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Hanau-Ausschuss: Polizei räumt „Informationsdilemma“ ein

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Von: Yvonne Backhaus-Arnold

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Gedenkfeier in Hanau mit Bundespräsident
Eine Teilnehmerin hält ein Plakat „niemals vergessen#Hanau“ auf einer Gedenkkundgebung (Archivfoto). © Andreas Arnold/dpa

Im Hanau-Ausschuss kommen neue Details ans Licht. Ein ehemaliger Beamter hat Verständnis für die öffentliche Kritik.

Hanau –Informationsdilemma nennt der Kriminaloberrat die Situation, in der sich die Kontaktbeamten nach dem rassistisch-motivierten Attentat vom 19. Februar 2020 befunden haben. Der 62-Jährige, der seit einigen Monaten im Ruhestand ist, war seinerzeit Leiter des Stabsbereichs Prävention, zu dem auch der polizeiliche Opferschutz gehört.

Drei Teams mit je drei Beamten waren den Angehörigen der Opfer ab dem 20. Februar zugeteilt, „um da zu sein“, wie der Kriminaloberrat gestern vor dem Untersuchungsausschuss aussagte. Die erste Kontaktaufnahme erfolgte telefonisch, später gab es – wenn gewünscht – persönliche Treffen.

Das Dilemma? Die Ermittlungen seien da noch auf Hochtouren gelaufen, viele Informationen hätten nicht oder noch nicht weitergegeben werden dürfen. Und so blieben viele Fragen der Hinterbliebenen unbeantwortet, was später zu öffentlicher Kritik an der Arbeit der Beamten führte. Der 62-Jährige hat Verständnis dafür, immerhin hätten die Beamten bestimmte Informationen nicht, beziehungsweise nicht in ausreichende Form weitergeben können.

Unsensibler Umgang

So konnten Bestattungen, die in muslimischen Kulturen innerhalb von 48 Stunden durchgeführt werden müssen, nicht rechtzeitig stattfinden. „Ein Widerspruch, den wir in der Beratung nicht auflösen konnten“, so der 62-Jährige. So sei bei den Angehörigen der Eindruck entstanden, dass die Polizei Infos zurückhalte, statt helfe, dass die Polizei Dinge verschleiern wolle.

Der Kriminaloberrat sagt: „Wir haben das Menschenmögliche getan, um im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten Unterstützung und in diesem Spannungsfeld die bestmögliche Arbeit zu leisten.“ Verbesserungsvorschläge hat der Beamte in elf Punkten zusammengetragen – als Fazit und Anregung zur Verbesserung der Arbeit mit Opferangehörigen. Diese wurden mit allen hessischen Polizeipräsidien und dem Landeskriminalamt besprochen. Hier sind auch die Kommunikationsbrüche aufgeführt, die es aufzulösen gelte. Ein weiterer Punkt: Die Kontaktbeamten sollten künftig nicht mehr alleine in diese Gespräche mit Angehörigen gehen, sondern mindestens zu zweit.

Vater des Attentäters als Gefährder angesprochen

Ein weiteres Kommunikationsproblem wurde ebenfalls thematisiert, denn als der Vater des Attentäters zurück nach Hanau kam, suchten die Kontaktbeamten das Gespräch mit den Familien der Opfer. Dass diese sich hierbei als Gefährder und nicht als Gefährdete angesprochen fühlten, hatte massive Kritik ausgelöst. Die leitende Beamtin, die die Anweisung mündlich weitergeben hatte, sich an den genauen Wortlaut aber nicht mehr erinnern konnte, sprach im Ausschuss davon, dass sie auf die hohe Sensibilität hingewiesen habe, mit der die Angehörigen über die Rückkehr des Vaters informiert werden müssten.

In der E-Mail einer Beamtin, aus der eine Abgeordnete der Grünen zitierte, heißt es dazu: „Die Familien sind darauf hinzuweisen, bei einem Zusammentreffen mit dem Vater keine konfliktverschärfenden Maßnahmen zu unternehmen.“ Sensibel klingt das nicht. Da scheint bei der Übergabe der mündlichen Anordnung offenbar ein Fehler passiert zu sein, stellte der Ausschussvorsitzende Marius Weiß (SPD) fest. (Yvonne Backhaus-Arnold)

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