen Wald, um die Kollegen zu verstärken. Vorbei an einem Fraport-Bus, einem Radlader und einem mit Sand befüllten Lastwagen geht es zum Einsatzort – dem Treburer Oberwald an der Autobahn A5. Seit knapp einem Jahr haben sich dort Aktivisten niedergelassen, um gegen das Fällen der Bäume für den Ausbau des Flughafens zu protestieren. Die Polizisten sind gekommen, um das Camp zu räumen und das Gelände abzusperren. Sie kommen aus Hessen und anderen Bundesländern. 

Das Vorhaben hat sich schon am Abend zuvor herumgesprochen. Dirk Treber und eine Handvoll anderer Ausbaugegner sind im Morgengrauen in den Wald gepilgert. „In der Übergangszeit der neuen Landesregierung sollen hier schnell Fakten geschaffen werden“, sagt Treber, der unter anderem für die Bundesvereinigung gegen Fluglärm tätig ist. Es könne kein Zufall sein, dass diese Aktion kurz nach der Landtagswahl geschehe.

Die Ausbaugegner müssen vor der Polizeikette stehen bleiben, einzig die Presse darf näher ans Camp, in dem zwei rote Hubwagen stehen. Der eine fährt die Hebebühne gerade hoch, um eine junge Frau von einer Plattform oben in einem Baum herunterzuholen. Sie redet ununterbrochen auf die Beamten des Sondereinsatzkommandos ein, fuchtelt nervös mit den Händen. Die Beamten sägen Äste ab, zerschneiden eine Kordel. Ein Transparent mit der Aufschrift: „Wir nehmen Ihrer Zukunft das Zuhause. Ihr Flughafen“, fällt. 

Die Beamten gehen bedächtig vor. Auch die Aktivisten bleiben ruhig, kooperativ. Ganz anders als vor rund zehn Jahren bei der Räumung des Flörsheimer Walds, erinnert sich Walter Keber, der als FR-Redakteur in den 80er Jahren auch den Widerstand gegen die Startbahn West begleitet hat. Aber heute sei die Polizei auch nicht mit Wasserwerfern angerückt.

Das Sondereinsatzkommando (SEK) hat die Frau überwältigt und mit dem Hubwagen auf den Boden gebracht. Sie spricht einen Rettungssanitäter an, bittet ihn aber nur um Feuer. Rechts neben ihr steht ein Schild: „Trebur bleibt“. Ein paar Meter weiter sprühen Funken: Ein Aktivist hat sich an einer Metallkonstruktion im Boden festgekettet, hier muss die Flex dran. Gegenüber auf einer kerzengeraden Buche sitzen zwei weitere Leute auf einem Plateau rund zwölf Meter über dem Boden. Sie sind die nächsten, die unbeschadet mit dem Hubwagen heruntergebracht werden. 

Es ist 10 Uhr. Wie viele Menschen noch in irgendwelchen abenteuerlichen Konstruktionen ausharren, kann Polizeisprecher Andrew McCormack zum jetzigen Zeitpunkt immer noch nicht sagen. 15 Menschen waren am Boden, als die Polizei mit Beginn der Morgendämmerung das Camp betrat. Nach derzeitigem Stand seien zwei angekettet, und dann gebe es noch eine unbekannte Zahl in den Baumhäusern. „Wir wissen es nicht“, sagt McCormack. Was er wohl weiß, ist, dass hier jede Menge Beamte im Einsatz sind. Mehrere Hundert seien es, zu Spitzenzeiten „im hohen dreistelligen Bereich“. Das Eigentums- und Besitzrecht liege bei Fraport, die jetzt roden wolle. Das müssten die Polizei und das „Höheninterventionsteam“ des SEK nun durchsetzen.

Eine Motorsäge dröhnt. Ein Waldarbeiter sägt Äste ab, die dem Bau des Zauns im Wege stehen. Der wächst Minute für Minute. Versehen ist er mit einem gelben Band: „Flughafensicherheit. Zutritt verboten“. Wenn die Polizei abgerückt sei, werde der Zaun „mit verschiedenen Systemen überwacht“, sagt Fraport-Sprecher Alexander Zell. Seit 6.30 Uhr beobachtet er den Einsatz, ist zufrieden: „Das ist extrem besonnen und ruhig abgelaufen.“ Es gebe einen Arzt, der die möglicherweise unterkühlten Aktivisten versorgen könne. Die Angeketteten seien mit Decken versorgt worden. Die ökologischen Untersuchungen seien abgeschlossen, jetzt müsse der Kampfmittelräumdienst noch mal ran. Die Wege müssten ertüchtigt werden. Zell: „In den nächsten Tagen gehen wir Schritt für Schritt weiter.“ 

Fraport fordert Protestler per Megafon zur Räumung auf

Auch sein Kollege Christian Engel nennt nicht den Zeitpunkt des Beginns der Rodung: Im ersten Quartal werde die Baustelle eingerichtet, im zweiten Quartal gehe es los mit dem Bau der Zufahrt für Terminal 3 und Cargo-City Süd, die Ende 2021 fertig sein soll, ergänzt sein Kollege Christian Engel. Zell      sagt, hatte Fraport habe zu Beginn der Räumung die Bewohner des Camps per Megafon aufgefordert, freiwillig das Gelände zu räumen. Der Konzern beabsichtige nicht, rechtlich gegen die Besetzer vorzugehen. 

„Wir brauchen kein Terminal 3, wir brauchen mehr Bäume.“ Hinter der Polizeikette fordert ein Mann zum Widerstand dagegen auf, dass „RWE und Fraport Millionen verdienen“. Gestern sei er noch im Hambacher Wald gewesen, erzählt er der FR, er komme aus Frankfurt, sein Name sei Solar. „Ich bin sehr traurig, ich könnte losheulen.“ 

Unterdessen wächst der Zaun weiter. Baumaschinen schaffen Sand und Steine in den Wald. Auf dem Weg bewegt sich eine Karawane grellgelb gekleideter Männer und Frauen: Mitarbeiter einer Security-Firma, die im Auftrag von Fraport den Zaun absichern sollen. Später fallen auf dem Campgelände die Bäume. 

16 Platzverweise wurden erteilt, fünf Leute seien in Gewahrsam, weil sie sich weigerten, ihre Personalien anzugeben, sagt die Polizei um 16 Uhr. Die älteste Aktivistin sei 74 Jahre alt.

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