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Von den Nazis verboten, dann fast vergessen: In der Operette trifft Europas Adel auf Hollywood.

Mainz

Witzige Wechselspiele

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In NS-Deutschland war sie verboten, dann geriet sie fast in Vergessenheit: Das Staatstheater bringt Paul Abrahams Operette „Märchen im Grandhotel“ auf die Bühne.

Viktoria und der Husar“, „Die Blume von Hawaii“, „Ball im Savoy“, diese Titel kennt jeder Operettenfreund, aber „Märchen im Grandhotel“ – nie gehört. Kein Wunder. Auch diese Operette stammt wie die vorgenannten von Paul Abraham. Er schrieb sie aber erst im Exil, nachdem die Nazis ihn aus Deutschland vertrieben hatten, sie wurde 1934 in Wien uraufgeführt. In Deutschland geriet sie völlig in Vergessenheit, erst 2017 gab es eine konzertante Aufführung an der Komischen Oper in Berlin. Im Staatstheater Mainz wird sie nun zum ersten Mal szenisch dargeboten, die Premiere ist am 25. November. Regie führen Peter Jordan und Leonhard Koppelmann, die Produktion entsteht in der Zusammenarbeit von Oper und Schauspiel.

Leonhard Koppelmann ist im Gespräch begeistert vom „Märchen im Grandhotel“, von dem Abwechslungsreichtum der Musik und der sehr witzigen Handlung – beste Voraussetzungen für die Inszenierung. Die Geschichte spielt im Grandhotel „Palace“ in Cannes. Hier will ein Produzent aus Hollywood einen Film mit echten europäischen Adeligen drehen. Einen großen Auftritt hat eine spanische Infantin. Aber auch der Oberkellner des Hotels spielt eine wichtige Rolle. Fast jeder, der auftritt, ist tatsächlich ein anderer, als er zu sein vorgibt. Täuschungsmanöver bestimmen das Spiel der Screwball-Comedy, die sich immer mehr als eine witzige Liebeskomödie erweist.

Auch in der Musik wechseln ständig Ausdruck und Stil. Das reicht von typischen Formen der österreichisch-ungarischen Musiktradition bis Hollywood, von der Operette bis Swing und Jazz, feierte also bewusst all die amerikanischen Musikformen, die die Nazis so verabscheuten und deshalb verboten. Insofern ist „Märchen im Grandhotel“ ein geradezu autobiografisches Stück – denn ungefähr zwischen diesen musikalischen Stilen verlief das Leben von Paul Abraham.

Geboren wurde er 1892 in Österreich-Ungarn als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Er studierte an der Budapester Musikakademie, ab 1927 war er Kapellmeister am Operetten-Theater in der ungarischen Hauptstadt. Seinen ersten großen Erfolg als Komponist hatte er 1930 mit der Uraufführung von „Viktoria und der Husar“. Auch in Deutschland, wohin er bald wechselte, wurde er mit dieser Operette und den folgenden sehr populär.

1933 aber ging er nach Budapest zurück, dort hatten die Nazis zu der Zeit noch wenig Einfluss. Genauer gesagt: er floh. In Deutschland drangen die Nazis in die Filmstudios ein. Paul Abrahams Werke kamen auf den Index, die Einnahmen aus den Aufführungen wurden beschlagnahmt. Der jüdische Komponist wurde geächtet, schließlich vergessen. In Wien konnte er immerhin „Märchen im Grandhotel“ 1934 noch aufführen, sogar mit großem Erfolg, obwohl die Nazis hier schon recht aktiv waren. Paul Abraham dirigierte selbst, die Inszenierung machte der junge Otto Ludwig Preminger – als Otto Preminger später in Hollywood ein erfolgreicher Filmregisseur.

Auch Abraham ging nach Amerika, er kam über Paris und Kuba schließlich nach New York. Dort brach eine Geisteskrankheit bei ihm aus, die er bis zu seinem Tod nicht überwinden konnte. Ein Kenner seines Lebens nannte ihn den „tragischen König der Operette“. In den fünfziger Jahren konnte er nach Deutschland zurückkehren, er lebte in Hamburg, glaubte aber, er sei immer noch in New York. Am 6. Mai 1960 starb er an Krebs. Für das Weiterleben seiner Musik war es wichtig, dass Partituren rekonstruiert werden konnten, und dass zudem auch Originalpartituren wiederentdeckt wurden.

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