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Sonnenuntergang über dem Marbachstausee. Im Sommer kann man hier schwimmen.

Gemeindefusion im Odenwald

Oberzent als Pionier

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Immer weniger Einwohner, marode Straßen und immer mehr Schulden – um der Misere zu entkommen, machen im Odenwald vier Kommunen gemeinsame Sache. Sie könnten zu Trendsettern werden.

Das Elend breitet sich direkt vor dem Fenster aus. Schaut Bürgermeister Christian Kehrer aus seinem Büro im ersten Stock des Rathauses die Hauptstraße von Beerfelden hinunter, blickt er auf die alte Brauerei Schmucker. Das wuchtige Gebäude ist seit Jahrzehnten ein Geisterhaus. Gegenüber liegt das ehemalige Kaufhaus Knoll, 1131 Quadratmeter Verkaufsfläche, zu haben für 280 000 Euro, drei Wohnungen inklusive. Leerstand auch dort.

„Wir haben harte Zeiten hinter uns, Bevölkerungsschwund, kaputte Straßen, Schulden, immer mehr leere Geschäfte“, fasst Kehrer die Misere zusammen. Beerfelden liegt mitten im Odenwald, manche sagen, dort, wo er am schönsten ist. Um als Kommune überleben zu können, reicht das nicht. Da muss man sich schon etwas einfallen lassen.

Zum Beispiel eine Fusion.

Vor einem Jahr haben sich Beerfelden, Sensbachtal, Rothenberg und Hesseneck zur Stadt Oberzent zusammengeschlossen. Zur drittgrößten Kommune Hessens, wenn auch nur der Fläche nach. Mit ihren gut 10 000 Einwohnern wird auch die neue Kommune immer noch zu den eher kleinen im Land gehören. „Doch so, wie es vorher war, konnte es nicht weitergehen“, sagt Kehrer.

Das haben auch die Einwohner der vier bis dahin selbstständigen Gemeinden so gesehen. 82,5 Prozent stimmten für den Zusammenschluss. 88,5 Prozent der Beerfeldener waren für die Fusion. In Hesseneck, der bis dahin kleinsten hessischen Kommune, lag die Zustimmung sogar bei 88,7 Prozent. In Rothenberg und Sensbachtal sprachen sich immerhin jeweils gut 71 Prozent für den Zusammenschluss aus.

Und heute, ein Jahr danach? „Wer glaubt, wir hätten am 1. Januar 2018 einen Schalter umgelegt und jetzt läuft alles super, der irrt“, hält Kehrer überzogenen Erwartungen entgegen. Immerhin, finanziell hat der Zusammenschluss der Stadt etwas Luft verschafft.

Statt vier Bürgermeistern muss jetzt nur noch einer bezahlt werden. Ersparnis: 350 000 Euro im Jahr. Weil die Stadt die Grenze von 7500 Einwohnern überschritten hat, gibt es 350 000 Euro mehr aus dem Kommunalen Finanzausgleich. Von den neun Millionen Euro Schulden hat das Land – sozusagen als Geburtstagsgeschenk – der Stadt die Hälfte abgenommen. „Das bringt uns noch einmal 200 000 Euro weniger an Zinsen und Tilgung im Jahr“, rechnet Kehrer vor. Macht zusammen ein Plus von 900 000 Euro in der Stadtkasse. Und das jedes Jahr.

270 Straßen hat Oberzent, 170 Kilometer Kanalnetz, verteilt auf 19 Stadtteile, von denen die meisten nicht mehr als 300 oder 400 Einwohner zählen. Das alles auf 165 Quadratkilometern verstreut. Die Wege hier sind lang, die Kosten, das alles zu unterhalten, sind hoch. Was jede Kommune für sich kaum noch leisten konnte, soll nun zusammen gelingen.

