Andreas Altmann liest vor dem Altar der Kirche. Foto: Michael Schick

Maintal

Poesie mit Nachschlag in Maintal

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Die Lyriknacht der Horst-Bingel-Stiftung in der evangelischen Kirche in Hochstadt brachte Ernstes wie leichterhand Erzähltes aufs Podium.

Lyrik ist eigentlich zu jeder Stunde präsent, vor allem gesungen, gedruckt zwischen zwei Buchdeckeln fristet sie jedoch eher ein Schattendasein. Dass dieses Schicksal der literarischen Gattung zu unrecht besteht, zeigte sich am Freitagabend im Stadtteil Hochstadt. Die Horst-Bingel-Stiftung lud zur 9. Lyriknacht ein.

Sieben gestandene Poeten und Debütanten aus dem ganzen Land lockten mit ihren Lesungen das Publikum in die Evangelische Kirche. Für Lyriker Andreas Altmann eine ungewöhnliche Situation derart vielen Zuhörer gegenüber zusitzen. „Ich lese eher selten vor so vielen Leuten“, schickte er seinem Beitrag vorweg. Moderiert wurde der Abend von Harry Oberländer. Mit ein Qualitätssiegel für das Programm. Oberländer war Journalist und von 2010 bis 2016 Leiter des Hessischen Literaturforums im Frankfurter Mousonturm.

Rund eine Viertelstunde dauerte jede Lesung, manche auch ein bisschen länger, aber dann nicht ohne vorherigen Blick des Vortragenden in Richtung der Organisatorin Barbara Bingel, Witwe des renommierten Lyrikers Horst Bingel, gefolgt von der Frage: „Kann ich noch eines lesen?“ Oder: „Wie viel Zeit habe ich noch?“ Dann wurde es auch schon einmal mehr als 15 Minuten und auf der Orgelempore mussten Stephan Völker (Piano) und Bernhardt Brand-Hofmeister (Saxophon) mit ihrem musikalischen Intermezzo aus Improvisationen eben etwas warten.

Der Schriftsteller , Lyriker, Grafiker und Herausgeber wurde am 6. Oktober 1933 in Korbach geboren und starb am 14. April 2008 in Frankfurt.

Seine oft knappen Gedichte waren von Ironie, Pointe und Skurrilität und Vertracktheit geprägt. In ihnen spiegelt sich auch sein politisches Interesse wider.

Die Stiftung fördert mit Lesungen und dem Horst Bingel-Preis, der alle zwei Jahre vergeben wird und mit 8000 Euro dotiert ist, die Lyrik. sun

Ulrike Almut Sandig, vorjährige Bingel-Preisträgerin, war auch so eine Zeitverunsicherte, und als sie in Richtung Bingel fragte, wie viel Zeit ihr noch bleibe, kam aus dem Publikum schon die Antwort: „Eine Stunde!“ Die 40-Jährige aus Großenhain, Sachsen, versprühte förmlich die Poesie in den Gebetsraum mit ihren heiter anmutenen, schalkbesessenen und dennoch hintersinnen Gedichten, untermalt von ihren gekonnten Vortragshandwerk und gepaart mit dem Mut, das Publikum gesanglich Teil des Vortrags werden zu lassen. Die Autorin wandelte aber auch auf dem Pfad politischen Lyrik.

Der in Berlin lebende Andreas Altmann, präsentierte eher reichlich düstere Werke, etwa mit Worten gemalten Winterlandschaften. Thomas Bachmann, der zu den kritischen Autoren zählt, gab sich nicht nur als solcher, sondern gleichfalls als Beziehungsinnierer: „Von jeder Frau bleibt was zurück“, stellt der Leipziger fest. Der in Dresden leben Thomas Rosenlöcher, 2010 Stadtschreiber von Bergen, beeindruckte mit seinen verspielten Bildern von „kleingeschneiten Traktorfenstern“ oder „Klunkerglas behangenen“ Birken.

Dass er das Publikum bei einer Strophe um noch eine zweite Chance bat, weil er wegen vielen Randnotizen mit dem Blick mehr als einmal entgleiste, wurde ihm zugestanden und schadete dem Klangfluss keineswegs.

Carolin Callies hat ihren Debütantinnenstatus mit ihrem zweiten Band „schatullen & bredouillen“ verlassen. Die 39-Jährige aus der Nähe von Heidelberg zeigte sich ebenso wie Sandig als Lyrik-Performerin im Stile des Poetry-Slams, die es auch verstand, die Zuhörer einzuspannen. Ihre Werke spannten den Bogen von schalkhafter Wortakrobatik bis hin zu Selbstironie.

Es folgten die beide mit dem Preis des Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen ausgezeichneten echten Debütanten Lea Weiss und Konstantin Petry, letzterer setzte in sehr knapper Form recht gekonnt etwa Alltagsbanalitäten die lyrische Krone auf.


www.horstbingel.de

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