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Die Restauratorin Monika Hunold arbeitet an den durch einen Brand beschädigten spätbarocken Deckenfresken des Malers Johann Baptist Enderle.

Kirche in Hochheim

Peter und Paul wird restauriert

In der alten Pfarrkirche am Weinberg sind die Restauratoren am Werk, um die prachtvollen Fresken des Gotteshauses von den Spuren der Zeit und eines Brandes zu befreien.

Von Jürgen Streicher

Auch der Meister selbst hat vom fetthaltigen Ruß etwas abbekommen. Vierzehn Meter über dem Grund im Kirchengewölbe. Bis in die kleinsten Ritzen ist der schwarze Rauch gedrungen. Bis ins Gesicht des Meisters aus Ulm, der sich dort oben selbst verewigt hat. Wie es Künstler zu allen Zeiten gerne mal taten, wenn sie so ein Werk geschaffen hatten wie Johann Baptist Enderle. Neben einem Pferdekopf hat der Lockenkopf sein Konterfei in die farbigen Geschichten integriert, die er in seinem wunderbaren Fresko über dem Kirchenschiff von Sankt Peter und Paul erzählt. Nicht zum ersten Mal in der knapp 240-jährigen Geschichte der spätbarocken Fresken von Peter und Paul müssen Restauratoren nun in schwindelnder Höhe Hand anlegen.

Es hat geregnet an jenem Samstagnachmittag Ende Januar 2016. Kalter Wind, an „miserables Wetter“ erinnert sich Peter Mertens vom Verwaltungsrat der Kirchengemeinde. Ein Tag, an dem man keinen Hund vor die Tür jagt. Es war wohl Glück, dass überhaupt Spaziergänger unterwegs waren, die den Feuerschein in einem Fenster auf der Eingangsseite der katholischen Pfarrkirche wahrgenommen haben. Unterhalb des Fensters brannte ein hölzerner Beichtstuhl lichterloh. Kein großer Auftrag für die schnell alarmierte Feuerwehr, der Brand war bald gelöscht. Knapp unterhalb der hölzernen Emporenbrüstung wurde der Flammenfraß gestoppt. Uraltes Holz, auch darauf barocke Malereien, ein paar Minuten länger ohne Feuerwehr hätten fatale Folgen haben können.

Am nächsten Tag, als der Rauch sich ein wenig verzogen hatte, wurde schnell deutlich, dass vom kleinen Feuer große Wirkung ausging. Der Beichtstuhl zerstört, die Empore angegriffen, die Orgel so von Ruß verschmutzt, dass einige Pfeifen zur Säuberung sogar abmontiert werden mussten. Der komplette 28 Meter lange Kirchenraum verrußt, bis in den Chorraum mit barockem Hochaltar auf der anderen Seite. Die Kirchenheiligen Peter und Paul an den Flanken des Altars hatten einen grauschwarzen Überzug, vor allem aber das Deckenfresko, das in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende umfangreich, aufwendig und mit hohen Kosten verbunden restauriert worden war.

Mehr als fünf Millionen Euro haben die Restaurierungsarbeiten gekostet. Fachleute hatten die kunsthistorisch wertvollen Fresken damals für „unrettbar verloren“ erklärt. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts war das Dachgebälk mit Holzschutzmitteln imprägniert worden, die dabei verwendeten Öle und Chemikalien waren durch die Decke in das Fresko eingedrungen. Die bunten Darstellungen waren verdunkelt, die Substanz von Farben und Putz zerstört. Entgegen der Prognose gelang die Rettung, die mutigen Finanziers von Bund, Land, Kommune und Bistum wurden für ihren Einsatz belohnt. Die Identifikation der Katholiken mit ihrer Kirche war groß, über den Förderverein „RaSch“ (Rettung alter Schönheit) kam laut Peter Mertens eine Million Euro zusammen.

Und dann der schwarze Samstag im Januar 2016. Brandstiftung, wie sich schnell herausstellte, irgendjemand hatte im Beichtstuhl gezündelt. Die Tätersuche blieb lange erfolglos, erst kürzlich wurde Mertens informiert, dass der Brandstifter ermittelt worden sei. Ein 13-Jähriger soll es angeblich gewesen sein, mehr Informationen hat die Gemeinde nicht.

