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Susanne Hufmann und Günter Könitzer haben für die Renaturierung des Ruhlsees gekämpft.

Renaturierung des Ruhlsees

Langenselbold: Paradies für Störche und seltene Enten

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Die vor zehn Jahren begonnene Renaturierung des Ruhlsees bei Langenselbold ist eine Erfolgsgeschichte.

Der Wind wiegt langsam das Schilf und die hohen Wiesen. Auf einer kleinen Insel im Ruhlsee haben es sich Kormorane und Silberreiher gemütlich gemacht und recken und drehen ihre langen Hälse, als wollten sie die Umgebung bestaunen. Das Grün der Auen und des feuchten Eichen-Hainbuchenwaldes nebenan ist satt, Wildblumen blühen. Am Ufer kann man an Holzstämmen Biberspuren finden und einen Vogelchor hören, in dem unter anderem Kuckuck und Teichrohrsänger so laut trällern, dass sie das Rauschen der A66 vergessen machen.

„Wenn Scharen von Graugänsen herkommen und alle rufen, bekommt man eine Gänsehaut“, sagt Biologin Susanne Hufmann und lächelt. „In diesem Jahr hatten wir zwei Kiebitzbruten. Krick- und Schellenten, Gänse, Möwen, Störche, Haubentaucher kommen her. Auch der Fischadler ist ab und zu Gast“, fügt Günter Könitzer an. Darüber freuen sie sich immer wieder aufs Neue.

Hufmann, Könitzer und ihrer gemeinnützigen Gesellschaft für Naturschutz und Auenentwicklung (GNA) ist es zu verdanken, dass am und im Ruhlsee ein Naturparadies entstanden ist. Sie und ihre Mitstreiter haben die Renaturierung, die vor zehn Jahren begann, vorangetrieben. Früher war die Kinzigaue eine Wiesenlandschaft. Für den Bau der A45 in den 70er Jahren wurde viel Bodenmaterial ausgehoben. So entstanden der Ruhlsee und der benachbarte Kinzigsee, den Schwimmer und Surfer nutzen.

In den ersten Jahren war der künstlich angelegte Ruhlsee wahrlich kein Paradies, auch nicht für die vielen Vögel, die die traditionelle Route durch das Kinzigtal nahmen. „Der Ruhlsee war steril“, erklärt Könitzer. Zwei Gründe: Der 17 Hektar große See war überall sehr tief, teils mehr als elf Meter. Es mangelte an Flachwasserbereichen sowie Schilfzonen – und damit an Rast-, Lebens- und Bruträumen. Die steilen Ufer verhinderten, dass Pflanzen am Boden und an den Rändern des Sees wachsen konnten. Dadurch war auch die Selbstreinigungskraft stark eingeschränkt. Und über einen nahen Asphaltweg fuhren nicht nur Fahrräder, sondern donnerten auch Motorräder.

Die Renaturierung begann 2009. Dafür wurden zum Beispiel circa 100 000 Kubikmeter Kies und Sand aufgeschüttet, um flache Ufer und Flachwasserzonen zu schaffen, sodass sich Schilf- und Röhrichtsäume sowie Wasserpflanzen entwickeln konnten. Neben dem See wurde ein Wassergraben angelegt, der auch als Schutz dient. Außerdem verbindet ein sogenannter Quelltopf den Ruhlsee mit der Kinzig und lässt Wasser hineinfließen.

Weg zur Renaturierung war lang

Der Weg zur Renaturierung war lang und mitunter steinig. Könitzer spricht von „etwa 15 Jahren Vorlauf“. Die unzähligen, manchmal hitzigen Gespräche, Ortstermine und Schriftwechsel mit Behörden, Kommunalpolitikern, Bürgern und Vereinen vor und nach 2009 waren ein Kraftakt. Ebenso wie das Sammeln von Fördermitteln. Ungefähr 2,2 Millionen Euro wurden in den See investiert, schätzt Hufmann. Einen Teil davon finanzierte der Vorgänger der Verkehrsbehörde Hessen Mobil, der zu Ausgleichsprojekten verpflichtet war, den Rest steuerten unter anderem die Stadt Langenselbold, der Main-Kinzig-Kreis, der Bund, die Europäische Union und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt bei.

Ein Biotop, dem keinerlei Gefahr droht, ist der Ruhlsee nicht. „Die Wiesen müssen beruhigt werden“, mahnt Hufmann. Viele lassen ihre Hunde frei laufen, das ist gerade im Frühjahr und Herbst verheerend. Dann, wenn Vögel, die Tausende von Kilometern zurücklegen, in Ruhe rasten wollen, was für sie überlebenswichtig ist. Als Fluchttiere suchen sie bei Hunden sofort das Weite – und verlieren viel dringend benötigte Energie. Die GNA hofft, dass die Behörden dem Problem stärker entgegenwirken und alle die Leinenpflicht einhalten. Genauso wie das Verbot, Müll in die Kinzig zu werfen. Manches davon landet schließlich im Ruhlsee.

Hufmann und Könitzer werden sich weiterhin für das wohl größte Projekt der GNA einsetzen. Auch „weil es im Main-Kinzig-Kreis nur ganz wenige geeignete Rastplätze für Zugvögel gibt“, sagt Könitzer. Er engagiert sich seit rund 60 Jahren für die Natur. „Manchmal ist es frustrierend, wenn man sieht, wie viel im Laufe der Jahre zerstört und zugebaut wurde.“ Doch wenn er sehe, wie sich der Ruhlsee und andere Projekte entwickelt haben, schöpfe er neue Energie. Ähnlich geht es Susanne Hufmann. Naturschutz sei oft harte Arbeit und mit viel Klinkenputzen verbunden, aber es lohne sich. Es gebe kaum etwas Wichtigeres, als „die Artenvielfalt zu erhalten“.

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