+
Bei Karen Kreutz-Dombrofski geht es spielerisch und lustig zu,

Schulkrankenschwestern in Frankfurt

Pflaster für kleine Wunden und Seelen

  • schließen

Karen Kreutz-Dombrofski ist eine von zehn Schulgesundheitsfachkräften in Frankfurt sowie Stadt und Kreis Offenbach. Die Bilanz nach knapp einem Jahr zeigt: Ihre Arbeit ist wichtig und kommt sehr gut an.

Der Junge sackt erschöpft auf den Stuhl. Die linke Leiste schmerzt, sagt er. Auch hat ihn ein Mitschüler mit dem Füller am rechten Oberarm gepiekt. Der nächste möchte nur ein Pflaster, bleibt mitten im Raum stehen. Es juckt ihn in der Armbeuge. Mit Tipps gegen trockene Winterhaut trollt er sich wieder.

Es ist 11.15 Uhr. Große Pause und das heißt Rushhour im Zimmer von Karen Kreutz-Dombrofski in der Ernst-Reuter Schule II in der Frankfurter Nordweststadt. Schulgesundheitsfachkraft lautet ihre offizielle Berufsbezeichnung. Sie ist eine von insgesamt zehn Frauen, die in Hessen an dem gleichnamigen Projekt teilnehmen. 

Bei den Kindern heißt die 51-Jährige nur Schulkrankenschwester oder Frau Kreutz-Dombrofski. „Manchmal nennen wir sie auch Frau Schwester“, sagt ein 13-Jähriger, der unter Ohrenschmerzen klagt. Er möchte gerne nach Hause, das sagt er immer wieder, macht aber nicht den Eindruck, dass es so schlimm ist. Im Telefongespräch mit seiner Mutter findet Kreutz-Dombrofski einen Kompromiss: Bis zum Mittagessen geht er in den Unterricht, danach darf er heim. Es könne nicht falsch sein, wenn ein Arzt ihm in die Ohren schaue, sagt die Schulkrankenschwester der um Rat bittenden Mutter. Auch Nasenspray oder ein leichtes Schmerzmittel könnten helfen.

Im Juni 2017 hat Kreutz-Dombrofski das Zimmer im Gebäudeteil D der integrierten Gesamtschule bezogen, in der 1260 Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Und alleine das Kommen und Gehen in der großen Pause zeigt: Sie wird gebraucht. Es ist wie im Taubenschlag: Verstauchte Finger wechseln sich ab mit Halsschmerzen, einer Schnittverletzung am Daumen. Manche Schüler brauchen Zuwendung, kommen bei einem Becher Wasser oder Tee zur Ruhe. Andere bleiben an der Tür stehen, bitten um einen Kühlpack und sind schon wieder fort. 

Pausenlos wirft die Eismaschine neue Würfel für Prellungen oder verstauchte Handgelenke aus. Schüler bringen Kirschkernkissen zurück, die schon bald wieder in der Mikrowelle erwärmt werden. Zeitweise halten sich acht Kinder gleichzeitig in dem farbenfrohen, hellen Zimmer auf. Alleine kommen die wenigsten, fast jeder hat seinen Freund dabei, jede ihre Freundin, manchmal sogar zwei. In der Not hält man zusammen. Und schon klopft der Nächste: „Ich habe aus Wut auf den Tisch gehauen. Jetzt tut die Hand weh.“ Die sauberen Trinkbecher sind ausgegangen. Ein Begleitjunge übernimmt den Auftrag zu spülen. 

Was für ein Betrieb. Doch Kreutz-Dombrofski ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Für jeden hat sie ein gutes Wort, erkundigt sich, wie lange der Schultag heute noch geht. Fragt nach, salbt ein, misst Blutdruck. Schreibt Zettel für Lehrer, denn die sollen mitentscheiden, ob der Schüler heimgehen darf oder nicht. Überblick über mögliche Fehlzeiten hat sie schließlich nicht. 

Zuerst kämen die Kinder mit den kleinen Sachen, sagt sie. Doch wenn sie sich angenommen fühlen, trauten sie sich auch, die großen anzusprechen: Pubertätsprobleme, Ärger mit den Eltern. Darauf setzt die 51-Jährige, die bei ihrer Tätigkeit an der Ernst-Reuter-Schule II auch von persönlichen Erfahrung profitiert. Als Mutter zweier Söhne, 17 und 19 Jahre alt, sind ihre Nerven gestählt. Gelernt hat sie die Berufe Krankenschwester und Kinderkrankenschwester, arbeitete in Kliniken wie in einer Arztpraxis. Das Projekt Schulgesundheitsfachkraft bedeutet für die 51-Jährige eine neue Herausforderung in einer neuen Umgebung und in einem multiprofessionellen Team, in dem sie die einzige medizinische Expertin ist. Da ist die Schulsozialarbeit, da ist das Lehrerkollegium. „Jeder bringt seine Kompetenzen ein“, sagt sie. Und jeder kann das Wissen des anderen nutzen. Kreutz-Dombrofski berät Lehrer im Umgang mit chronisch kranken Schülern, kommt zur Hygieneschulung in die Klassen, wird tätig bei Läusealarm. Klärt auf über die Notwendigkeit guter Ernährung, ausreichenden Schlaf, Bewegung. Hilft dezent mit Monatsbinden aus. Und zu trinken steht bei ihr immer etwas auf den Tisch: Apfel- und Pfefferminztee, Wasser mit und ohne Sprudel. Zwei Mädchen kommen hereingeschneit. Erzählen, dass der Turnbeutel verschwunden ist, testen die Tees und loben, wie gut sie schmecken. Ein Moment zum Innehalten für die beiden und ihre Schulkrankenschwester, der nicht lange anhält. Es klopft an der angelehnten Tür: „Unsere Freundin ist hingefallen, sie kann das Bein nicht mehr bewegen.“ 

Dem Mädchen stehen Tränen in den Augen. Die schwarze Leggins hat am Knie ein Loch, darunter blitzt eine rote Schürfwunde hervor. Erst mal Fuß hoch, erzählen lassen, trösten: „Ja, ich weiß, das tut weh.“ 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare