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Pilze sammelen im Rhein-Main-Gebiet: „Es gibt Leute, die räumen einfach alles ab, was sie im Wald finden“,

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Von: Meike Kolodziejczyk

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Der Fliegenpilz ist unverwechselbar und nicht umsonst die unangefochtene Ikone seines Reiches – und der Pilz des Jahres 2022.
Der Fliegenpilz ist unverwechselbar und nicht umsonst die unangefochtene Ikone seines Reiches – und der Pilz des Jahres 2022. Andreas Hartmann © Andreas Hartmann

Die Pilzsaison hatte Startschwierigkeiten und ist bisher eher durchwachsen. Doch es scheinen in diesem Jahr auffällig viele Menschen zu sammeln – was auch unschöne Nebeneffekte hat

Die hellen Schirme sind schon aus der Ferne deutlich zu erkennen. Ein knappes Dutzend Parasole steht dort beisammen auf einer Wiese am Waldrand nahe Schmitten. Die Sonne scheint, es ist Mitte Oktober. „Na, das schaut doch ganz gut aus.“ Schnurstracks pirscht die Pilzsammlerin den Hügel hinauf. Doch ihre Freude schwindet, je näher sie kommt. „Total verschrumpelt“, sagt sie und betastet enttäuscht die Gewächse vor sich im Gras.

Überhaupt ist Katja Illgen bisher nicht zufrieden mit der Saison. Fünfmal sei sie bereits unterwegs gewesen am Fuße des Großen Feldbergs, an Stellen, an denen sie normalerweise immer viele Pilze finde, auch Waldchampignons, Maronen-Röhrlinge, Steinpilze. Doch dieses Jahr hätten bislang fast ausschließlich Parasole, respektive Riesenschirmlinge, ihren Korb gefüllt. Dass Gleichgesinnte ihr zuvorgekommen seien, hält sie für unwahrscheinlich, ihrer Nachbarin sei es ähnlich ergangen. Aus anderen Ecken des Rhein-Main-Gebiets habe sie dagegen schon von großen Erfolgen gehört. „Das kann je nach Region sehr unterschiedlich ausfallen.“

Das bestätigt Dietmar Krüger, Pilzsachverständiger und Leiter der Pilzschule Hessen in Offenbach. „Es kommt immer darauf an, wo es in den vorangegangenen Wochen die meisten Niederschläge gab.“ Und da habe der Hochtaunus im Frühherbst nicht allzu viel abbekommen. Im Odenwald oder im Spessart habe es mehr geregnet. „Dort geht es den Pilzen momentan ganz gut.“ Ein Urteil über die Pilzsaison ließe sich daher so pauschal nicht fällen. „Viele jubeln gerade über ein tolles Pilzjahr“, sagt Krüger. „Das war monatelang aber ganz anders.“ Die Pilze ließen auf sich warten, sie schossen später aus dem Boden als üblich, mancherorts erst Ende September.

„Wenn es dann mal regnet, sind bald darauf oft ordentlich Pilze da“, sagt Cathrin Manz, die die Saison ebenfalls für „sehr heterogen“ hält. Eines aber stehe fest: Der Sommer war extrem trocken, man könne schon von „Dürre und Versteppung“ sprechen. „Das hat dem Wald sehr geschadet und damit auch den Biotopen für Pilze“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für Mykologie an der Frankfurter Goethe-Universität. „Wo sonst immer viele Pilze standen, steht heute ja teilweise gar kein Wald mehr.“

Trotz des weniger üppigen Bestands scheinen immer mehr Menschen auf die Idee zu kommen, Pilze zu sammeln. Diesen Trend beobachtet Cathrin Manz, die ehrenamtlich als Pilzberaterin der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) arbeitet, schon seit ein paar Jahren. Doch in diesem Herbst bekomme sie überdurchschnittlich viele Anfragen, etwa drei bis fünf pro Tag. Sammlerinnen und Sammler wenden sich an sie, um ihre Funde fachkundig überprüfen zu lassen – und es sei erschreckend, wie „respektlos und rabiat“ manche mit der Materie sowie mit der Natur umgingen. „Es gibt Leute, die räumen einfach alles ab, was sie im Wald finden“, sagt Manz. „Dann halten sie mir ihre Körbe unter die Nase und fordern mich auf, die ungenießbaren Pilze auszusortieren.“ So wie in diesem Jahr habe sie das noch nie erlebt.

