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In der Neuen Galerie ist Lopez' Auftragskiller-Video zu sehen.

Documenta

Auftragskiller-Video sorgt für Empörung

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Provokative Kunst oder Realität? Das Interview mit einem angeblichen Auftragskiller aus Guatemala auf der Documenta sorgt für Aufregung. In der Kassler Kunstschau ist ein Video zu sehen, das ein Gespräch mit dem mutmaßlichen Mörder zum Inhalt hat. Zwei Frankfurterinnen haben schriftlich protestiert.

Man stelle sich vor, jemand würde ein öffentliches Interview mit einem Auftragskiller ankündigen. Ein paar Leute gingen da auch hin – aber darüber aufregen würde sich niemand. Eine seltsame Geschichte. Im Documenta-Sommer 2012 in Kassel hat sie sich ereignet.

„Am 8. Juni interviewt Aníbal López, ein Künstler aus Guatemala, einen Auftragskiller aus seinem Heimatland vor Publikum“, kündigte die Documenta 13 vor mehr als drei Monaten auf ihrer Homepage an. Ein Video der „Performance“ läuft Tag für Tag in der Neuen Galerie. Erst jetzt regt sich öffentlich Empörung: Zwei Besucherinnen aus Frankfurt haben protestiert.

„Wir sind der Meinung, dass Sie mit dieser Aktion eine Grenze überschritten haben, die in unserer Gesellschaft nicht überschritten werden darf“, schrieben Eva Philipps und Hildegard Schürings an die Kuratorin und an die Geschäftsführung der internationalen Kunstschau. Sie protestieren dagegen, dass die Documenta „Platz und vermutlich auch Geld“ für so etwas bereitgestellt habe. Philipps war beruflich in Entwicklungsländern in Südostasien unterwegs. Schürings arbeitet noch jetzt in Kriegsgebieten in Afrika. Sie schreiben, auch wenn López den politischen Hintergrund seiner Aktion herausstelle, habe diese ihres Erachtens „weder etwas mit Kunst noch mit politischer Aktion zu tun“. Der Brief ist auf den 2. September datiert.

Ein paar Tage später in der Neuen Galerie: Das Video zeigt den angeblichen Auftragskiller als Schatten hinter einem Sichtschutz. Er wippt nervös mit einem Fuß. Was er sagt, ist in englischen Untertiteln übersetzt: Vor 20 Tagen sei er bezahlt worden, um eine Frau zu töten, die wichtigen Leuten Geld gestohlen habe. Er spricht von Korruption, von Geld vom Staat für „soziale Säuberungen“. Er sagt, am besten ziele man auf den Kopf.

Auch Zuschauer sind in dem Video zu sehen. Sie fragen den Schatten, ob er sich an sein „erstes Mal“ erinnern könne. Ob er an Gott glaube? Den Zuschauern zuzuschauen löst bei manchem Galerie-Besucher intensives Fremdschämen aus. Andere machen, was man so macht mit der Kunst: ein Foto. Eine Documenta-Tour kommt vorbei. Ob da tatsächlich ein echter Auftragskiller interviewt werde, das sei die große Frage, die über dem López-Kunstwerk schwebe, sagt die Frau, die die Tour leitet. Sie persönlich finde das nicht relevant. „Die geschilderten Lebensverhältnisse sind echt.“

Documenta nimmt keine Stellung

Philipps und Schürings sagen, sie seien nicht auf die Idee gekommen, dem Documenta-Begleitbuch nicht zu glauben. Dort heißt es, López habe einen „sicario, einen Auftragsmörder“, eingeladen“, mit ihm in Kassel über die gesellschaftliche und politische Situation in Guatemala zu reden. Auch wenn das Buch nur etwas als real vorgeben sollte, fänden sie das Ganze empörend, sagen die Frankfurterinnen. „Ich meine, dass man mit Auftragsmord nicht ,spielen‘ darf“, formuliert Philipps. Das verharmlose diese Art von Verbrechen – und den Schmerz der Opfer. Antwort auf ihren Brief hatten die beiden bis Freitagabend nicht erhalten. Eine Anfrage der FR dazu ließ die Documenta trotz mehrfachen Nachhakens bislang unbeantwortet.

Die zwei Frankfurterinnen hatten sich auch gefragt, ob immer provokantere Dinge präsentiert werden, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu sichern. Und sie hatten sich gewundert, dass die Polizei einen offen auftretenden Auftragskiller nicht festnehme. Doch bis jetzt hatte die López-Arbeit offenbar noch nicht einmal derartige Nachfragen provoziert.

Wolfgang Jungnitsch jedenfalls, dem Pressesprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen, war nichts dergleichen bekannt. „Wenn wir was davon gewusst hätten, hätten wir uns drum kümmern können“, sagte er am Freitag über den Auftritt am 8. Juni. Ankündigen könne man ja viel. Bei aller künstlerischen Freiheit werde die Polizei einer solchen Sache aber auf den Grund gehen, sagt er – wenn sie davon erfahre.

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