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Gelegenheiten gibt es jede Menge, auch für harte Alkoholika – etwa die Silvesternacht.

Drogen

„Politik lässt sich von der Alkohollobby sehr stark beeinflussen“

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Suchtexpertin Susanne Schmitt fordert, die Verfügbarkeit der Droge zu begrenzen. Wissenschaftliche Erkenntnisse würden oft ignoriert. Das zeigt auch ein neuer Film.

Alkohol – der globale Rausch“ heißt der neue Film von Andreas Pichler. Nach der Weltpremiere in Bozen ist er im Januar in ausgewählten Kinos in Deutschland und Österreich zu sehen. Am Dienstag, 14. Januar, 18.30 Uhr läuft er im Frankfurter Harmonie-Kino. Anschließend gibt es ein Gespräch mit Pichler und dem Direktor des Alkoholforschungszentrums Helmut Seitz. Die Hessische Landesstelle ist mit der Koordinatorin für Suchtprävention, Regina Sahl, vertreten und mit Geschäftsführerin Susanne Schmitt.

Frau Schmitt, ist ein Film über Alkohol das richtige Medium? Erreicht der wirklich jene, die er erreichen soll?
Der Dokumentarfilm kommt nicht nur in die Kinos, sondern zeitnah ins Fernsehen, auf Arte. Dort erreicht er eine breite Masse von Menschen. Alkohol wird in allen sozialen Schichten konsumiert. Mehr als 90 Prozent der deutschen Bevölkerung trinkt Alkohol, viele in riskanten Mengen.

Was ist das Besondere an dem Film?
Wie in seinem Film „Das System Milch“ hat der Regisseur und Autor Andreas Pichler sehr gut recherchiert und lässt Expertinnen und Experten zu Wort kommen. Er zeigt die Perspektive von Betroffenen, der Suchthilfe, der Medizin, Psychologie und auch der Industrie auf.

Dabei beansprucht er für sich, auf den erhobenen Zeigefinger zu verzichten. Wie lässt sich das realisieren?
Es geht nicht darum, Alkohol zu verteufeln, sondern einen verantwortungsvollen Umgang damit zu fördern, um zum Beispiel künftige Gesundheitsschäden zu vermeiden. Es geht auch darum, bei Kindern und Jugendlichen den frühen Einstieg zu verhindern oder gar einen völligen Verzicht zu bewirken. Alkohol ist in Deutschland ein Lebensmittel, ein Konsumgut, mit dem man überall konfrontiert wird. Auf Familienfeiern, gerade jetzt wieder an Silvester, Weihnachten.

Der Tabakkonsum wurde durch die Nichtraucherschutzgesetze gesenkt. Warum schaffen wir das nicht beim Alkohol?
Der Erfolg bei Tabak hat auch damit zu tun, dass es ein weltweites Abkommen gibt, in dem sich rund 180 Staaten dazu verpflichtet haben, Tabak zu kontrollieren und Präventionsmaßnahmen umzusetzen, auch Deutschland. Ich bin nicht sicher, dass wir ein solches Abkommen in Bezug auf Alkohol weltweit schaffen.

Aber es ist doch erstaunlich, dass immer noch Werbung für Alkohol gemacht wird. Selbst im Fernsehen bei Sportsendungen oder im Kino, auf Plakaten.
Deutschland zählt zu den Ländern, die Kontrollmaßnahmen bisher noch zu wenig ausgeschöpft haben. Es gibt sogar große Werbeplakate in der Nähe von Schulen. In Deutschland herrscht eine große Alkohollobby. Politik wird sehr stark davon beeinflusst.

Bei Jugendlichen nimmt der regelmäßige Alkoholkonsum ja ab. Aber wie sieht es bei den Älteren aus?
In der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen nimmt das sogenannte Rauschtrinken zu. Das bedeutet, an einer Gelegenheit bei Männern mehr als fünf alkoholische Getränke, bei Frauen mehr als vier. Besonders riskant trinken auch Frauen, die 45 bis 55 Jahre alt sind und Männer zwischen Mitte 50 bis Mitte 60. Veränderungen im Beruf oder der Familie könnten hier ein Grund sein.

Sind wir ein Land der Säufer?
Alkohol ist ständig verfügbar. Auf Festen, im Einzelhandel, in der Gastronomie, an jeder Tankstelle, Trinkhalle. Darauf könnte Politik Einfluss nehmen. In Baden-Württemberg gab es 2010 bis 2017 ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot von 22 bis 5 Uhr. Die Folge waren weniger Gewalttaten, weniger Polizeieinsätze. Das könnte auch ein Modell für Hessen sein.

Trotzdem wurde es abgebrochen?
Ja, das waren politische Entscheidungen. Ich wünsche mir, dass Politik ihr Handeln stärker an wissenschaftlicher Evidenz ausrichtet.

Was würde sich bessern, wenn die Bevölkerung verantwortungsvoller mit Alkohol umginge?
Es gäbe weniger Erkrankungen wie Krebs, bei Frauen besonders Brustkrebs. Herz-Kreislauf-Erkrankungen würden sich reduzieren, und es gäbe weniger alkoholgeschädigte Babys.

Interview: Jutta Rippegather

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