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Die Radierung "Der Wind" von 1913 aus der Ilsebill-Folge entstand für das Märchen "Vom Fischer un syner Fru" für den Insel-Verlag.

Offenbach

Meister des kleinen Formats mit Liebe zum Detail

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In einer Ausstellung im Klingspor-Museum ist der Grafiker, Buchillustrator und Zeichner Marcus Behmer wiederzuentdecken.

Marcus Behmer gilt als einer der bedeutendsten Grafiker und Buchgestalter zu Anfang des 20. Jahrhunderts. 1903 wurde er in jungen Jahren mit seinen Illustrationen zu Oscar Wildes „Salome“ schlagartig berühmt. Der Künstler-Bohemien war eine schillernde Persönlichkeit, die sich schon früh für die Rechte der Homosexuellen einsetzte.

Die Nazis setzten seiner Karriere ein Ende, 1936 wurde er wegen homosexueller Handlungen verhaftet und nach fast zwei Jahren im Gefängnis mit Berufsverbot belegt. Verarmt und nahezu vergessen starb er 1958 in Berlin. Anlässlich Behmers 60. Todestag widmet das Klingspor-Museum ihm seine Sommer-Ausstellung. Sie wird am Mittwoch, 11. Juli, um 19 Uhr eröffnet. Bereits um 17.30 Uhr führt der Galerist Daniel Buchholz durch die opulente Schau, die Lust darauf machen will, einen großen Künstler neu zu entdecken.

Behmer war als Künstler Autodidakt. 1879 in Weimar als Sohn eines Kunstmalers geboren, bekam er während der ungeliebten Ausbildung zum Dekorationsmaler in München Anschluss an Künstlerkreise und wurde Mitarbeiter der Zeitschriften „Simplicissimus“ und „Die Insel“. Er verkehrte im „Insel“-Kreis und später im Umfeld des elitären George-Kreises.

1900 reiste er nach Paris und traf dort Oscar Wilde, der wegen seiner Liebe zu einem Mann zu harter Zwangsarbeit verurteilt worden war. Behmer beteiligte sich an der Wiener Secession und ließ sich schließlich in Berlin nieder, wo ihm mit seinen Illustrationen zur „Salome“ der künstlerische Durchbruch gelang.

Er bewies Courage, als er 1903 die von Magnus Hirschfeld gegründete schwule Befreiungsbewegung mit seinem vollen Namen unterstützte.
Auch wenn Behmer zunächst vom großen Jugendstil-Protagonisten Aubrey Beardsley künstlerisch beeinflusst war, entwickelte er rasch einen eigenen Stil: detailreich, oft mit ironischen Anspielungen. Sein filigraner zeichnerischer Kosmos ist schrullig und doch elegant mit vielen Anspielungen auf Literatur und Musik.

Tiere spielten eine große Rolle für ihn, mit ihnen vollzog er den Übergang zum Grotesken und zum Surrealismus. Mit dem Aufkommen des Faschismus wandelten sich die einst possierlichen Tiere zu bedrohlichen Geschöpfen. Sein Markenzeichen wurde der Delphin, der in immer neuen Variationen im Werk auftauchte und häufig Züge des Künstlers trug. 

Behmers Vorliebe galt dem kleinen Format, dabei zeigen seine miniaturhaften Illustrationen eine überbordende Erzählfreude. Damit Ausstellungsbesucher sich ein Bild von seiner immensen Akribie machen können, stellt das Museum Lupen zur Verfügung. Das hohe Niveau seines künstlerischen Werks beweist der Umstand, dass seine im Insel-Verlag erschienen Illustrationen zu „Salome“ und Philipp Otto Runges Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“ auch mehr als 100 Jahre nach ihrem Erscheinen immer wieder neu aufgelegt wurden.

Neben seinem großen illustrativen Werk arbeitete Behmer auch als Buchgestalter und Schriftkünstler. Für eine hebräische Bibel der Soncino-Gesellschaft entwarf er eine neue hebräische Drucktype.

Die Ausstellung präsentiert Arbeiten Bremers aus allen Schaffensperioden. Dazu gehören seine Grafiken, deren Schwerpunkt die Radierung bildet. Daneben entstanden Holzschnitte und Lithographien und auch homoerotische Zeichnungen. Zu sehen sind zahlreiche Originale, darunter auch Arbeiten aus der nicht realisierten erotischen Satire des Römers Petronius der Cranach-Presse. Ergänzt wurde die Schau um Leihgaben aus Privatbesitz. Das Klingspor-Museum verfügt über eine der umfangreichsten Sammlungen der Werke Behmers. Die Sammlung geht auf den Typographen Karl Klingspor zurück, den Behmer 1919 kennengelernt hatte, als die Offenbacher Schriftgießerei seine Antiqua für das Buch „Ecclesiastes oder der Prediger Salomo“ schnitt. Der freundschaftliche Kontakt, der sich daraus ergab, sei durch viele Briefe belegt, sagte Museumsleiter Stefan Soltek. Er erinnerte daran, dass sich 2018 auch der 150. Geburtstag von Karl Klingspor jährt.

Behmer hatte Klingspor zu dessen 70. Geburtstag im Jahr 1938 die Radierungen zum „Fischer und seiner Frau“ koloriert und geschenkt. Diese und eine weitere Serie der Folge von Behmers Malerfreund Alexander Olbricht werden in Offenbach erstmals gleichzeitig ausgestellt. 
Die Recherchen zu der Ausstellung haben eine weitere, von Behmer kolorierte Radierung der „Ilsebill“-Folge zutage gebracht. Sie war im Nachlass von Behmers Freund Josua Leander Gampp in einer bisher übersehenen Mappe entdeckt worden. Gampps Enkelin erwies sich wie schon ihre Eltern, die dem Klingspor-Museum ihre Behmer-Sammlung geschenkt hatten, als großzügig. Sie überließ das Blatt dem Museum.

„Delphine in Offenbach“      lautet der Titel des Katalogs zur Ausstellung mit Beiträgen des Kurators Peter Christian Hall zu Leben und Werk Behmers. Der Band hat etwa 450 Seiten und ist wegen ungeklärter Bildrechte nur gegen eine Spende erhältlich.

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