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Im Hörsaal RWI sitzen die Studenten eng beieinander. Steckdosen für Handys oder Laptops gibt es nicht.

Hochschule

Platzmangel an der Mainzer Uni

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Die Mainzer Uni ist eine Hochschule der kurzen Wege. Der Campuscharakter verleiht ihr ein besonderes Flair, Platzprobleme sind aber offensichtlich.

Schlange stehen in der Mensa, Gedrängel vor den Seminarräumen, Suche nach einem freien Platz in der Bibliothek – jetzt ist die ruhige vorlesungsfreie Zeit auch auf dem Campus der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) für einige Monate erst einmal wieder vorbei. Felix Klante hat gerade noch rechtzeitig seine letzte Hausarbeit für das vorige Semester abgegeben. Der 26-jährige Wolfsburger studiert seit 2011 in Mainz – Deutsch und Geografie auf Lehramt. Er habe über Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ geschrieben, berichtet der Masterstudent. Thema war die Gewaltmotivation in der Orilus-und-Jeschute-Episode. „Das war ganz schön stressig.“ Dann genehmigte er sich noch etwas Urlaub, bevor für ihn das Wintersemester Ende Oktober beginnt.

Einige Hörsäle hatten sich da schon längst gefüllt: Vom 9. Oktober an lief die Einführungswoche für Erstsemesterm damit begann für rund 6000 junge Menschen das Studium in Mainz. Die meisten von ihnen haben sich für die klassischen Studiengänge entschieden: Jura, Wirtschaftswissenschaften oder Medizin. Doch auch Nischenfächer wie Altorientalistik oder Turkologie können Studierende an der JGU belegen. Als Volluniversität vereint sie nahezu alle akademischen Disziplinen unter einem Dach.

Für die meisten Studierenden sind die Wege kurz: Ein Großteil der Institute befindet auf dem Campus sich nicht weit von Hauptbahnhof und Innenstadt entfernt, der mit Bus, Straßenbahn oder Fahrrad leicht zu erreichen.

Seit 2011 trägt Mainz den Titel „Stadt der Wissenschaft“. Gegründet wurde die Universität bereits 1477, nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Wiedereröffnung durch die französische Militärregierung – auf einem ehemaligen Kasernengelände, den heutigen Campus. Inzwischen gehört sie mit rund 33 000 Studenten aus 120 Nationen zu den größten deutschen Universitäten.

Die lange Geschichte zeigt sich auf dem Campus: Nicht alle Gebäude sind im besten Zustand. „Stellenweise herrscht Einsturzgefahr“, berichtet Stephan Weißbach vom Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta). Außerdem gebe es ein ungelöstes Platzproblem. „Einige Fachbereiche müssen in marode Häuser ausweichen, obwohl 2013 das Georg-Forster-Gebäude eigens für sie gebaut wurde“, sagt Weißbach. Der Grund: Das „GFG“ sei viel zu klein konzipiert worden. Die Bibliothek in dem Neubau platze nun aus allen Nähten – vor allem im Sommer. „Es ist die einzige Bibliothek, die klimatisiert und leicht zu erreichen ist“, sagt Weißbach.

Auch andere Gebäude seien zu klein oder veraltet. Viele Hörsäle entsprächen nicht mehr modernen Anforderungen. „Es fehlen Steckdosen für Laptops oder festinstallierte Kameras, die Vorlesungen aufzeichnen“, sagt der Asta-Sprecher. Als Campus-Universität seien immerhin die Wege zwischen Vorlesungen und Seminaren kurz. „Das ist einzigartig in Deutschland und sorgt für ein besonderes Flair.“

Neben Dom, Fastnacht und dem FSV Mainz 05 trägt die Johannes-Gutenberg-Universität entscheidend zum Selbstverständnis der Mainzer bei. In Stadtteilen wie der Neustadt bestimmen junge Menschen das Stadtbild. Aber die studentische Szene ist unter Druck: „Planke Nord“, „Gebaeude27“, „50Grad“ – Clubs und Bars schließen oder bangen um ihr Fortbestehen. Mitte September zogen Studenten deswegen durch die Stadt und demonstrierten gegen die „Kommerzialisierung und Reglementierung urbaner Freiräume“.

Unsicher ist auch die Zukunft des Haus Mainusch auf dem Campus. Das linksautonome Zentrum existiert seit 1988 als selbstverwaltetes Haus, „das versucht, sich seine widerständische Praxis zu erhalten“, wie die Aktivisten auf ihrer Internetseite schreiben. Dazu gehören vegane Mittagessen, Konzerte oder Workshops. Zum 30. November läuft der Mietvertrag des Zentrums aus, dann soll auf dem Gelände ein Technikgebäude errichtet werden. Die Fronten sind verhärtet. Das zeigen nicht zuletzt Graffiti in der Stadt, die fordern, das Zentrum zu erhalten. Die Ansprüche der Aktivisten sind hoch – aber die Uni-Leitung ist bemüht, für das Mainusch einen anderen Standort auf dem Campus zu finden. „Wir sprechen mit allen beteiligten Parteien“, teilt die Pressestelle der Universität mit. Von einem Abbruch der Gespräche, wie es das Haus Mainusch vermeldet hatte, könne nicht die Rede sein.

