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Carsten Amrhein mit seinem neuen Star.

Saalburg

„Der Pferdekopf hat alles in den Schatten gestellt“

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Saalburg-Direktor Amrhein spricht im FR-Interview über den Rummel um sein neues Top-Exponat und moderne Ausstellungs-Konzepte.

Carsten Amrhein ist seit 2013 Leiter des Saalburg-Museums. Nach Stationen als wissenschaftlicher Assistent und Grabungsassistent an der Bochumer Ruhr-Universität und der Goethe-Universität in Frankfurt war er von 2004 an zunächst Stellvertreter des damaligen Saalburg-Direktors Egon Schallmayer. Der 54-Jährige hat klassische Archäologie, Altgriechisch sowie Frühchristliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte in Frankfurt und Mainz studiert. Außerdem hat er ein Diplom als Betriebswirt. Die Saalburg bei Bad Homburg ist derzeit dienstags bis sonntags von 9 bis 16 Uhr geöffnet, ab März bis 18 Uhr. Dann wird  das Angebot von Führungen und Workshops ausgeweitet.

Herr Amrhein, mit dem bronzenen Pferdekopf aus Waldgirmes haben Sie im vergangenen Jahr ein ebenso hochkarätiges wie aufsehenerregendes Exponat hinzubekommen. Was hat sich dadurch für die Saalburg geändert?
Es gab ein unglaubliches Medieninteresse mit Berichten bis hin zum „heute-journal“. Und überall, wo man aufgetaucht ist, wurde man auf den Pferdekopf angesprochen. Viel Aufmerksamkeit ist für ein Museum immer gut. Für uns war es aber auch toll, rund um den Pferdekopf mit den weiteren Funden aus Waldgirmes eine neue Dauerausstellung zu konzipieren.

Sind durch den Rummel auch mehr Besucher in das Museum gekommen?
Wir hatten schon am Eröffnungswochenende der neuen Ausstellung 2000 Besucher und am Wochenende darauf bei einem Thementag zur römischen Reiterei noch einmal genauso viele. In den Monaten seit August hatten wir stetig mehr Besucher als im Vorjahr. Wie viele davon auf den Pferdekopf zurückzuführen sind, kann ich natürlich nicht genau beziffern.

Wie sehr haben Sie es bedauert, das Original nach wenigen Wochen wieder für eine Ausstellung nach Berlin ausleihen zu müssen?
Das war zu verschmerzen. Schließlich handelte es sich bei der Schau im Martin-Gropius-Bau um eine große und wichtige Ausstellung mit internationaler Ausstrahlung. Da war der Pferdekopf ein wunderbarer Botschafter für die hessische Landesarchäologie und auch ein Werbeträger für uns. Es hätte sogar etwas gefehlt, wenn er dort nicht zu sehen gewesen wäre. Außerdem war das Original bereits vor den Weihnachtsfeiertagen wieder da, und bis dahin hatten wir als Ersatz eine sehr gute Kopie.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse erwarten Sie sich durch die Untersuchung des Kopfes?
Die gesamte Untersuchung von Waldgirmes ist von den Ausgräbern Gabriele Rasbach und Armin Becker bereits in einer detaillierten Publikation dokumentiert worden. Noch offen ist die Vorlage sämtlicher 200 Fragmente.

Was ist an den Funden so besonders?
Interessant ist vor allem der Fundort und die historischen Implikationen, die sich daraus ergeben. Rechts des Rheins hatte man bislang nur mit Marsch- oder Militärlagern gerechnet, aber nicht mit einer Zivilsiedlung. Darum handelte es sich aber in Waldgirmes zweifellos. Hier gab es ein Forum, einen zentralen Verwaltungsbereich.

Das Gericht hat dem Landwirt, auf dessen Acker der Pferdekopf gefunden wurde, mehrere Hunderttausend Euro Entschädigung zugesprochen. Das Land Hessen hat dagegen Berufung eingelegt. Beeinträchtigt das Ihre Arbeit?
Nein. Zum Verfahren selbst kann ich auch gar nichts sagen. Für uns ist wichtig: Der Kopf ist dauerhaft im Saalburgmuseum ausgestellt, und das wird er auch bleiben.

