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Konnte die SPD nicht zurück an die Regierung bringen: Thorsten Schäfer-Gümbel (links Tarek Al-Wazir und Volker Bouffier).

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Der Oppositionschef geht – vorerst

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Heute verlässt Thorsten Schäfer-Gümbel den Landtag. Der SPD-Mann hat noch eine große Aufgabe in Berlin – und schließt eine Rückkehr in die Politik nicht aus.

Als Barack Obama ins Amt des US-Präsidenten eingeführt wurde, stand Thorsten Schäfer-Gümbel schon seit einigen Wochen an der Spitze der hessischen SPD-Fraktion. Spaßvögel bastelten damals ein Plakat nach dem Vorbild des charismatischen Amerikaners, das Schäfer-Gümbel mit dem Wort „Hope“ zeigte, „Hoffnung“.

Mehr als zehn Jahre später und über zwei Jahre nach Obamas Ausscheiden gibt der Hesse, den sie TSG nennen, sein Amt auf. Die damals ironisch beschworene Hoffnung seiner Partei hat sich nicht erfüllt. Schäfer-Gümbel hat die SPD im einst „roten Hessen“ nicht in die Landesregierung zurückführen können.

Vielleicht hätte es sogar geklappt, wenn nicht diese vermaledeiten 66 Stimmen bei der Landtagswahl 2018 gefehlt hätten. Um diesen Hauch lag die SPD hinter den Grünen. Damit war klar, dass die rechnerisch denkbare Ampelregierung nur mit einem grünen Ministerpräsidenten Tarek Al-Wazir möglich geworden wäre. Dafür stand die FDP nicht zur Verfügung. „Ich habe eine erfüllende Aufgabe, die aber unvollendet ist“, sagte Schäfer-Gümbel anschließend im FR-Interview. „Mein Ziel war, als Ministerpräsident das Land zu verändern.“

Wie er das tun wollte, hat der Sozialdemokrat in einem ungewöhnlichen, persönlichen Wahlprogramm aufgeschrieben, mit dem er das offizielle SPD-Wahlprogramm ergänzte. Als Namen wählte er „Hessenplan plus“, orientiert am „Hessenplan“ des legendären SPD-Ministerpräsidenten Georg August Zinn. Dessen Satz „Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sondern eine Lebensform“ hat Schäfer-Gümbel zu seiner Maxime erklärt.

Es passt, dass Thorsten Schäfer-Gümbel am Dienstag in einer Bildungsdebatte Abschied nimmt von der hessischen Landespolitik. Aber der scheidende SPD-Fraktionsvorsitzende hätte, wenn es nach ihm gegangen wäre, ganz sicher einen anderen Titel gewählt als Kultusminister Alexander Lorz (CDU), der über „Wertevermittlung, Digitalisierung und Förderung der Bildungssprache Deutsch“ reden will.

Schäfer-Gümbel geht es stets darum, „unser Bildungssystem gerechter und offener zu machen, damit Bildungschancen nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen“. Der Politologe aus dem mittelhessischen Lich ist an diesem Punkt unbeirrbar – aus eigener Erfahrung. Der 49-jährige Sozialdemokrat wurde in der Gießener Nordstadt in kleinen Verhältnissen groß, der Vater fuhr Lastwagen, die Mutter ging putzen. Abitur war für ihn eigentlich nicht vorgesehen. „Aber ich hatte Glück: Mein Realschullehrer hatte mich für das Gymnasium vorgeschlagen“, berichtet Schäfer-Gümbel. Seine beiden Brüder lernten Handwerksberufe, die Schwester wurde Bürokauffrau – und Thorsten durfte Abi machen und studieren. Diese Erfahrung hat ihn geprägt.

Am Dienstag enden mehr als 16 Jahre im Landtag, davon fast elf an der Spitze der SPD-Fraktion. So lange hat niemand vor Schäfer-Gümbel dieses Amt bekleidet. Nun beginnt der Politikwissenschaftler eine neue berufliche Karriere als Arbeitsdirektor bei der staatlichen Entwicklungshilfeorganisation GIZ in Eschborn. Dort soll er laut Medienberichten 200 000 Euro pro Jahr verdienen. Von der politischen Gegenseite gab es stellenweise Kritik, weil er als Ex-Politiker in eine solch lukrative Position in einem staatlichen Unternehmen wechselt.

Der Mittelhesse gilt als enorm fleißiger Macher

Das Ende seiner Politikkarriere ist damit noch nicht gekommen. Überraschend ist der Hesse für einige Monate in die Fußstapfen von Willy Brandt und anderen Parteigrößen getreten, als kommissarischer Vorsitzender der Bundes-SPD. Bis zum Bundesparteitag im Dezember soll er gemeinsam mit Malu Dreyer und Manuela Schwesig die Partei aus der Krise führen. Dabei trägt das Verfahren, mit dem neue Vorsitzende für die Partei gesucht werden, die Handschrift von TSG. Einerseits basisnah, demokratisch, gerecht, andererseits auch bürokratisch, verkopft, umständlich. Darüber stöhnen nicht wenige Genossen.

Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn Andrea Nahles früher ihren Rücktritt eingereicht hätte. Womöglich wäre TSG selbst als Vorsitzender der Bundespartei durchgestartet. Aber da waren seine Entscheidungen für den Berufswechsel schon gefallen.

Das muss aber nicht für immer gelten. Im Fernsehinterview des Hessischen Rundfunks antwortete Schäfer-Gümbel auf die Frage nach einer möglichen Rückkehr: „‚Sag niemals nie‘, ist nicht nur das Motto eines schönen Bond-Films, sondern auch für das gesamte Leben.“

Der Mittelhesse mit der dicken Brille gilt als enorm fleißiger, detailversessener Macher. Dabei hat er viele, manchmal zu viele Aufgaben wahrgenommen: als Landtagsabgeordneter für Mittelhessen und als Asien-Beauftragter der Bundes-SPD, als Leiter der Parteikommission zur Wiedereinführung der Vermögenssteuer und als Buchautor zum digitalen Wandel, als Wiederaufbau-Helfer der hessischen SPD nach der gescheiterten Wahl von Andrea Ypsilanti und nicht zuletzt als Oppositionsführer im Landtag.

Seit er vor einem halben Jahr seinen Abgang aus der Landespolitik verkündet hatte, hat sich Schäfer-Gümbel rar gemacht auf dem Wiesbadener Parkett. Neben zahlreichen Sitzungen im Willy-Brandt-Haus hat TSG sein ohnehin solides Englisch in einem Intensivkurs auf Verhandlungsniveau herausgeputzt. Der Frühaufsteher aus Lich ist immer gut vorbereitet gewesen – und das will er auch sein, wenn er am 1. Oktober seinen neuen Posten bei der GIZ antritt. Es ist, kein Zufall, sein 50. Geburtstag. Das richtige Alter, wie Schäfer-Gümbel findet, um noch mal etwas Neues anzufangen.

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