Dietmar Krüger macht in der Regel keine „Körbchenkontrollen“, sondern setzt auf Wissensvermittlung. Der Pilzberater und geprüfte Pilzsachverständige der DGfM bietet in seiner mobilen Pilzschule sowie für Hessen-Forst Kurse und Pilzwanderungen an. „Man sollte wissen, was man da macht und wie man es macht.“ Und zumindest über Grundkenntnisse verfügen, anstatt sich ahnungs- und wahllos in und auf die Pilze zu stürzen. „Manche Leute scheinen gar zu glauben, dass die Schlümpfe den Fliegenpilzen ihre Punkte aufpinseln.“

Der Fliegenpilz ist 2022 der „Pilz des Jahres“, den die DGfM seit 1994 ernennt. Er ist mit seinem hübschen Hut so etwas wie die Ikone seines Reichs – und nebenbei ein guter Indikator für das Vorkommen von Pilzen allgemein. „Wenn keine Fliegenpilze da sind, gibt es meist auch kaum andere Pilze“, sagt Krüger.

Ab in die Pilze

Pilze haben Hauptsaison in den Monaten September und Oktober, je nach Wetter wachsen sie aber auch schon im August und bis weit in den November hinein – bis der Frost einsetzt.

Pilz-Monitoring: Das Hessische Landesmuseum Darmstadt und die Naturbeobachtungsplattform Observation.org rufen auf, Pilzfunde für den „Bioblitz 2022“ zur Erforschung der biologischen Vielfalt zu melden, etwa mit der App ObsIdentify. Auf www.bioblitze.lwl.org und www.observation.org wird erklärt, wie es geht.

Der Pilzsachverständige und Pilzberater Dietmar Krüger und sein Refernt:innen-Team bieten in der mobilen Pilzschule Hessen in Offenbach, Valentin-Unkelbach-Weg 11, Kurse und pilz- und naturkundliche Lehrwanderungen an – allerdings keine Körbchenkontrolle. Auf www.derpilzberater.de gibt es weitere Informationen.

Wer Pilzfunde vor dem Verzehr sachkundig überprüfen lassen will, findet verschiedene Stellen und Angebote in der Region. Im Auftrag des Gesundheitsamtes Frankfurt schaut sich der Pilzsachverständige Dieter Gewalt die Sammlung an, gibt Tipps zum Sammeln und Zubereiten von Pilzen und klärt über Risiken auf. Die Beratung ist bis zum 6. November jeweils sonntags zwischen 17 bis 20 Uhr in den Räumen des Amtes, Breite Gasse 28. In Wiesbaden können Sammler:innen ihre Funde bis 7. November immer montags von 12 bis 14 Uhr im Umweltladen, Luisenstraße 19, von dem Pilzexperten Franz Heller bestimmen lassen.

Pilzberater:innen lassen sich auch über die Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) finden. Auf deren Homepage gibt es eine Liste sowie eine Suchfunktion für Pilzsachverständige in der jeweilige Region.

Bei Vergiftungs erscheinungen nach dem Pilzgenuss kann der Giftnotruf des für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland zuständigen Giftinformationszentrums unter der Nummer 06 131/19 240 erste Einschätzungen geben. Bei lebensbedrohlichen Symptomen wie Atemnot, Bewusstloskeit oder Krampfanfällen sollte direkt eine Klinik aufgesucht oder der Notarzt unter 112 verständigt werden. myk

Sie habe in diesem Jahr nur wenige Fliegenpilze gesehen, erzählt Katja Illgen, während sie sich behutsam den Weg durchs Gestrüpp bahnt – und prompt auf eine Kolonie orangegelber Pilze stößt. Sie dreht einen der Hüte um und zeigt auf die grünlichen Lamellen. „Grünblättrige Schwefelköpfe sind giftig und können leicht mit den essbaren Rauchblättrigen Schwefelköpfen verwechselt werden.“ Womit die Risiken des Sammelns benannt wären. Einige Speisepilze ähneln Pilzen, deren Verzehr unschön bis lebensbedrohlich enden kann. Sie sicher zu unterscheiden, fällt mitunter nicht nur Laien schwer.

Katja Illgen zum Beispiel, die seit ihrer Kindheit Pilze sammelt und sich regelmäßig fortbildet, verbrachte vor etwa 15 Jahren nach einer Pilzmahlzeit die Nacht auf der Intensivstation. Relativ bald nach dem Essen verspürte sie Übelkeit und ein Drücken auf der Brust, „als würden hundert Kilogramm darauf lasten“. In der Klinik angekommen, fragte sie in Panik, ob sie es überleben werde. „Das“, antwortete ein Sanitäter, „können wir Ihnen noch nicht sagen.“ Ein Notfallberater für Pilzvergiftungen wurde alarmiert und aus einer abendlichen Skatrunde herausgeholt, um die Pilzreste zu untersuchen. Der Experte roch kurz daran und identifizierte sofort den Übeltäter: einen Pantherpilz. „Es war zum Glück nur ein sehr kleiner“, sagt Illgen, die zur Entgiftung Kohlewasser trinken musste. Seit diesem Erlebnis ist die Mittvierzigerin noch vorsichtiger beim Sammeln.

