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Papst Benedikt XVI.

"Ich bin nicht Papst"

Hessische Katholiken sind verärgert

Der Heilige Vater sei nicht unfehlbarn, sagen Leute von "Wir sind Kirche". An eine Kommunikationspanne im Vatikan will die Basis der Gläubigen nicht glauben. Für sie gehören Holocaust-Leugner exkommuniziert. Von Thomas Witzel

Von THOMAS WITZEL

Eine Hotline für ratlose Katholiken, Pfarrer, die sich in Protestlisten registrieren lassen: Die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Priesterbruderschaft Pius X. bewegt die katholischen Christen in den hessischen Bistümern auch nach der jüngsten Erklärung aus Rom weiter. Organisierte Katholiken wie auch die Basis.

"Wir haben Grund zur Sorge", klagen die Mitglieder des Präsidiums der Diözesanversammlung des Bistums Limburg in einer Mitteilung. Und: Man habe höchsten Respekt vor dem Bemühen von Papst Benedikt XVI. um die Einheit der Kirche.

Durch die Aufhebung der Exkommunikation gehörten nun jedoch "unserer Kirche Bischöfe an, die zentrale Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnen, die Religions- und Gewissensfreiheit ablehnen" und eine antiökumenische Einstellung vertreten, heißt es in der Limburger Erklärung. Diese Bischöfe stellten sich nicht nur gegen den interreligiösen Dialog, sondern würden "sogar nach wie vor antijudaistische und antisemitische Positionen vertreten". Der Vorsitzende des Katholikenrates im Bistum Fulda, Richard Pfeifer, sieht schwere Zeiten auf die Kirche zukommen: "Die Entscheidung in Rom, die Exkommunikation von vier fundamentalistischen ?Lefebvre-Bischöfen' zurückzunehmen, erfüllt uns mit großer Sorge."

Papst ist nicht unfehlbar

Hans Joachim Haas-Feldmann von der "Wir sind Kirche"-Regionalgruppe in Hanau kritisiert den Papst: "Holocaust-Leugner Bischof Williamson stünde bei uns als Feind der demokratischen Grundordnung unter Beobachtung des Verfassungsschutzes." Ausgerechnet bei einem solchen die absolut gerechtfertigte Exkommunizierung wieder rückgängig zu machen, sei für ihn als katholischen Christen unerträglich, meint Haas-Feldmann. Und weiter: "Es bestätigt meine Grundüberzeugung, dass der Papst nicht unfehlbar sein kann - egal ob ex cathedra oder nicht. Hier geht es um mehr als eine Kommunikationskatastrophe im Vatikan. Hier geht es um Grundfeste des Zweiten Vatikanums. Zum Glück ist aus dem deutschen Episkopat als Reaktion keine Leisetreterei zu vernehmen - im Gegenteil. Das ist das Ermutigende. Ansonsten gilt für mich: Ich bin nicht Papst!"

Gerhard Fritz, Pädagoge aus Petersberg bei Fulda: "Dass der Papst von den Ansichten Williamsons nichts gewusst haben soll, ist schlimm und spricht für gestörten Informationsfluss im Vatikan. Ich kann nur hoffen, dass sich der Traditionalisten-Bischof unmissverständlich korrigiert und in und zwischen den vatikanischen Behörden in Zukunft gründlicher gearbeitet wird." Fritz findet es schade, dass der "intelligente und klar positionierte Papst in einen gleichsam dämonischen Tumult von Verwicklungen und Verwirrungen" komme. "Ich hoffe und bete, dass er in dieser Bedrängnis umsichtig und weise reagiert."

Die katholischen Kirchengemeinden in Mannheim richteten sogar eine Hotline ein. Für Menschen, "die verärgert und verängstigt sind", sagt der Jesuitenpater Hans-Joachim Martin von der Citykirche am Markt St. Sebastian. Anrufer können sich zum jüngsten Verhalten des Vatikan äußern und Fragen dazu stellen. "Das war das falsche Zeichen", sagte Pater Martin. Es herrsche große Empörung bei den Anrufern, die sich fragten, wie der Papst "so unsensibel" sein könne. Viele der Anrufer wollten sogar aus der Kirche austreten.

Krisen bieten auch Chancen

Der Offenbacher Pfarrer Kurt Sohns, Erstunterzeichner der Petition Vaticanum 2, warnt: Wenn jetzt von einer Papstkrise gesprochen werde, dann sei es Zeit, ernst zu nehmen, welche Wahl der Papst bei den Bischofsernennungen treffe - "welchen Einfluss er dem Geheimbund Opus Dei zugesteht, warum kirchenkritischen Gruppen wie ,Wir sind Kirche' das Wasser abgegraben wird". Krisen böten auch Chancen. Kurt Sohns weiter: "Hans Küng beschreibt in einem Interview zur Papstkrise, dass jetzt vor allem der Papst gefordert sei, das nach rechts abdriftende Schiff der Kirche endlich wieder in die Mitte zu steuern".

Mit Ergebenheitsadressen leisteten die Christen dabei dem Papst keinen guten Dienst, resümiert der Offenbacher Pfarrer. Der meist von Untergebenen umgebene Papst müsse den starken Gegenwind der mündigen Christinnen und Christen als oberster Steuermann in der Kirche zu spüren bekommen.

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