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Vor dem brandgefährdeten Hochhaus in Heusenstamm ist in einem Container eine Brandwache eingerichtet.

Nach Brandkatastrophe von London

Brandwache am Hochhaus in Heusenstamm

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Ein Hochhaus in Heusenstamm (Kreis Offenbach) gilt als mögliche Feuerfalle. Bis brennbare Dämmstoffe an der Fassade beseitigt sind, muss eine Feuerwache rund um die Uhr auf Tour gehen.

Brahimi Abdelhadi vom Sicherheitsdienst Securitas hat gerade einen Schluck Wasser getrunken, nun geht er wieder auf Tour. Zwei Notrufnummern hat er im Kopf: 112 und 110. Abdelhadi muss an einem Hochhaus in Heusenstamm als Brandwache aufpassen, im Fall des Falles schnell eingreifen und Alarm schlagen.

Denn die Fassade des Gebäudes ist mit Polystyrol gedämmt – dem Material, das sich beim Grenfell Tower in London entzündet und mindestens 80 Menschen das Leben gekostet hat. Auch das Heusenstammer Hochhaus könnte somit zur Feuerfalle werden, denn die Drehleitern der Feuerwehren reichen meist nur bis in 22 Meter Höhe.

Nach dem verheerenden Londoner Brand hat das Land Hessen die Kommunen aufgefordert, ältere Hochhäuser auf feuergefährdete Fassadenverkleidungen zu überprüfen. Insgesamt 101 Gebäude wurden im Kreis Offenbach untersucht. Ergebnis: In zwei Fällen ist akuter Handlungsbedarf. Bei der Fassade des Hochhauses in Heusenstamm entspricht die Dämmung nicht den Vorgaben. Das 1963 gebaute Gebäude hatte schon zwei Vorbesitzer und gehört aktuell der Amadeus & Titom Vermögensverwaltung GmbH aus Limburg. Sie hat es 2010 bei einer Zwangsversteigerung erworben.

1991 wurde die Fassade des Hochhauses saniert, gleichzeitig wurde der ehemalige Trockenboden unter dem Dach zur Wohnung ausgebaut. „Es gab damals sogar ein Extra-Förderprogramm dafür“ , sagt Landrat Oliver Quilling (CDU). Doch mit dem Ausbau galt das Gebäude als Hochhaus – auch wenn das Nachbarhaus gleich hoch ist und die gleiche Fassade hat. „Die Drehleiter reicht bei dem beanstandeten Hochhaus nicht bis zur Fensterbrüstung der Dachgeschosswohnung“, erklärt der Landrat. Deshalb ist hier Polystyrol als Dämmmaterial verboten.

„In der Genehmigung zum Ausbau des Trockenbodens steht, dass keine brennbaren Materialien verwendet werden dürfen“, sagt der Landrat. Die Bauleitung des Regierungspräsidiums hatte die Maßnahme seinerzeit genehmigt. „Spätestens mit dem Gewinn an Höhe hätte das Polystyrol weggemusst.“ Zwar werde in den Hochhäusern alle fünf Jahre eine Gefahrenverhütungsschau durchgeführt, aber „da werden nur die Feuerlöscher und Brandmeldeanlagen überprüft“.

Warum hat der Kreis das feuergefährliche Hochhaus nicht räumen lassen, so wie es in Wuppertal der Fall war? Kreisbrandinspektor Ralf Ackermann habe eine interne Stellungnahme der Stadt Wuppertal vorgelegen, dass das dortige Hochhaus schon länger unter Beobachtung stand, weil in Sachen Brandschutz einiges im Argen lag, so der Landrat. Deshalb habe es die Stadt Wuppertal „sofort dichtgemacht“. In Heusenstamm habe es aber ausgereicht, dafür zu sorgen, dass kein Feuer von außen überschlagen kann.

Aktuell wird nun die Fassade bis auf zwei Meter Höhe geöffnet. „Bis wir die Dämmung dann komplett unten haben, dauert das etwa 60 Tage“, sagt Dirg Parhofer, Geschäftsführer der Amadeus GmbH. Die Brandschutzsanierung werde sein Unternehmen wohl rund eine Million Euro kosten, schätzt er. Das Gestrüpp am Haus ist im Abstand von fünf Metern schon beseitigt, Autos und Mülltonnen wurden aus dieser Gefahrenzone gebracht, die Bewohner der 70 Wohnungen dürfen dort nicht rauchen – genauso wenig wie auf ihren Balkonen.

Der andere Fall mit Handlungsbedarf gilt als „minderschwer“: An einem Dietzenbacher Hochhaus sei es bei der Inspizierung an der fensterlosen Stirnseite „weiß herausgebröselt“, so der Landrat. Die Untersuchung ergab, dass die Dämmung zwar aus Polystyrol besteht, doch das Material wie in einem Sandwich zwischen zwei Aluminiumschichten liegt. Eine Genehmigung der Bauaufsicht fehle. „Wir haben hier aber keine Verfügung erlassen, sondern nur eine Anhörung anberaumt“, erklärt Quilling. (mit dpa)

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