Im Rathaus von Hesseneck, 15 Kilometer vom Büro des Bürgermeisters entfernt, sitzt Andrea Seibt. Seit 2011 arbeitet sie im Gemeindebüro. Sie sagt: „Der Alltag ist seit der Fusion einfacher geworden“. Wo früher die Mitarbeiter in den vier Rathäusern nahezu jede Aufgabe selbst erledigen mussten, sind die Zuständigkeiten jetzt verteilt. Sind die einen für Finanzen verantwortlich, kümmern sich die anderen um das Friedhofswesen.

Alle vier Standorte wurden erhalten, überall gibt es die Möglichkeit, vor Ort im Bürgerservice Pässe verlängern zu lassen, ein polizeiliches Führungszeugnis zu bekommen oder sich den Busfahrplan abzuholen. Nur zum Heiraten oder für eine Gewerbeanmeldung muss man nach Beerfelden fahren. Alle Büros sind miteinander vernetzt, die telefonische Zentrale wird reihum besetzt, dreimal die Woche ist bis 18 Uhr jemand erreichbar. „Für die Bürger hat sich die Situation klar verbessert“, bilanziert Seibt.

Sie ist in Schöllenbach, Ortsteil von Hesseneck, aufgewachsen. Trauer über den Identitätsverlust? „Hesseneck ist schon vergessen, ich bin und bleibe Schöllenbacherin, und jetzt eben auch Oberzenterin“, sagt die 42-Jährige. Das neue Stadtwappen klebt schon auf dem Auto.

„Die Bürgerinnen und Bürger sind frühzeitig mitgenommen worden“, beschreibt Karl-Christian Schelzke, geschäftsführender Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebunds, das Erfolgsrezept. Er rät Kommunen, die Bevölkerung über eine Zukunftswerkstatt, Workshops oder eine Diskussion über die Frage, wie man sich den eigenen Ort in zehn oder zwanzig Jahren vorstelle, in die Entscheidungen einzubinden. So beantworte sich die Frage, ob man mit einer anderen Kommunen zusammengehen wolle, meist von alleine. „Dort, wo es gute Gründe für den Zusammenschluss gibt, wird man mit einiger Sicherheit auf diesem Weg zu einem Ja kommen, und zwar von unten und eben nicht von oben aufgesetzt.“ Wie in Oberzent.

Auch das hessische Innenministerium sieht in einer frühzeitigen, umfassenden und intensiven Einbeziehung der Bürgerschaft die besten Chancen zu einer erfolgreichen Fusion. „Oft haben die Menschen Angst vor dem Identitätsverlust“, sagt Schelzke. Um dem entgegenzuwirken, könne man versuchen, Ortsbeiräte beizubehalten. Oder einfach auch nur den alten Namen noch auf dem neuen Ortsschild zu erwähnen.

In Beerfelden, Hesseneck, Sensbachtahl und Rothenberg hat man das gemacht. Dort steht der Ortsname in großen Lettern. Und darunter, etwas kleiner, „Stadt Oberzent“. Sie haben einiges richtig gemacht im Odenwald.

Es wäre zu früh, von einem Ausgang aus der Misere zu sprechen. Vielleicht ist der Niedergang ja nur aufgeschoben. Aber doch. Es gibt ermutigende Zeichen.

Die Bevölkerungsabnahme ist erst einmal gestoppt, erstmals seit Jahren ist Oberzent gewachsen, ein Plus von 70 Einwohnern in 2018. Es gibt Zuzug aus den Städten am Rande des Odenwalds, auch, weil die Bodenpreise niedrig und Häuser hier noch erschwinglich sind. Mitte des Jahres hat sich ein Arzt niedergelassen, und als die jährliche Verkaufsausstellung im Juli ins Wasser zu fallen drohte, taten sich die örtlichen Gewerbetreibenden zusammen, um eine neue Oberzent-Expo zu stemmen. Mehr als 12 000 Besucher kamen.

Bürgermeister Kehrer denkt schon darüber nach, ein Gesundheitszentrum mitten in Beerfelden zu errichten, wo auch Fachärzte unterkommen könnten. Eine Option dafür ist die Brauerei Schmucker – das Geisterhaus vor seinem Bürofenster.

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