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„Partner und kein Besserwisser sein“

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Von: Andreas Groth

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Elisabeth Amon in ihrem Büro in der Lohgasse.
Elisabeth Amon in ihrem Büro in der Lohgasse. © Monika Müller

Die Leiterin des Johanniter-Stifts in Karben, Elisabeth Amon, spricht im FR-Interview über gute Pflege und künftige Herausforderungen.

Elisabeth Amon (50) leitet seit Juni das Johanniter-Stift mit 105 Plätzen für die stationäre Pflege und 13 Wohnungen für betreutes Wohnen. 70 Mitarbeiter hat das Stift. Zuvor war Amon stellvertretende Leiterin von Schloss Meerholz, eines Pflegeheims der Inneren Mission. Amon stammt aus der Fränkischen Schweiz und lebt mit ihrem Ehemann seit vielen Jahren in Frankfurt. Sie verbrachte mehrere Jahre in Paris. Außer der Ausbildung zur Krankenschwester hat sie ein Soziologiestudium absolviert und einen Master im Sozial- und Gesundheitsmanagement.

Frau Amon, in einem Zeitungsinterview haben Sie gesagt, Sie hätten sich für das Johanniter-Stift in Karben entschieden, weil es in Einrichtungen kirchlicher Träger nicht diesen „knallharten ökonomischen Druck“ gebe. Im Johanniter-Stift gibt es also keinen ökonomischen Druck?
Natürlich haben auch wir begrenzte Ressourcen. Aber es ist ein Unterschied, ob ich eine hohe Rendite zu erbringen habe oder einen soliden Abschluss erstellen muss. Eine Rendite zu erwirtschaften geht nur, wenn die Personalkosten nicht so hoch sind. Das Personal macht zwei Drittel der Kosten aus. Dabei sind Pflegeberufe ohnehin nicht so toll bezahlt. Selbstverständlich gibt es aber auch viele seriöse private Träger.

Haben Sie genügend Personal?
Ja, alle Stellen sind besetzt. Und was mir sehr wichtig ist: Wir bilden aus. Aktuell haben wir 16 Azubis. Intention ist es, die Azubis später im Haus zu behalten. Vom 1. November an werden wir zudem zwei Azubis aus Vietnam haben. Das ist ein gemeinsames Projekt mit dem Main-Institut Wiesbaden, einer Altenpflegeschule. Die Vietnamesinnen kommen hierher, lernen die Sprache und absolvieren die dreijährige Ausbildung. Wir nehmen gerne Quereinsteiger und ältere Auszubildende, zum Beispiel Mütter, die nach einer Erziehungszeit noch mal durchstarten möchten. Gerade für die Altenpflege ist es wichtig, auch Mitarbeiter zu haben, die Lebenserfahrung mitbringen.

Was macht für Sie moderne Pflege in einer Altenpflegeeinrichtung aus?
Sie muss sich am aktuellen pflegewissenschaftlichen Stand orientieren. In nächster Zeit wird uns die Umstellung des Dokumentationssystems beschäftigen. Bis jetzt müssen Pflegekräfte oft sehr viele Dokumente im Umgang mit den Bewohnern ausfüllen. Darüber beklagen sich die Pflegekräfte. Der Gesetzgeber hat erkannt, dass dadurch Zeit für den Bewohner verloren geht, und die Entbürokratisierung der Pflege beschlossen. Die Dokumentation der Pflege wird nicht mehr so umfangreich sein. Die wesentlichen Informationen, die ich brauche, bleiben aber erhalten.

Und was bedeutet moderne Pflege für Sie in der Praxis?
Es kommt auf die Haltung jeder einzelnen Pflegekraft an. Gegenüber den anvertrauten Menschen sollten sich die Mitarbeiter nicht als Besserwisser sehen, sondern als Partner des Bewohners und der Angehörigen. Man muss als Pflegekraft auch akzeptieren, wenn eine Empfehlung nicht befolgt wird. Natürlich muss man darüber mit den Angehörigen und dem Arzt sprechen. Aber man sollte niemanden bevormunden.

Das muss man bestimmt dem einen oder anderen Mitarbeiter klarmachen.
Ja, aber dadurch, dass das Haus erst fünf Jahre alt wird, heißt es noch nicht: Das machen wir schon seit Jahrzehnten so. Wir müssen aber aufpassen, dass wir nicht an diesen Punkt kommen. Sie müssen vier bis fünf Jahre rechnen, bis ein Haus wie unseres richtig läuft.

Was sind in nächster Zeit die Herausforderungen für Ihr Haus?
Das Pflegestärkungsgesetz soll 2017 in Kraft treten. Damit werden Menschen mit demenziellen Erkrankungen stärker berücksichtigt. Aus den bisherigen drei Pflegestufen werden fünf Pflegegrade. Entscheidend bei der Einschätzung der Pflegebedürftigkeit ist, inwieweit der Betroffene seinen Alltag selbstständig meistern kann. Ziel der Politik ist es zudem, die ambulante Versorgung bevorzugt zu fördern. So steigen für die häusliche Pflege die Pflegegeldbeträge und die Sachleistungen, während sich in der stationären Pflege die Leistungen für die Grade zwei und drei verringern. Ab 2017 gibt es für Bewohner der Pflegegrade zwei bis fünf einen einheitlichen Eigenanteil. Wer jetzt schon gepflegt wird, ist nicht davon betroffen.

Was bedeutet das für Ihre Einrichtung?
Man wird abwarten müssen, wie sich das in der Praxis auswirkt. Das kann noch niemand sagen. Wird sich die Bewohnerstruktur verändern? Erhalten wir nur noch die schweren Pflegefälle? Ich könnte mir für das Johanniter-Stift auch vorstellen, dass wir stärker die palliative Versorgung in den Blick nehmen. Wir sind ein kirchliches Haus, und das soll nicht nur ein Lippenbekenntnis sein. Der Umgang mit Tod und Sterben kann uns von anderen Trägern abgrenzen. Man sollte über diese Themen früh genug sprechen.

Für wie seniorenfreundlich halten Sie Karben?
Es gibt hier ein breites Betreuungs- und Beratungsangebot in der Stadt. Die jüngeren Senioren fordern ein entsprechendes Angebot auch selbstbewusst ein. Was die Infrastruktur betrifft, so lässt der Bahnhof Groß-Karben zu wünschen übrig. Nur ein Gleis ist barrierefrei zu erreichen. Eine kürzere Distanz zur nächsten Bushaltestelle vom Stift aus wird wohl Wunschdenken bleiben.

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