Ausstattung: Bücher bis Mitternacht

Ein großer Teil des Studentenlebens spielt sich nicht nur in Hörsälen oder auf WG-Partys ab, sondern auch in der Bibliothek. Auf dem Campus finden sich die große Zentralbibliothek und zahlreiche Bibliotheken der einzelnen Fachbereiche. Weil noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, wird bei Führungen gezeigt, wie eine Bibliothek funktioniert. In Kursen können die Studierenden lernen, wie sie Bücher und Artikel zu den Themen ihrer Hausarbeiten finden und korrekt zitieren.

Die Führungen durch die zentrale Universitätsbibliothek (UB) finden während des Semesters immer dienstags ab 13 Uhr und donnerstags ab 10 Uhr statt. Treffpunkt ist der Eingangsbereich der UB, die an Wochentagen von 8 Uhr bis Mitternacht geöffnet, am Wochenende erst ab 10 Uhr geöffnet ist. An gesetzlichen Feiertagen bleibt sie geschlossen. Alle Informationen zu Öffnungszeiten und Kursen finden sich auf ub.uni-mainz.de.

Wie jede Hochschule bietet auch die JGU ihren Studenten und Mitarbeitern ein breites Sportprogramm an, darunter Klassiker wie Fußball oder Karate. Wer es weniger traditionell mag, kann sich beim Unterwasserrugby oder Trampolinturnen austoben. Das Programm wird kurz vor Beginn des Semesters präsentiert. Die meisten Kurse sind kostenlos und können ohne Anmeldung von Studierenden der Universität und der Hochschule Mainz besucht werden. In den Semesterferien laufen die meisten Kurse weiter.

Wer keine Lust mehr auf Sport in Mainz hat, der kann über den Allgemeinen Hochschulsport Aktivurlaube buchen: zum Beispiel Drachenfliegen in Südfrankreich oder Ski- und Snowboardurlaub in Österreich. Das jeweils neue Programm wird drei Wochen vor Beginn der Vorlesungszeit veröffentlicht. Mit allen Kursen und Informationen findet es sich auf den Internetseiten der JGU unter ahs.uni-mainz.de. sbh

Zahlen: 264 Studiengänge, 249 Kita-Plätze

An der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität studieren rund 33 000 Menschen aus 120 Nationen. Sie können sich in 264 Studiengänge einschreiben. Davon sind 76 zulassungsbeschränkt, unter anderem Pharmazie und Medizin. Besonders gefragt ist Psychologie: Pro Studienplatz gibt es 42 Bewerber.

Einige Wochen vor jedem Semester müssen die Studierenden einen Semesterbeitrag zahlen. Im Wintersemester 2017/2018 beläuft er sich auf 309,89 Euro. Ein Großteil des Geldes, knapp 204 Euro, wird für das Studiticket berechnet, das unter anderem für Busse und Bahnen in Mainz und Wiesbaden sowie im gesamten Liniennetz des Rhein-Main-und des Rhein-Nahe-Nahverkehrsverbundes gilt.

Das Studierendenwerk bekommt 89 Euro und unterhält damit die Mensen, Cafeterien und Wohnheime. Rund 13 Euro werden für die Aufgaben der Verfassten Studierendenschaft erhoben. Das Hochschulsportangebot wird mit 1,60 Euro unterstützt, 2 Euro fließen in den studentischen Hilfsfonds, mit dem der Asta Studenten hilft, die unverschuldet in Not geraten sind.

Die JGU vereint nahezu alle akademischen Disziplinen unter ihrem Dach, darunter auch die Universitätsmedizin und Hochschulen für Kunst und Musik. Rund 4400 Wissenschaftler lehren und forschen an mehr als 150 Instituten und Kliniken.

Die Universitätsmedizin ist mit etwa 7500 Mitarbeitern an mehr als 60 Fachkliniken und Instituten einer der größten Arbeitgeber der Region. Die Mediziner versorgen nicht nur Kranke, sondern bilden auch rund 3300 Studenten der Medizin und Zahnmedizin aus.

Im September hat das Studierendenwerk eine neue Kindertagesstätte auf dem Campus mit Platz für 90 Kinder zwischen einem und sechs Jahren eröffnet. Insgesamt bieten die Kitas des Studierendenwerks Plätze für 249 Kinder. sbh

Wohnen und Essen: Suppe schon für 40 Cent

Besonders zu Beginn des Wintersemesters ist der Ansturm auf Zimmer groß. Dann kann es vorkommen, dass sich unzählige Studenten auf eine zehn Quadratmeter große Bude in der Neustadt bewerben. Der größte Stadtteil der Landeshauptstadt ist seit jeher bei Studierenden beliebt: Die Nähe zum Rhein, zum Campus und zu Szenekneipen zieht junge Menschen an – und treibt die Mietpreise in die Höhe. Eine monatliche Miete zwischen 300 und 450 Euro für ein Zimmer ist normal.

