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Gegendemonstranten auf dem Marktplatz nervten mit viel Lärm die mutmaßlich rechtsgesinnten Redner der Kundgebung.

Hanau

Hetzen, was das Zeug hält

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Zwei mutmaßlich rechts gesinnte Organisationen ? "Wir schaffen das 2.0 (auch wir)" und "Abendland Deutschland" ? veranstalten eine Kundgebung auf dem Hanauer Marktplatz.

Der Kehrmaschine war gerade damit fertig, die Überbleibsel des Wochenmarkts in der Innenstadt aufzusammeln, da nahmen auch schon geschätzt gut fünf Dutzend Polizisten das Terrain ein, bauten zwei Reihen Absperrgitter auf, zwischen denen eine breite neutrale Zone eingerichtet wurde. Die könne selbst ein Bundesjugendspiele-Bester im Werfen etwa mit einem rohen Ei nicht überwinden, wurde am Rande gefrotzelt. Zwei mutmaßlich rechtsgesinnte Organisationen – „Wir schaffen das 2.0 (auch wir)“ und „Abendland Deutschland“ – veranstalteten am Samstagnachmittag eine Kundgebung auf dem Marktplatz. Von den angemeldeten 200 Teilnehmern waren laut Polizeischätzung nur knapp 100 erschienen.

Anders bei der ebenfalls angemeldeten Gegendemonstration, an der laut Polizei mehr als 250 Menschen teilnahmen, die der rechten Hetze von der westlichen Marktplatzseite mit Trillerpfeifen, „Nazis-raus“-Rufen und Musik aus Lautsprechern entgegentraten. So heftig, dass sich die selbst ernannten Wahrheitsverkünder entnervt an die Einsatzleitung wandten, sie möge doch für Ruhe auf der Gegenseite sorgen.

Vergeblich. Die bunte und politisch vielfältige Gesellschaft der Stadt auf der Ostseite des Marktplatzes durfte weiter dezibelstark gegen die zum Teil mit blankem Hass vorgetragenen Attacken argumentieren. Die teilweise nur mit Vornamen oder gar nicht vorgestellten Redner, wie die Frau im weißen Blazer, die die Kundgebung angemeldet hat, aber aus Gründen des Datenschutzes vom Ordnungsamt der Stadt nicht namentlich genannt werden durfte, hetzten gegen alles und jeden, was nicht in ihr offensichtlich sehr enggefasstes Weltbild passt. Gegen das Finanzsystem und den Euro, gegen die Wirtschaft, gegen Demokratie und die demokratischen Parteien, gegen Dieselfahrverbot, gegen Bundeskanzlerin Merkel insbesondere und gegen Linke, Migranten und Flüchtlinge sowieso. Lob gab es allein für die rechtspopulistische AfD.

Es wurde die Apokalypse für Deutschland verkündet durch einen hundertmillionenfachen Strom an Einwanderern aus Afrika. Das Datum des Untergangs hat die Trägerin des weißen Blazers, die ihre Worte oft mit bedrohlich rollendem R von sich gab, auf den 11. Dezember datiert. An dem Tag unterzeichnen in Marrakesch (Marokko) alle UNO-Mitgliedsstaaten außer den USA den ersten globalen Pakt zur Migration.

Dann werde laut „Ralf aus Heidelberg“ der Islam ins Land einziehen, das Grundgesetz werde gegen die Scharia getauscht, deutsche Frauen würden vergewaltigt und „unsere Männer totgeschlagen“. Die „Gastredner“ wie auch die Blazerträgerin ließen in ihren Hasstiraden ebenfalls die „gleichgeschalteten“ Medien nicht aus. Gegen die FR intonierte die Anhängerschar „Lügenpresse“, weil vorab über die vermeintlich rechte Gesinnung und  Nähe zur Pegida-Bewegung der Kundgebungsveranstalter, -redner und der Anhängerschaft berichtet wurde. Aber es wurde auch „Merkel muss weg“ gebrüllt und per Banner kundgetan – ein Lieblingsschlachtmotto der Rechtsextremen.

In Hanau blieb es am Samstag ansonsten friedlich, wie die Polizei berichtet. Um den Marktplatz herum gingen Einheimische und Zugezogene während der Kundgebung friedsam ihren Geschäften nach oder saßen zusammen unter den letzten Sonnenstrahlen des Tages im Straßencafé, und der Verkäufer von Motivballons wandelte mit seiner schwebenden Ware zwischen Kundgebung und Gegendemo.

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