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Maren Ewald vom Demenzzentrum „StattHaus“.

Pflegeheime

Pflegeheime in Offenbach: „Ein komplettes Besuchsverbot ist schon einschneidend“

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Maren Ewald vom Offenbacher Demenzzentrum StattHaus äußert sich im Gespräch zu neuen Corona-bedingten Einschränkungen in Pflegeheimen ab Freitag.

Frau Ewald, ab Freitag gilt in Hessens Alten- und Pflegeeinrichtungen ein verschärftes Besuchsverbot. Wie trifft das Ihr Haus in Offenbach?

In unserer Demenz-Wohngemeinschaft leben neun Menschen. Dort galt bislang die Bitte an die Angehörigen, möglichst wenig zu besuchen. Aber die engsten Verwandten konnten noch kommen, ebenso etwa Physiotherapeuten. Beides wird ab Freitag nicht mehr möglich sein. Ein solches komplettes Besuchsverbot ist schon einschneidend.

Den Tagestreff im „StattHaus“, wo sich Demente bislang werktags von früh bis spät aufhalten konnten, haben Sie ja bereits letzte Woche geschlossen.

Ja, aber diese Entscheidung ist uns sehr schwer gefallen. Denn für einige unserer Gäste sind wir der komplette Lebensmittelpunkt. Die kommen jeden Tag zu uns, sechs bis acht Stunden lang. Man hat jetzt so das Gefühl, als würde man jemanden im Stich lassen. Manche unserer Gäste sind zwar familiär gut eingebunden, für deren Angehörige ist es jetzt anstrengender, aber schaffbar. Aber wir haben auch Menschen, die alleine wohnen und die überhaupt keine Angehörigen haben und deren gesetzliche Betreuung natürlich auch nicht täglich nach ihnen schaut. Wir können, glaube ich, nicht wirklich vorhersehen, was mit diesen Menschen jetzt passiert.

Bleiben Sie denn mit den Betroffenen in Kontakt?

Zur Person

Maren Ewald (43) leitet das Demenzzentrum StattHaus der Hans und Ilse Breuer-Stiftung in Offenbach (breuerstiftung.de). Unter 069/2030 5546 und m.ewald@breuerstiftung.de berät sie Hilfesuchende. 

Unsere Hauptansprechpartner sind gerade die Angehörigen, für die wir jeden Tag acht Stunden telefonisch erreichbar sind und bei denen wir auch regelmäßig anrufen. Die Angehörigen haben großes Verständnis dafür, dass wir die Tagespflege geschlossen haben. Aber mit denjenigen, die alleine leben, können wir keinen direkten Kontakt aufnehmen. Das ist schwierig. Da wissen wir jetzt teils einfach nicht, wie es ihnen geht, und wir können nur hoffen, dass die gesetzlichen Betreuer ihren Job ernst nehmen. Mit denen stehen wir aber in Kontakt, ebenso mit den Pflegediensten. Wir haben für einen Tagesgast auch nochmal eine Einzelbetreuung für eine Woche angeboten, quasi als Notbetreuung.

Damit ist jetzt aber auch Schluss.

Ja, wir haben jetzt gesagt, dass wir damit aufhören müssen. Denn dieser Herr läuft den ganzen Tag durch Offenbach und geht noch selbst einkaufen. Und wir mit unserer Demenz-WG müssen einfach aufpassen, dass wir nicht über ihn weitere Infektionsgefahren ins Haus holen.

Ist die Grenze zwischen Fürsorge und Schutz in diesen Zeiten besonders schwer zu definieren?

Es ist auf jeden Fall schwierig. Man muss die Frage im Blick behalten, welche Maßnahmen eventuell mehr schaden, als dass sie nützen. Vom ethischen Standpunkt her, mit Blick auf die emotionale Gesundheit der Dementen, würde ich sagen, dass eine Einrichtung wie unsere für manche Tagesgäste bald wieder aufmachen sollte. Aber ob das medizinisch vernünftig wäre, kann ich nicht beurteilen. Die Menschen, die wir betreuen, gehören ja alle zur Risikogruppe und einige Mitarbeiterinnen auch. Und wenn man sieht, wie hoch die Infektionsrate mit Corona in manchen Pflegeheimen ist, können wir nicht weitermachen wie bisher. Wir hoffen, unsere Gäste bald wieder physisch und psychisch gesund empfangen zu können.

Interview: Fabian Scheuermann

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