Doch Vorsicht ist offenbar nicht selbstverständlich. „Viele sind äußerst fahrlässig und verlassen sich auf Google oder irgendwelche Apps“, sagt Cathrin Manz. Entsprechend hätten auch die Notrufe, die sie wegen Pilzvergiftungen erhalte, „auffällig“ zugenommen. Dabei seien meistens keine Giftpilze verantwortlich für Symptome wie Übelkeit, Magenkrämpfe oder Erbrechen. „Wenn so etwas nach einer Pilzmahlzeit auftritt, geht das Kopfkino natürlich los.“ War es womöglich der Grüne Knollenblätterpilz, auf dessen Kappe hierzulande etwa 90 Prozent der ernsten bis tödlichen Vergiftungen gehen? Der größte Problempilz, sagt Manz, „ist der verdorbene Pilz“. Ob matschig, löchrig oder verschimmelt: Es sei erstaunlich, was manche bei Pilzen für akzeptabel hielten. „Eine Aubergine würden sie in einem solchen Zustand niemals anrühren, geschweige denn essen.“

Die Verwechslungsgefahr mit Giftpilzen sei natürlich nicht zu unterschätzen, beim geringsten Zweifel solle man den Pilz stehen lassen oder mit ihm eine Pilzberatung aufsuchen. Da die für die Bestimmung entscheidenden Merkmale oft am Stiel und an der Stielbasis zu finden seien, sollten Pilze komplett herausgedreht, gepflückt oder dicht über dem Boden abgeschnitten werden. „Dem Pilz tut nichts davon weh“, sagt Manz. „Der eigentliche Organismus ist in der Erde oder im Holz, was man wegnimmt, ist nur der Fruchtkörper.“ Dem Apfelbaum sei es schließlich auch egal, ob seine Äpfel gepflückt oder abgeschüttelt würden. Im Übrigen seien Pilze mehr mit Tieren als mit Pflanzen verwandt, „bilden aber ein völlig eigenständiges Reich auf gleicher Rangstufe“.

Laut Dietmar Krüger gilt es „drei Grundregeln“ zu beachten, damit die Pilzspeise ein Genuss wird und kein Fall für die Ambulanz: „Erstens müssen die Pilze ordentlich bestimmt werden, zweitens müssen sie in einem verkehrstüchtigen Zustand sein, drittens müssen sie lange genug erhitzt werden, mindestens eine Viertelstunde.“ Auch aus seiner Erfahrung geht das Gros der Vergiftungen nicht auf Giftpilze zurück, sondern auf verdorbene Zutaten oder Fehler bei der Zubereitung.

Wenn die Wetterprognosen stimmen, bleibt den Pilzen noch ein bisschen Zeit, vorbei ist die Saison erst mit dem Frost. Aktuell fühlt sich vor allem die Krause Glucke wohl im heimischen Forst, wie Cathrin Manz und Dietmar Krüger übereinstimmend angeben: Weil die Nadelbäume stark geschädigt seien, gedeihe der an einen Badeschwamm erinnernde Kiefernwurzelparasit umso besser. Weitere, speziell für den Spätherbst typische Pilze seien der Hallimasch und der Violette Rötelritterling, ergänzt Manz.

Nach den Regenfällen der vergangenen Tage war Katja Illgen erneut im Schmittener Wald – diesmal weitaus erfolgreicher: „Zwei riesige Steinpilze habe ich gefunden, viele Hallimasch, Stockschwämmchen, Maronen-Röhrlinge und Austernseitlinge.“ Und auch einen wunderschönen Fliegenpilz hat sie entdeckt.

Nicht essbar: Katja Illgen mit Grünblättrigen Schwefelköpfen. Kolo
Nicht essbar: Katja Illgen mit Grünblättrigen Schwefelköpfen. Kolo © Meike Kolo-Kumar
Badeschwamm? Blumenkohl? Nein, eine Krause Glucke.
Badeschwamm? Blumenkohl? Nein, eine Krause Glucke. Cathrin Manz © Cathrin Manz
Blasslila schimmert der Violette Rötelritterling. Kolo
Blasslila schimmert der Violette Rötelritterling. Kolo © Meike Kolo-Kumar

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