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Vom Balkon seiner Dienstvilla in Plaszow schoss Kommandant Amon Göth auf Häftlinge des KZ.

Drittes Reich Nazis

Mein Großvater, der Massenmörder

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Ihr Vater ist Nigerianer, die Mutter Deutsche und sie selbst hat lange in Israel gelebt. Mit Ende 30 erfährt Jennifer Teege durch Zufall, wer ihr Großvater war: der brutale KZ-Kommandant Amon Göth. In Frankfurt liest sie aus ihrer Familiengeschichte.

Sie hat lange gebraucht, ehe sie es ihren Freunden in Israel sagen konnte. Ehe sie überhaupt den Mut fand, wieder mit ihnen zu sprechen. Schließlich schreibt Jennifer Teege ihnen eine lange Mail. Und fährt einige Zeit später nach Tel Aviv. „Als ich vor über 20 Jahren hierherkam, um meine Freundin Noa zu besuchen, war ich jung, neugierig und unbelastet. Zurück kehre ich nun als die Enkelin von Amon Göth.“

Amon Göth, Kommandant des Konzentrationslagers im polnischen Plaszow, hat sich Menschen weltweit mit den Gesichtszügen des Schauspielers Ralph Fiennes ins Gedächtnis gebrannt: In Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ hatte dieser den sadistischen Nazi verkörpert, der seine Hunde auf Menschen abrichtete und vom Balkon seiner Villa aus Häftlinge im Konzentrationslager erschoss.

Jennifer Teege aber, Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers, geboren 1970, wusste lange nicht, wie nahe sie dem Massenmörder Göth war. Aufgewachsen bei Adoptiveltern hatte Teege als Kind ihren Nachnamen gewechselt. Erst im Alter von 38 Jahren fiel der in Hamburg lebenden Werbetexterin dann durch Zufall ein Buch in die Hand, das ihr Leben in seinen Grundfesten erschütterte: „Ich muss doch meinen Vater lieben, oder? Die Lebensgeschichte von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus ‚Schindlers Liste‘“. Monika Göth, das ist der Name ihrer leiblichen Mutter.

Wie Jennifer Teege als schwarze Frau, die vier Jahre in Israel gelebt hatte, mit der plötzlichen Entdeckung ihrer Verwandtschaft zu einem brutalen Nazi umgeht, das hat sie in ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Autobiografie „Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen“ gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair aufgeschrieben. Denn die großgewachsene, scheinbar selbstbewusste Frau wurde durch die Entdeckung dieses dunklen Familiengeheimnisses völlig aus der Bahn geworfen. Im Spiegel sucht sie nach Spuren von Göths Gesichts in ihrem, fängt an, ihre familiären und freundschaftlichen Bindungen zu hinterfragen, ihren Lebensweg, ihre Identität.

„Mein Großvater war ein Psychopath, ein Sadist. Er verkörpert all das, was ich ablehne: Was muss das für ein Mensch sein, dem es Freude macht, andere Menschen möglichst einfallsreich zu quälen und zu töten?“

Doch wie Göth so wurde, wie er ist, darauf wird Jennifer Teege keine Antwort finden. Wohl aber auf die Frage, wie sie selbst mit ihrer Familiengeschichte umgehen kann. Sie recherchiert, liest alles, was sie über Göth in die Finger kriegen kann und über den Unternehmer Oskar Schindler, den Saufkumpan und Gegenspieler Göths, der mit seiner berühmt gewordenen Liste etwa 1200 bei ihm angestellten jüdischen Zwangsarbeitern das Leben rettete. Sie fährt ins Lager Plaszow und sucht das Gespräch mit ihrer leiblichen Mutter.

Teege beschreibt ihren Großvater und seine grausamen Taten, seinen Alltag zwischen rauschenden Festen und seinen unberechenbaren Angriffen auf Häftlinge. Denn: „Ich kann die Geschichte meines Großvaters nicht einfach in eine Schublade packen, sie zumachen und sagen: Es ist vorbei, es betrifft mich nicht mehr. Das wäre ein Verrat an den Opfern.“ Und sie schreibt über die ambivalenten Gefühle für ihre geliebte Großmutter Ruth Irene Kalder, die das Bett teilte mit dem Mann, der für den Tod Tausender Menschen verantwortlich war, vor dessen Taten jedoch die Augen verschloss. „Meine Großmutter war mitten drin. Die Villa war klein, das Lager nicht weit.“

Freundschaft ist möglich

Teeges Buch gerät so trotz aller Fakten vor allem zu einem sehr persönlichen Umgang mit der eigenen Familiengeschichte. Sie spricht offen über ihre Depressionen und die Ängste, sich anderen zu offenbaren. Sie erzählt vom Aufwachsen als Adoptivkind, von Liebesgeschichten und ihrem Studium in Israel. Anekdoten, die scheinbar weit weg sind vom Schatten des Großvaters, die sich aber in der Gesamtschau einordnen in den reflektierten Umgang Teeges mit ihrer eigenen Biografie. Eine Form der Aufarbeitung, die in vielen Familien nicht oder erst spät stattgefunden hat.

Drei Jahre nach ihrer Entdeckung in einer Hamburger Bibliothek steht Jennifer Teege vor einer israelischen Schülergruppe im Konzentrationslager Plaszow und erzählt den Jugendlichen von sich und ihrem Großvater. „Ich habe mir für diesen Tag nichts vorgenommen. Ich weiß nur, was ich nicht will: Wissen vermitteln. Dafür sind Lehrer und Professoren zuständig.“ Jennifer Teege spricht darüber, was es heißt, Enkelin eines Täters zu sein. Und darüber, dass heute auch Freundschaft zwischen den Nachkommen der Täter und der Opfer möglich ist.

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