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Alfred Tritschler, „Graf Zeppelin“, 1928.

Fotografien

Neu gesehen: Ausstellung in Wetzlar zeigt Bilder von Paul Wolff

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Im Jahr 1900 bekam Paul Wolff seine erste Kamera geschenkt – rund 500.000 Aufnahmen des Fotografen und seines Frankfurter Ateliers sind heute erhalten. Einige zählen zu den besten und bekanntesten des 20. Jahrhunderts.

Wer sich mit der Fotografie der 1920er und 1930er Jahre beschäftigt, stößt zwangsläufig auf große Namen wie August Sander oder Albert Renger-Patzsch, deren berühmte Bilder heute in allen großen Museen der Moderne zu finden sind und bei Auktionen extrem hohe Preise erzielen. Zu den ganz großen Fotografen des 20. Jahrhunderts zählen aber auch der Frankfurter Paul Wolff, ein promovierter Mediziner, und sein Mitarbeiter Alfred Tritschler. Selbst wenn beide nicht so bekannt sein mögen wie Renger-Patzsch oder Sander, so finden sich ihre Fotografien doch ebenfalls im Getty-Museum in Los Angeles und weiteren internationalen Sammlungen.

Jetzt widmet sich erstmals eine umfassende Retrospektive dem riesigen Werk der beiden. Rund 500 000 Negative sind erhalten, und das Oeuvre war einst sogar noch deutlich größer: Die älteren Plattennegative wurden 1944 bei einem Bombenangriff im Atelier in der Miquelallee 5 zerstört. Konzipiert hat „Dr. Paul Wolff & Tritschler. Licht und Schatten – Fotografien 1920 bis 1950“ der Fotografie-Experte und Kurator Hans-Michael Koetzle für das neue Ernst-Leitz-Museum in Wetzlar. Das Museum für Fotografie und Fototechnik eröffnet offiziell mit dieser Ausstellung. Wolff gilt als einer der Pioniere der legendären Leica.

Wetzlarer Schau passt perfekt ins Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019

Die FR verlost 10 x 2 Eintrittskarten für die Paul-Wolff-Ausstellung im Ernst-Leitz-Museum in Wetzlar. Wer gewinnen möchte, bewirbt sich bis 5. Juli, 10 Uhr, mit dem Losungswort, das Sie in der Printausgabe vom 2. Juli finden unter https://fr.de/gewinnspiel. Die Eintrittskarten werden auf die Namen der Gewinner im Museum hinterlegt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Nur die Gewinner werden informiert. sib

Er habe, so erzählte er selbst gerne, die Kamera 1926 bei der „Deutschen Photographischen Ausstellung in Frankfurt a. M.“ gewonnen. Tatsächlich begeisterte ihn aber wohl erst sein Assistent Tritschler, der 1927 mit nur 22 Jahren im Atelier Wolffs in Frankfurt anheuerte, für die neue Kameratechnik, berichtet Koetzle. „Wolff hatte seine Leica schon ein Jahr, aber begann offenbar erst dann, damit zu experimentieren. Tritschler war der Dynamischere, der Mutigere.“ Man könne das in einzelnen Fotoreportagen Tritschlers, etwa vom Zeppelinflug nach Rio de Janeiro oder von den kanarischen Inseln, deutlich erkennen. 1937 wurde dieser schließlich Teilhaber von Wolffs Firma.

Das Atelier produzierte Bildbände vom alten Frankfurt, zeigte Technik- oder Urlaubsreportagen, etwa für die bekannte „Frankfurter Illustrierte“ und schuf auch Werbung. In den 1920er und 1930er Jahren war Wolff bei zahllosen internationalen Fotografieausstellungen vertreten. „In Japan war er neben Renger-Patzsch und László Moholy-Nagy in den 30er Jahren wohl der bekannteste Fotograf überhaupt. Das waren Götter“, sagt Kurator Koetzle.

Die Wetzlarer Schau passt perfekt ins Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019, auch wenn beide nicht am Bauhaus waren: Wolffs und Tritschlers Fotografien, vor allem ihre Architektur- und Industriebilder, atmen den Geist und die Ästhetik der 1920er Jahre, sind sorgfältig komponiert, technisch meisterhaft und verblüffend modern. „Man merkt den Fotografien an, dass sie handwerklich souverän sind und dass der Fotograf bei jedem Bild nachdenkt, bevor er auslöst. Das kann man besonders deutlich an den Kontaktstreifen sehen“, sagt Koetzle. „Das ist ganz anders als heute im digitalen Zeitalter. Das waren keine Schnappschüsse, auch wenn es manchmal so scheint. Das geht bis in die Kleidung. Für sein Foto vom Wiesbadener Opelbad hat er sogar die Damenkleidung mit Streifen ausgewählt, weil das zu seiner Ästhetik passte.“

Frühes Farbfoto von Paul Wolff: Frankfurt nach den Luftangriffen vom März 1944.

Den Kurator, der intensiv zu dem Werk von Wolff und Tritschler recherchiert und den über die ganze Welt verstreuten Nachlass erforscht hat, begeistert der „gestalterische Impuls“ der Fotografien, die „große Leichtigkeit“. Vielleicht habe die Kunstgeschichte bisher einen Bogen um sei gemacht, weil die Bilder so unterschiedlich seien, vermutet Koetzle. Da sind die atemberaubenden Bilder der Frankfurter Großmarkthalle oder der neuen Siedlungen Ernst Mays, aber dann auch wieder biedere Ansichten von Schwarzwaldhäusern und blühenden Obstbäumen. „Seine Bilder atmen eine große Leichtigkeit. Paul Wolff war kein Chronist der Misere. Er hat eine Traumwelt gestaltet“, sagt Koetzle. „Nicht zufällig wurden sie oft für Kalender verwendet.“ Die Ästhetik scheint zeitlos, so wurden Bilder der 30er Jahre auch noch 20 Jahre später für Zeitschriften verwendet.

Kurator spart die NS-Zeit nicht aus

Kurator Koetzle spart die NS-Zeit nicht aus, in der Paul Wolff lukrative offizielle Aufträge erhielt, aber auch eine Fotoserie über die „Frankfurter Zeitung“ kurz vor ihrer Schließung durch das NS-Regime schuf oder das kriegszerstörte Frankfurt zeigte.

Wolff benutzte dazu auch schon Agfa-Farbfilme, seine Bilder haben dadurch eine erstaunliche Präsenz und sind nicht nur historische Dokumente. „Bis in die 80er Jahre wurde seine NS-Zeit ignoriert, dann galt er als Propagandist“, sagt Koetzle. „Er war aber nie Mitglied in der NSDAP und tatsächlich unpolitisch. Jeder Fotograf, der nicht emigrierte, geriet ins Räderwerk, selbst ehemalige Bauhäusler.“

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