Weil die Preise steigen, ziehen viele Studenten in Stadtteile, die weiter von der Innenstadt entfernt sind, oder in eines der neun Wohnheime des Mainzer Studierendenwerks. Komplett eingerichtete Einzelzimmer in 3er-WGs gibt es dort für immerhin knapp 300 Euro.

Fünf Mensen und Cafeterien versorgen die Studentinnen und Studenten auf dem Campus mit hausgemachtem Berliner Erbseneintopf oder Schweineschnitzeln. Da immer mehr Studierende auf Fleisch oder tierische Produkte verzichten, ist mindestens eines der Gerichte vegetarisch oder vegan.

Auch wenn das Essen nicht allen schmeckt, so ist es doch günstig: Für eine Blumenkohlcremesuppe müssen Studenten 40 Cent zahlen; Schweinegeschnetzeltes in Paprikarahmsauce gibt es für 2,85 Euro.

Das Studierendenwerk lockt die Studenten zudem mit zahlreichen Veranstaltungen aus den Hörsälen und Bibliotheken. Neben Partys oder Lesungen bietet es Tagesausflüge nach Bonn oder Heidelberg an, die vor allem von ausländischen Studenten gerne genutzt werden. Informationen und Anmeldung unter studierendenwerk-mainz.de/kultur/anmeldung-kultur-event     sbh

Wissenschaft: Binational studieren

Die JGU ist eine renommierte Forschungsuniversität. Neben zwei Max-Planck-Instituten für Chemie und Polymerforschung gibt es einen Forschungsreaktor und einen Teilchenbeschleuniger. Der Supercomputer „Mogon“ wurde 2012 in Betrieb genommen und gehört zu den schnellsten der Welt.

Thomas Metzinger ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Mainz. Er will sein Fach für andere Disziplinen wie Neuro- und Kognitionswissenschaften öffnen. Dieses Engagement brachte ihm nicht nur Einladungen in viele Radio- und Fernsehstudios, sondern auch in den Podcast des amerikanischen Neurowissenschaftlers Sam Harris.

Viele Studenten zieht es im Laufe ihres Studiums ins Ausland. Wem ein einziges Erasmus-Semester zu wenig ist, der kann von Mainz aus binational studieren: Ein solches Studium wird teilweise in an der Gutenberg-Uni und teilweise an einer französischen Hochschule absolviert – und dauert im Idealfall nicht länger als ein normales Studium. Zudem verfügen die binationalen Studenten am Ende über zwei Abschlüsse: zum Beispiel den „Bachelor of Science“ der Gutenberg-Universität und den Abschluss „Licence de Sciences de Gestion/Economiques“ der Université de Paris Ouest Nanterre.

In der Tradition von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des Buchdrucks, ist Mainz auch heute noch ein Medienstandort: Der Masterstudiengang Journalismus bereitet seine Studierenden auf eine Karriere in Zeitungen, Magazinen, im Radio und Fernsehen vor. Seit Februar 2016 ist Tanjev Schultz Professor am Journalistischen Seminar. Er war zuvor mehr als zehn Jahre Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“. sbh

Das sagt der Asta: Bibliothek ist baufällig

„Das drängendste Problem ist die baufällige Zentralbibliothek“, sagt Stephan Weißbach vom Allgemeinen Studierendenausschuss der Johannes-Gutenberg-Universität. Im vorigen Sommersemester habe die Bibliothek geschlossen werden müssen. Zu einem schlechten Zeitpunkt für die Studenten: „Viele unserer Kommilitonen mussten für Prüfungen lernen oder Hausarbeiten schreiben“, sagt Weißbach. Grund für die Schließung war mangelnder Brandschutz. Die Universitätsleitung ließ außen am Haus eine Feuertreppe anbringen – eine Lösung mit der der Asta nicht zufrieden ist: „Ein Neubau der Zentralbibliothek ist unumgänglich“, sagt Weißbach. Nur so könne es Barrierefreiheit und genügend Lernplätze für alle Studenten geben.

Ein weiterer Kritikpunkt: „Leider gibt es nach wie vor keinen Studierendenausweis, der alle Funktionen abdeckt“, sagt Weißbach. Bislang müssen Mainzer Studenten für Zentral- und Fachbibliotheken getrennte Ausweise nutzen. Für Bus und Bahn gibt es außerdem das Semesterticket. „Der einheitliche Ausweis scheitert seit Jahren an der Universitätsbibliothek, weil sie nicht das Kartensystem des Studierendenwerks übernehmen will.“

Dabei sei nicht alles schlecht. Die neugebaute Mainzelbahn habe die ohnehin schon gute Anbindung des Campus verbessert. „Die Studenten können sich außerdem über flächendeckendes WLAN auf dem Campus freuen.“ Der Asta-Sprecher blickt verhalten optimistisch in die Zukunft. „Wir haben gute Kontakte zur Universitätsleitung, dem Studierendenwerk und der Landesregierung“, sagt Weißbach. Das sei die Grundlage für weitere Verbesserungen im Sinne der Studierenden. sbh

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