Pflichtgefühl im Ehrenamt

Seit dem schwarzen Samstag ist die Kirche geschlossen, die Katholiken sind in der „Filialkirche“ St. Bonifatius aufgenommen worden. Außerdem gibt es seit 1978 ein Gemeindezentrum, in dem sie sich treffen können. „Gut, dass wir das haben“, so Mertens. Der Ingenieur im Ruhestand ist „für alle Bausachen“ rund um St. Peter und Paul zuständig. Ein Mann mit Pflichtgefühl im Ehrenamt, aber auch mit Spaß dabei. Es muss ja einer machen. Geld sammeln muss er diesmal nicht, die Versicherung übernimmt die Restaurierungskosten in Höhe von voraussichtlich 550 000 Euro.

An der Gewölbedecke markieren kleine rote Punkte die Stellen, wo Gerhard Hunold noch Arbeit hat. Mit seiner Frau Monika klettert er seit Oktober jeden Morgen über die Leitern des komplett eingerüsteten Kircheninnenraums die 14 Meter nach oben. Für die beiden Restauratoren einer Fachfirma aus Biebergemünd, die als eingespieltes Team seit Jahrzehnten auf den unterschiedlichsten Baustellen arbeiten, ist der Auftrag in St. Peter und Paul ein Meisterstück mehr. „Unser schwierigstes Projekt bisher, eine Herausforderung“, sagt der 64-jährige Gerhard Hunold ganz entspannt mit einem Lächeln. Am Anfang sind sie noch täglich angereist, inzwischen haben sie eine Ferienwohnung vor Ort.

Immerhin, trotz Winterkälte ist es warm unter der Kirchendecke. Mindestens sieben bis zwölf Grad brauchen die Restauratoren für die Feinarbeit. Damit die benutzten Kalkfarben auf wässriger Basis ordentlich austrocknen können. „Wenn das Fresko zu lange nass steht, gibt es Probleme mit Ausblühungen an den Rändern“, so Hunold. Mit feinem Schutzhandschuh und feinem Pinsel ist er gerade mit feinem Strich in der Nähe der Selbstdarstellung des Künstlers Enderle unterwegs. Kleine Fortschritte jeden Tag, die Konturen und das plastische Bild werden deutlicher. Ehefrau Monika pinselt ebenso vorsichtig auf der anderen Seite des Freskos. Auf einer kleinen Stehleiter, den ganzen Tag über Kopf arbeitend. Regelmäßiger Besuch beim Masseur hilft ein bisschen gegen die Nackensteife, das Leben als Restaurator unterm Kirchendach ist nicht kuschelig.

Es geht voran in St. Peter und Paul. An diesem sonnigen Vormittag im späten Januar 2017 liegt schon wieder das weiche Licht, das über die Weinberge im Umfeld in die Kirche strahlt, auf den gereinigten Wänden. Die Apostelfiguren am Altar sind gesäubert, die Malereien auf der Emporenbrüstung wieder im alten Zustand. Noch fehlt der historisch restaurierte Beichtstuhl, von dem das Feuer ausging, noch fehlen die Kirchenbänke mit rund 400 Sitzplätzen im Schiff und auf der Empore, die in Mannheim eingelagert sind. Noch müssen Gerhard und Monika Hunold, an manchen Tagen unterstützt von einer weiteren versierten Restauratorin, einige rote Punkte am Deckenfresko abarbeiten. Aber Peter Mertens ist zuversichtlich, dass der Zeitplan eingehalten werden kann und am Palmsonntag zum ersten Gottesdienst in der neuen alten Kirche auch wieder die Orgel erklingen wird.

„Noch sechs Wochen“, sagt Gerhard Hunold, dann will er fertig sein. Vom Ruß gereinigt die bunten Bilder im Putz, die neuerlichen Ölflecken durch das alte Holzschutzmittel im Putz neutralisiert. In heißen Sommern sickert das Öl unter dem Schieferdach immer noch nach. Noch sechs Wochen akribische Feinarbeit mit viel Fingerspitzengefühl. Es wird ein weiteres Meisterstück der Hunolds, da ist sich Peter Mertens sicher. Ihr letztes, denn die beiden werden nach dem Projekt St. Peter und Paul in den Ruhestand gehen.

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