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Eine tierisch gute Zuhörerin: Emma genießt die Aufmerksamkeit von Jörg Dombo und Ivana Seger.

Wiesbaden

Pflegeschwester auf vier Pfoten

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Labradorhündin Emma begleitet schwerkranke Patienten an den Horst-Schmidt-Kliniken. Auch die Angehörigen genießen in aussichtloser Situation die Nähe des Tieres.

Als Jörg Dombo hört, dass Emma zu Gast ist, kommt er aus seinem Zimmer. Langsam bewegt sich der 46-Jährige auf die Sitzgruppe im Aufenthaltsraum der Palliativstation an den Helios-Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) zu. Dombo, an Krebs erkrankt, ist schwer gezeichnet. Seit zwei Wochen liegt er auf der Station*. Ihm blieben nur noch wenige Monate, sagt er. Und lächelt.

Neben ihm liegt Emma, eine bildhübsche Labradorhündin. Dombos Finger gleiten unablässig über das kurze schokobraune Fell der Hundedame. Es scheint, als ginge die Ruhe, die Emma ausstrahlt, auf den 46-Jährigen über. Als würde die Hündin Dombo trösten.

Als Dombos Schwester Michaela Cosovic und seine Mutter Ramona um die Ecke kommen, sind sie überrascht, den 46-Jährigen mit Emma auf dem Sofa sitzen zu sehen. „Sonst hält er Hunde eher auf Abstand“, sagt Cosovic lächelnd, und auch ihre Mutter schmunzelt. Für eine kurze Zeit steht Emma im Mittelpunkt, nicht die bösartige Krankheit, die seit Sommer das Leben der Familie bestimmt.

Ivana Seger beobachtet die anrührende Szene. Seit acht Jahren sind sie und Emma ein unschlagbares Team, spenden unheilbar kranken Patienten Trost. Die Idee, mit einer Therapiehündin Menschen auf dem letzten Stück ihres Weges zu begleiten, kam Seger vor mehr als 25 Jahren. Damals arbeitete sie in einer Psychiatrie mit Menschen, zu denen man nur schwer einen Zugang fand. „Eines Tages habe ich Patienten auf einer Bank sitzen sehen, schweigend. Doch auf einmal bewegten sich alle“, erzählt Seger. Da habe sie einen Mann mit einem Golden Retriever erblickt. „Der hatte binnen Sekunden geschafft, was wir wochenlang versucht hatten. Das Eis war gebrochen.“ Doch erst viele Jahre später bot sich Seger eine Möglichkeit, ihre Idee zu realisieren.

In mehreren Hospizen im Rhein-Main-Gebiet ist Emma im Einsatz. Hinzu kommen Besuche in den Wiesbadener HSK und der Frankfurter Uniklinik. Die beiden Krankenhäuser sind bislang die einzigen Kliniken in Hessen, die mit einem Therapiehund zusammenarbeiten. Denn für einen solchen tierischen Einsatz gelten besondere Voraussetzungen. „Schließlich sind Tiere in Krankenhäusern ja nicht erlaubt“, sagt Bernd Wagner, Leiter der Palliativstation an den HSK. Nur einem externen Aufzug sei es beispielsweise zu verdanken, dass Emma auf die Station kommen könne.

Wagner hat sich zu dem Grüppchen im Aufenthaltsraum gesellt. Seit fast drei Jahren kennt er „Schwester Emma“ und hat die Wirkung der Hundedame erlebt. „Sie holt die Menschen raus aus dem Patientsein. Es entsteht auf einmal eine ganz andere Situation.“ Nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Angehörigen, die die Krankheit mittragen müssen. Wagner erzählt von einer Patientin, die sich nicht mehr artikulieren konnte. Ihr Mann habe sich dafür starkgemacht, dass Emma zu ihr durfte. Nachdem die Hündin auf einer Decke auf dem Bett der Patientin lag, habe man gemerkt, wie die Frau sich entspannte. „Das war sehr anrührend und auch ein besonderes Erlebnis für ihren Ehemann.“

Während der Leiter der Palliativstation erzählt, hört man von der anderen Seite des Aufenthaltsraum her ein leises Gemurmel. Sarah Däumer sitzt am Tisch, vor sich ein Kreuzworträtselheft. Doch die Besucherin rätselt nicht, sie spricht ganz leise mit Emma, die ihr aufmerksam zuhört. Gerade eben ist sie aus dem Zimmer ihres Mannes gekommen. Sie sei aufgewühlt gewesen, sagt sie. Jetzt gehe es ihr etwas besser. „Emma gibt mir Frieden.“ Ivana Seger weiß, dass viele Angehörigen sich in einer so schweren Situation alleingelassen fühlen. Der Patient steht im Mittelpunkt, die Verwandten müssen mit ihren Ängsten alleine klarkommen. „Ein Hund spendet anders Trost als Menschen“, sagt sie. „Er fordert nichts.“

Manche Angehörigen und Patienten weinen mit Emma, manche schweigen, genießen Emmas Nähe. Und auch für Ärzte, Schwestern und Pfleger bedeutet ein Hund auf der Station eine willkommene Ablenkung.

Wieder und wieder gibt Däumer dem treuen Vierbeiner ein paar gedünstete Karottenstückchen zu fressen. Eine Kost, die im Zweifelsfall auch der Patient essen kann. Auch wenn Leckereien und stundenlange Streicheleinheiten auf dem Programm stehen – „man darf nicht vergessen, dass das für Emma anstrengende Arbeit ist“, sagt Seger. Drei, maximal vier Patienten besuchen die beiden dienstags in den HSK. Schon am Vortag muss die Hündin auf die Besuche vorbereitet werden. Sie wird gründlich gewaschen, desinfiziert. „Schließlich herrschen in einem Krankenhaus strenge Hygienevorschriften.“ Deshalb wird Emma auch regelmäßig von einem Tierarzt durchgecheckt.

Obwohl Ivana Seger und Bernd Wagner ausschließlich von positiven Erlebnissen mit der Hundedame berichten – die Krankenkassen erkennen eine solche Therapie nicht an. Finanziert wird das Projekt an den Wiesbadener HSK vom Förderverein Palliaktiv. „Sehr schade“, sagt Seger. „Der Bedarf ist enorm, kann aber wegen der fehlenden Mittel nicht gedeckt werden.“ Doch sie werde am Ball bleiben. Bis noch mehr Patienten tierischen Beistand auf dem schwersten Stück ihres Lebenswegs erhalten werden.

*Wenige Tage nach unserem Besuch hat Jörg Dombo die Station verlassen, um die Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

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