Neben dem Hype um den Pferdekopf haben Sie im vergangenen Jahr mit der Sonderausstellung „Rom lebt ... und wir mittendrin“ Neuland betreten. Die Besucher konnten in römischen Kulissen posieren, Selfies schießen und über die Facebook-Seite der Saalburg posten. Wie war die Resonanz?
Alle Rückmeldungen, die wir erhalten haben, waren positiv. Am meisten Spaß hat mir gemacht, wie kreativ manche bei den Fotos geworden sind. Sie haben sich in Positionen fotografiert, an die wir vorher gar nicht gedacht hatten. Der Hit waren die Sammel-Latrine und die Arena.

Wie wichtig sind solche Mitmach-Möglichkeiten und der Einsatz von Social-Media heutzutage für ein Museum?
Wir sind keine Universität, sondern eine Einrichtung, die von vielen Menschen als Ausflugsziel genutzt wird. Deshalb haben wir uns schon immer um eine anschauliche Vermittlungsarbeit bemüht. Wenn wir die Schulklassen beobachten, die durch unser Museum laufen, hat fast jeder sein Handy in der Hand. Daran haben wir mit unserer Sonderausstellung angeknüpft.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass das Entertainment den Lerneffekt überlagert?
Nein. Wir wollten ja auch keine reine Effekthascherei betreiben. Deswegen war an jeder Station ein antikes Exponat oder zumindest eine Replik dabei, das sich auch in dem 3D-Bild wiederfand und mit einem Text eingeordnet wurde. Wir haben gemerkt, dass man auch auf diese spielerische Art etwas über die Lebensgewohnheiten in der Antike vermitteln kann. Lernen muss ja nicht darin bestehen, dass man vor einer Textwand steht, sie auswendig lernt und sich auf der Heimfahrt gegenseitig abfragt.

Haben Sie schon weitere Ideen in diese Richtung?
Ich möchte nicht ausschließen, dass wir so etwas noch mal machen oder einzelne Elemente in andere Sonderausstellungen integrieren.

Kann man mit herkömmlichen Vorträgen und Führungen niemanden mehr erreichen?
Im Rahmen unserer Thementage mit ihren Mitmachangeboten kommen auch Vorträge nach wie vor sehr, sehr gut an. Führungen werden sogar immer wichtiger. Die Leute möchten persönlich durch die Saalburg geführt werden. Wir haben dafür pro Jahr etwa 3000 Buchungen. Wir bemühen uns aber, sie speziell auf verschiedene Zielgruppen zuzuschneiden, ob das Schulgruppen, Senioren oder auch gehandicapte Menschen sind.

Wie fällt Ihre Bilanz insgesamt für das vergangene Jahr aus?
Insgesamt war es für uns ein sehr positives Jahr. Das Ereignis „Pferdekopf“ hat natürlich alles überschattet. Darüber hinaus konnten wir im Frühjahr mit Hilfe unseres Fördervereins ein neues Modell der Saalburg präsentieren, das auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, aber auch mit modernen Elementen wie Augmented Reality arbeitet. Unsere Thementage wie die „Culinaria“ waren alle gut besucht. Problematisch war allerdings der trockene, heiße Sommer. Der hat uns viele Besucher gekostet. Im Jahresschnitt kamen aber wieder etwa genauso viele Menschen wie im Vorjahr, also etwa 115 000.

Was erwartet die Besucher in diesem Jahr?
In unserer Sonderausstellung werden wir eine kleine Kulturgeschichte des stillen Örtchens präsentieren, ein Thema das uns ja alle täglich beschäftigt. So trägt sie den derben Titel „Drauf geschissen!“ Ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder andere daran Anstoß nimmt, aber das soll auch so sein. Außerdem sind wir weiter dabei, unsere Dauerausstellung neu zu gestalten. Als nächstes ist unsere Geschütz-Abteilung an der Reihe. Wir haben die weltgrößte Sammlung von Nachbauten römischer Katapulte und anderer Geschütze. Ich rechne damit, dass wir die neue Ausstellung dazu 2020 eröffnen können.

Interview: Torsten Weigelt

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