In Handschellen: Der Angeklagte Emir C. vor Gericht.
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In Handschellen: Der Angeklagte Emir C. vor Gericht.

Aus dem Gericht

Mann ohne Mut

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Ein 34-Jähriger steht wegen der Ermordung seiner Ex-Freundin vor Gericht. 44 Mal hat er auf sie eingestochen. Erinnern kann er sich an die Tat fast nicht mehr, sagt er. Filmriss.

Am 18. Dezember 2010 tötet Emir C. seine Ex-Freundin im Keller ihres Hauses in Bad Homburg mit 44 Messerstichen. „Es gehört eine kleine Vorgeschichte dazu“, sagt seine Anwältin Alexandra Kunkel-Wolf. Und da der Angeklagte, der sich wegen Mordes vor dem Frankfurter Landgericht verantworten muss, sich am ersten Verhandlungstag zur Tat nicht äußern will, erzählt sie diese Geschichte.

Emir C. hat nicht viel aus seinem Leben gemacht. Der heute 34-Jährige wird als Kind türkischer Eltern in Freiburg geboren. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat er nie bekommen, weil er schon früh straffällig wurde. In der Türkei gilt er als fahnenflüchtig, weil er sich vor dem Wehrdienst gedrückt hat. Er hat sich mit Jobs als Barkeeper und Fitnesstrainer über Wasser gehalten.

Doch Vita und Persönlichkeit von Emir C. klaffen auseinander. Auf der Anklagebank sitzt kein dumpfer Macho. Emir C. ist ein zarter, fast feminin wirkender Mann, der akzentfreies und gepflegtes Deutsch spricht. Auf die Frage, warum er nie eine anständige Lehre zu Ende gebracht habe, antwortet er: „Ich habe mich nicht getraut.“ Es mag ihm wohl nicht an Intelligenz mangeln. Aber es gebricht ihm an Mut.

Das zeigt sich spätestens mit der Beziehung zu Janine F., die er im September 2009 in der Frankfurter Havanna-Bar kennenlernt, in der beide arbeiten. Er verschweigt seine türkischen Wurzeln, behauptet, er sei Spanier, nennt sich Emilio Sanchez, um der spanischstämmigen Janine zu gefallen. Die beiden pflegen das, was man seit dem Kachelmann-Prozess als „monothematische Beziehung“ kennt. Es geht um Sex. Aber Emir C. will mehr.

Im Frühling 2010 kriselt die Beziehung, Emir C.s falsche Identität fliegt auf. Das Paar trennt sich. Er solle, sagt ihm seine Freundin, eine Therapie gegen seine Depressionen machen und „sein Leben wieder in den Griff kriegen“. Er schafft es nicht. Er stellt der Frau nach. „Er versuchte, sie zurückzugewinnen, aber sie zog sich zurück“, formuliert seine Anwältin.

Er droht am Telefon, sich umzubringen. Janine F. ruft die Polizei, aber das ist nicht mehr so dringlich: Emir C. hat kurz vor dem Suizid der Mut verlassen. Er will eine Verhaltenstherapie beginnen, aber dazu kommt es nicht mehr. Janine F. zeigt sich hin und wieder freundlich zu ihm. Er missdeutet das als Liebesbeweise. Sie redet Tacheles. Er droht, sich vom Balkon zu stürzen. Sie ist „nur noch genervt“. Emir C. springt nicht. Er bettelt um Liebe. Sie weist ihn zurück. „Damit hast du mir den Todesstoß versetzt“, schreibt er ihr. Es soll seine letzte SMS an sie werden.

Mit einem Küchenmesser macht er sich auf den Weg nach Bad Homburg. Mit dem „festen Entschluss, sich vor ihren Augen zu töten“, sagt die Anwältin. Einen Abschiedsbrief hat er bereits verfasst. Er fängt sie vor ihrem Haus ab, zwingt sie in den Keller. Dann habe er sich das Messer an den eigenen Bauch gesetzt, Janine habe ihn abhalten wollen, es sei zur Rangelei gekommen.

Auch an diesem Tag tötet Emir C. sich nicht selbst. Die 33-jährige Janine F., Mutter einer elfjährigen Tochter, stirbt. Emir C. fährt nach der Tat nach Frankfurt, stellt sich der Polizei mit den Worten: „Ich glaube, meine Freundin getötet zu haben.“ Die Polizei zählt 44 Messerstiche.

An den Moment, an dem Emir C. tatsächlich etwas tat und nicht bloß ankündigte, kann er sich heute nach eigenen Angaben fast nicht mehr erinnern. Filmriss.

Das war die Vorgeschichte. Das Nachspiel findet vor Gericht statt.

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